Wir, die Schweiz

Freie Meinungen von frei denkenden Menschen zu Themen, die sie bewegen und beschäftigen.

In Zusammenarbeit mit der digitalen Wirtschaftszeitung punkt4 von Café Europe in Winterthur.

Lockdown, Circuit Breaker und die Verweigerung der Debatte

Steffen Klatt
22.10.2020

Die Verwendung von Anglizismen wie Lockdown und Circuit Breaker für den Umgang mit der Pandemie zielt darauf ab, ihren eigentlichen Sinn zu verwedeln, schreibt Steffen Klatt. Solche Anglizismen verdecken oft eine gefährliche Ahnungslosigkeit und behindern die Debatte.


Anglizismen in der Alltagssprache sind immer wieder Anlass für unfreiwilligen Humor. So werben viele Gastwirte mit dem „Tageshit“ – lies: Tage-Shit, also der Sch… des Tages. En guete! Kaufhäuser und Läden werben regelmässig mit „Sale“. Dabei sollte jeder Sekundarschüler und jede Sekundarschülerin wissen, dass dies in der zweiten Landessprache „schmutzig“ heisst. Den Vogel hat einst der Flughafen Zürich abgeschossen, als er sich Unique Airport nannte. Deutschschweizer betonen Wörter gern auf der ersten Silbe, und dann wird aus unique – nämlich einzigartig – eunuch – nämlich Eunuche. Immerhin hat sich der Eunuchenflughafen wieder zurückbenannt. Für die Alltagssprache gilt also das alte Wort: Wer nichts zu sagen hat, sagt es auf Englisch.

In der Politik dagegen werden Anglizismen gern gebraucht, wenn die eigentliche Aussage möglichst NICHT verstanden werden soll. So sprechen selbst Bundesräte von einem „Lockdown“. Damit meinen sie eigentlich eine Art Massenquarantäne: Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner des Landes sollen zuhause bleiben. Das Wort Lockdown kommt aber aus einem anderen Zusammenhang. Ursprünglich steht es im Englischen für eine Form der verschärften Haft, wenn Gefangene ihre Zellen nicht mehr verlassen dürfen. Im weiteren Sinn wird es für Hausarrest gebraucht. So haben nicht wenige Menschen den Begriff Lockdown auch verstanden, als massive Einschränkung ihrer Freiheit. Aber ist das wirklich, was Bundesräte sagen wollen, wenn sie zu ihren Wählerinnen und Wählern sprechen? Wenn sie es dagegen nicht sagen wollen, warum tun sie es?

Auch der neue Begriff Circuit Breaker wird vermutlich verwendet, um die eigentliche Aussage zu verwedeln. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Leistungsschalter“. Wir finden diesen Leistungsschalter in Sicherungskästen: Wenn die Sicherung rausfliegt, kann man den Schalter wieder umlegen, und schon geht das Licht wieder an. Angewandt auf die Pandemie: Der Staat verfügt einen Circuit Breaker, und schon verschwindet das Virus wieder. So einfach ist es leider nicht. Wer den Begriff Circuit Breaker dennoch verwendet, zeigt damit nur, dass er – oder sie – keine Ahnung hat, wie mit der Pandemie umzugehen ist. Der Anglizismus soll diese gefährliche Ahnungslosigkeit verdecken.

Die Pandemie ist eine Ausnahmesituation. Es gibt nicht viele historische Beispiele, an denen sich die Politikerinnen und Politiker in ihren Entscheidungen orientieren können. Selbst wenn sie es könnten, wissen sie nicht, welche Lehren der Vergangenheit heute noch anwendbar sind. Doch sie müssen es auch nicht wissen. Nicht die wenigen hundert Politikerinnen und Politiker, Beamtinnen und Beamten in Bern müssen Antworten auf die Herausforderung finden. Das müssen vielmehr die 8,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes. Es ist der grosse Vorteil einer Demokratie, sich auf die Weisheit des Volkes abstützen zu können.

Dazu braucht es eine Debatte. Zu einer Debatte gehört es, die Dinge beim Namen zu nennen. Anglizismen behindern die Debatte.

Steffen Klatt ist Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe, die auch die Plattform punkt4.info betreibt. 2018 ist im Verlag Zytglogge sein Buch „Blind im Wandel. Ein Nationalstaat in der Sackgasse“ erschienen.

Im Notstand handeln … oder noch nicht?

Manuel Flury-Wahlen
20.10.2020

Manuel Flury-Wahlen vergleicht den Klimawandel mit einem Zug, der ungebremst in einen Kopfbahnhof rast. Wer verantwortlich handeln wolle, müsse diesen Zug stoppen, auch wenn dafür Regeln gebrochen werden. Das Schweizer Recht kenne dafür den Fall des Notstands.


Der TGV fährt auf dem eigens für die Hochgeschwindigkeitszüge in die Landschaft gebauten Trassee Richtung Paris. Die Fahrt ist angenehm, kein Zittern und Schütteln ist zu spüren, nur ein feiner hoher Ton verrät die hohe Geschwindigkeit. Ich freue mich auf die Tage in Paris, ein erstes Café auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville, den Spaziergang vorbei an den Bouquiniers entlang der Seine und selbstverständlich die kurz bevorstehende Ankunft in den hohen Hallen der Gare de Lion.

Mir kommt das Foto in den Sinn, das ich vor vielen Jahren auf der Titelseite eines Dokuments zu Fehlplanungen entdeckt habe. Das Bild zeigt eine Dampflokomotive, welche die Frontmauer des Kopfbahnhofs der Gare de Montparnasse in Paris durchschlagen hatte. Offensichtlich versagten die Bremsen oder der Bremsweg war zu kurz, als der Lokomotivführer zum Bremsen ansetzte. Kurz frage ich mich, wie lange wohl der Bremsweg eines TGV sei, der mit einer hohen Geschwindigkeit von beispielsweise – wie jetzt – 250 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, wann wohl mit dem Abbremsen begonnen werden muss, damit nicht dasselbe passiert wie damals 1895.

Was, so geht mir durch den Kopf, würde passieren, wenn auf unserer Fahrt die Bremsen total versagten, es jedoch dem Lokomotivführer gelingen könnte, mit verringertem Antrieb den Zug rechtzeitig zum Halten zu bringen? Müsste er dies bereits jetzt, eine gute Stunde vor Paris tun oder würde es ausreichen, den Zug eine Viertelstunde vor Ankunft ausrollen zu lassen?

Dieser Gedanke lässt mich nun nicht mehr los. Angenommen, so überlege ich, der Lokführer schätzt die Situation so ein, dass er erst spätestens zehn Minuten vor Paris den Antrieb wegnehmen und den Zug ausrollen lassen kann? Wäre es aus der Sicht des Lokführers ein Gebot der Vorsicht, den Antrieb bereits jetzt auf Null zu reduzieren und den Zug ausrollen zu lassen? Dies würde wohl den ganzen Bahnbetrieb total durcheinanderbringen, alle anderen Züge müssten angehalten werden und dies mitten im abendlichen Stossverkehr! Dies ist eine Horrorvorstellung für den Lokführer, der um seine Stelle fürchtet. Wie soll der Lokführer die Situation situationsgerecht einschätzen? Er verfügt, so meine Einschätzung, über keine Erfahrungen, wie weit ein rollender Zug, ungebremst aber ohne Antrieb fährt. Mir ist klar: Jetzt ist der späteste Zeitpunkt zu handeln, dies, um allen möglichen Fehleinschätzungen zuvor zu kommen. Es ist meine Pflicht, den Lokführer dazu zu bringen, unmittelbar den Antrieb auf Null zurückzufahren. Dem Lokführer darf dabei nichts angelastet werden, er handelt aus einem Notstand. Anders kann er die mögliche Katastrophe nicht vermeiden.

Die zumeist jungen Leute auf dem Bundesplatz versuchten die Lokführer und -führerinnen im Parlamentsgebäude zu erreichen und sie zum Abbremsen zu bewegen, zur Reduktion der schädlichen Klimagase. Sie haben eine Ahnung davon, wie nur mit einer Vollbremsung die Katastrophe bei der Ankunft im „1,5 Grad Celsius Erwärmung“-Bahnhof verhindert werden kann. Die Lokführer und -führerinnen im Parlament und an der Spitze der politischen Behörden sind jedoch der Ansicht, dass sich ein „Ausrollen lassen“ zum heutigen Zeitpunkt – das heisst die Treibhausgasemissionen jetzt so zu reduzieren, so dass wir bei maximal 1.5 Grad Erwärmung unbeschadet ankommen – nicht aufdrängen würde! Der Klimabewegung auf dem Bundesplatz und anderswo sprechen diese Leute den „rechtfertigenden Notstand“ ab. Es bestehe kein Notstand, wir seien ja noch nicht in Bahnhofsnähe! Es müsste ihnen allen aber klar sein, dass mit einer Politik des weiteren „Anheizens“ die 1,5 oder gar 2 Grad Erwärmungsgrenze nicht zu halten sind, dass der Zug also mit voller Wucht durch die Wand des Kopfbahnhofs rasen wird! Gehen sie von einem imaginären Bahntrassee hinter dem Kopfbahnhof aus? Zumindest in unserem Fall fehlt ein solches auf der anderen Seite der Gare de Lyon.

Es herrscht ein Notstand, der entsprechendes Handeln – das „Ausrollen lassen jetzt“ – aufdrängt! Der so zu rechtfertigende Notstand ist im Schweizerischen Strafgesetzbuch, Art. 17.3 verankert:

„Wer eine mit Strafe bedrohte Tat begeht, um ein eigenes oder das Rechtsgut einer anderen Person aus einer unmittelbaren, nicht anders abwendbaren Gefahr zu retten, handelt rechtmässig, wenn er dadurch höherwertige Interessen wahrt.“

Die meisten Gerichte betrachten jedoch den Notstand im Zusammenhang mit dem Klimawandel als nicht gegeben. Eine Ausnahme bilden zwei Gerichte in Lausanne und in Genf, die eben in viel beachteten Entscheiden Klimaaktivistinnen diesen Notstand zugebilligt haben. Ein Entscheid des Bundesgerichts in derartigen Fragen steht jedoch noch aus.

Wie muss sich die Lage präsentieren, dass von einem Notstand im Sinne des Strafgesetzbuchs gesprochen werden kann? Trinkwasserknappheit wegen monatelanger Trockenzeit bei abgeschmolzenen Gletschern? Zugeschüttete Bergtäler wegen Bergstürzen aus aufgetauten Permafrostgebieten?

Müssen die Klimajugend und alle Klimaaktivist*innen noch lauter schreien bis diejenigen, die vorne stehen und die Bremspedale bedienen, reagieren und, endlich, die Notstandsmassnahmen beschliessen, damit der Klima-Zug doch noch zum Stoppen gebracht werden kann?

Manuel Flury-Wahlen ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Kreativ investieren

Christian Häuselmann
14.09.2020

Wir geben viel Geld aus, für den täglichen Bedarf oder als langfristige Investition. Wir entscheiden dabei mit, wie unsere Welt aussieht, heute und in Zukunft. Christian Häuselmann regt daher dazu an, sein Geld verantwortungsbewusst auszugeben – und kreativ.


Wo soll ich investieren? Diese meistens im Zusammenhang mit Finanzmärkten oder Firmen-Beteiligungen verstandene Frage bekommt für jung und alt zunehmend eine neue Dimension: Wem gebe ich mein Geld, was machen diese damit - und was erhalte ich als Gegenleistung?

Negativzinsen, das unbeschränkte Gelddrucken, verheissungsvoll boomende Börsen oder die ungesicherte Altersvorsorge machen diese Überlegungen nicht einfacher. Ein ernüchterndes Fazit ist zu ziehen: normale Sparer und verantwortungsvolle Unternehmende werden zunehmend benachteiligt, Menschen und Organisationen mit Hochrisiko-Strategien werden belohnt. Die Politik und die Notenbanken haben seit der letzten Finanzkrise 2008/09 keine befriedigenden Antworten mehr. Sie stützen und fördern extremes Finanz-Verhalten, das dem gesunden Menschenverstand oft diametral entgegensteht. Das System scheint also an etwas sehr Tiefliegendem zu kranken.

Wird die Investitionsfrage jedoch aus etwas kreativerem Blickwinkel heraus betrachtet, ergeben sich ermutigende Antworten. Hier zwei Beispiele.

Erstens: Jeder tägliche Einkauf ist eine Investition. Wir können einen Besen kaufen für 2 Franken 95 Rappen, und sind uns bewusst: dieser billige Preis basiert auf billiger Qualität, ermöglicht sehr wahrscheinlich dank Ausbeutung von Natur und Mensch. Sehr wahrscheinlich investieren wir damit auch in ein diktatorisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Und jedes Jahr ist ein neuer Besen zu kaufen, weil der alte bereits kaputt ist. Das ist unser freier Entscheid. Wir können aber bewusst auch einen deutlich teureren Besen kaufen, mit einem Stiel aus einheimischem Holz, der Jahrzehnte seinen Dienst leisten wird und wo wir die abgenützten Borsten einfach und modular ersetzen können. Über die Jahre gerechnet sparen wir wohl sogar Geld. In diesem Fall könnte das Investitionsmotto lauten: „Lokal kaufen – Demokratie stärken“.

Zweitens: Wir alle haben täglich eine persönliche Portion Kreativität und Energie zur Verfügung. Wir können frei entscheiden, wie wir diese in eine verrückte Idee, ein motivierendes Projekt, private Beziehungen und unsere berufliche Arbeit investieren wollen. Es lohnt sich, in Ruhe in sich hineinzuhorchen und zu entdecken, wo die persönliche Passion liegt, wo das Feuer für eine Idee brennt. Wozu wir bereit sind, alles zu geben.

Entscheidend ist, sich bewusst Fragen zu stellen wie: Wo investiere ich meine Energie, meine Kreativität, und mein Geld? Für wen? Für was? Was macht mir Spass? Und: welche dieser Entscheidungen machen mich stolz?

Die Investitionsfrage nicht mit einer rein auf Geldrendite beschränkten Brille zu betrachten ist ein Experiment, das wir diskutieren können – danke!

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert. Try longterm.

Von Fehlern lernen ... eine bedeutungsvolle Aussage

Manuel Flury-Wahlen
04.09.2020

Der richtige Umgang mit Fehlern wird oft angemahnt und selten praktiziert, schreibt Manuel Flury-Wahlen. Im Gegenteil: Fehler werden dauerhaft bestraft, Erfolge rasch vergessen. Das zeigt der öffentliche Umgang mit dem Bundesamt für Gesundheit. Es geht aber auch anders.


Mit gross aufgemachten Schlagzeilen streichen verschiedene Medien in diesen Tagen und Wochen die Fehler des Bundesamtes für Gesundheit BAG in der Bewältigung der Coronakrise hervor. Die ganze Bevölkerung hat es erfahren: Das BAG hat drei Tage, nachdem es seine Angaben zu den wichtigsten Übertragungsorten des Coronavirus veröffentlichte, diese korrigiert. Das Amt hat sich für den Fehler entschuldigt. Für diese Kommunikation und die Verbesserung hat das BAG nun jedoch nicht Komplimente für vorbildliches Fehlerverhalten erhalten. Im Gegenteil. Die Rufe nach Skandal standen im Vordergrund und der Gesundheitsminister höchst persönlich musste das „bashing“ entgegennehmen. Wie in diesem Fall wird in vergleichbaren Fällen oft gefordert, das Fehlverhalten „schonungslos aufzudecken“ und die Verantwortlichen „zur Rechenschaft zu ziehen“ Leisere Töne sind hingegen, wenn überhaupt, zu vernehmen, wenn verbesserte Lösungen eingeführt werden oder sich die Fehler als nicht gravierend entpuppt haben.

Wie steht es im beruflichen Alltag? Wer erhält für eine verbesserte Lösung ein Lob, eine bessere Beurteilung oder gar eine Lohnerhöhung? Oder bleibt es bei einer schlechteren Beurteilung, eben wegen eines Fehlers? „Nur wer nichts tut, macht auch keine Fehler“, wird etwa salopp gesagt. Dies lädt kaum dazu ein, etwas aktiv zu tun und innovativ zu sein, im Wissen, dass dabei auch Fehler passieren können.

Seit mehr als zehn Jahren veröffentlicht der kanadische Arm der Engineers without borders ihre jährlichen „Failure Reports“, Berichte über Misserfolge. „Failure – causes of failure – lessons learned”, dies das simple Muster dieser Berichte. Kein Partner dieser Organisation hat ihr deswegen seither die Unterstützung resp. Aufträge entzogen. Zwei Absichten verfolgen die Engineers without borders mit ihren Berichten. Zum einen: Fehler und das, was daraus gelernt wurde, hervorheben und, noch wichtiger, zum zweiten einen Dialog über die Herausforderungen ihrer Arbeit führen. Aus Fehlern lernen, um Dinge besser zu tun, dies ist das Motto der Ingenieure ohne Grenzen in Kanada.

„Aus Fehlern lernen“ ist eine Standardaussage im betrieblichen (Wissens-)Management. „Fehler sind Chancen“, ist ein Gemeinplatz im Alltag. Trotzdem: Sind Fehler nicht oftmals Flecken im Reinheft? Bleiben im viel zitierten Elefantengedächtnis die Fehler und Versäumnisse nicht besser haften als Erfolgsgeschichten? Meine Erfahrungen als Verantwortlicher für Wissensmanagement lehren mich: Fehler bleiben im institutionellen Gedächtnis länger haften als ausserordentliche Leistungen, Fehler eingestehen ist nur selten eine Tugend und kaum jemals werden Mitarbeitende ausgezeichnet, die aus fehlerhaftem Vorgehen eine erfolgreiche, weil bessere Lösung entwickelt haben.

Die Engineers without borders in Kanada stellen klar: Sie nehmen Fehler bei der Verfolgung ihrer Ambitionen nicht auf die leichte Schulter. Die Organisation ist aber überzeugt, dass ein gewisses Mass an Misserfolg unvermeidlich ist, wenn experimentiert und neue Dinge ausprobiert werden sollen. Frühzeitig erkennen, wo Anstrengungen fehlschlagen, und das Gelernte anwenden, um sich kontinuierlich zu verbessern, dies ist der Schlüssel zum Erfolg. Es ist gleichzeitig Ausdruck der Verantwortung, das Versagen so produktiv wie möglich zu gestalten, das heisst, die Konsequenzen zu minimieren, so dass der Wert des Gelernten die Kosten des Fehlers aufwiegt.

Eine Fehlerkultur leben bedeutet Fehler als Chance zu erkennen und das aus Fehlern Gelernte - die verbesserte oder bessere Lösung - zu würdigen. Wie halten wir es mit unseren Kindern? Wir hacken nicht auf ihren Fehlern herum, so dass sie in Angst aufwachsen. Nein! Wir loben sie für ihre Erfolge, ihre Fortschritte und stärken auf diese Art ihre Eigenständigkeit. Genauso schätzen wir es als Erwachsene, für das – auch aus Fehlern – Gelernte Respekt und Wertschätzung zu erfahren. Genauso können Unternehmungen, private wie staatliche, in ihrem konstruktiven Umgang mit Fehlern und Messerfolgen gestärkt werden, statt sich am öffentlichen Pranger zu finden und einen nächsten Fehler möglichst schön zu reden oder gar zu verheimlichen.

Manuel Flury-Wahlen ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Die richtige Stromversorgung für eine klimataugliche Schweiz

Fabian Etter
10.08.2020

Die Politik soll den Ausbau von Grossanlagen für erneuerbare Energien fördern. Das fordert Fabian Etter, Co-Präsident von swisscleantech. Die vom Bund vorgeschlagenen Auktionen sind dabei ein sinnvoller Weg. Dabei sollte die Produktion von Winterstrom besonders berücksichtigt werden.


Mitte Juli ging die Vernehmlassung für die Revision des Energiegesetzes zu Ende. Was relativ trocken und komplex klingt, ist für die Klimapolitik entscheidend. Denn: es wird uns nur gelingen die schweizerische Volkswirtschaft klimatauglich zu gestalten, wenn wir bis 2050 vollständig aus den fossilen Energien aussteigen und auf Energieeffizienz und erneuerbaren Strom setzen. Die Frage, mit welchen Ansätzen dies gelingen kann, steht im Zentrum der Vernehmlassung.

Der Grund für die Revision ist eine Analyse des Bundesamtes für Energie (BFE), die aufzeigt, dass der aktuelle Zubau von erneuerbaren Energien nicht ausreicht, um die Schweiz klimatauglich zu gestalten. Klimatauglich bedeutet in diesem Zusammenhang, eine zu 100% erneuerbare, sichere und bezahlbare Stromversorgung sicherzustellen. Diese muss in der Lage sein, genügend Strom zu produzieren, damit wir die für den Klimaschutz notwendige Elektrifizierung der Bereiche Wärme und Mobilität vorantreiben können. Es müssen deshalb neue Anreize gesetzt werden, um den Zubau von erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

Wer die Vernehmlassungseingaben der verschiedenen Wirtschaftsverbände genauer betrachtet, stellt fest, dass in der Schweiz immer noch aus ideologischen Schützengräben argumentiert wird. Auf der einen Seite findet sich der Dachverband economiesuisse, der jeglichen Ausbauzielen von erneuerbaren Energien kritisch gegenübersteht, weil er befürchtet, dass dies zu neuen Steuern führen wird. Economiesuisse schlägt zudem vor, das Thema Versorgungssicherheit dadurch zu adressieren, dass ein Teil des Netzzuschlags für den Bau neuer Gaskraftwerke verwendet werden soll. Fördert man gleichzeitig Gaskraftwerke und plant den Ausstieg aus der Förderung der Erneuerbaren, führt dies unweigerlich zum Anstieg der CO2-Emissionen. Der Wegfall der Kernkraftwerke kann nicht alleine durch den Import von Strom kompensiert werden. Dies zeigt, dass economiesuisse die Zeichen der Zeit nach wie vor nicht erkannt hat und dem Klimaschutz zu wenig Bedeutung beimisst.

Auf der anderen Seite positionieren sich Energieversorger und die neu gegründete Allianz der Schweizer Energiewirtschaft unter der Führung von AEE Suisse, deren Vernehmlassung stark von Eigeninteressen gekennzeichnet ist. Beispielsweise schlägt die Allianz ein Vergütungsmodell namens „gleitende Marktprämie“ vor, das dem Staat die Risiken überträgt, während die Energieversorger das Recht behalten sollen, die Gewinne einzustreichen. Für swisscleantech geht dies zu weit. Es ist nachvollziehbar, dass die Branche eine gewisse Planungssicherheit und Anreize fordert, um die wirtschaftlichen Risiken ihrer Investments abzufedern. Es kann aber nicht sein, dass dies zu einer so einseitigen Verteilung von Gewinn und Verlust führt. Unternehmerische Risiken gehören zum Unternehmertum dazu.

swisscleantech hat einen anderen Ansatz gewählt: Für uns ist die Frage entscheidend, welche Entwicklungen aus der Perspektive der gesamten Volkswirtschaft richtig sind. Dabei gilt es zuerst die Probleme gründlich zu analysieren. Aufgrund unserer Datenanalyse sind auch wir zum Schluss gekommen, dass eine stärkere Incentivierung für neue Grossanlagen zur Erzeugung von erneuerbarem Strom zwingend notwendig ist, wenn wir die Versorgungssicherheit langfristig sicherstellen wollen. Allerdings sehen wir die Herausforderung vor allem in den Wintermonaten. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass die Politik primär dieses Problem lösen muss.

Das BFE schlägt in seiner Vernehmlassungsvorlage vor, vermehrt auf Auktionsverfahren zu setzen, um den Zubau möglichst kosteneffizient zu regeln. Als Novum setzt das BFE auf Auktionen für Investitionsbeiträge. Wir erachten Auktionen für den Zubau von erneuerbaren Anlagen als sinnvollen Weg, da sie die Transparenz und die technologische Innovation fördern. Bei der Ausgestaltung der Auktionen müssen jedoch die Kosten für die Winterstromproduktion sehr stark gewichtet werden, da dadurch der Zubau in diesem gemäss unserer Analyse kritischen Zeitraum besonders gefördert wird.

swisscleantech möchte längerfristig noch deutlicher auf Auktionen setzen, als dies das BFE tut. Ob dabei auf eine Entschädigung pro erzeugte Kilowattstunde oder auf Investitionsbeiträge gesetzt wird, scheint uns sekundär. Beide Modelle stellen sicher, dass rentable Businessmodelle möglich sind, belassen jedoch einen grossen Teil des Risikos beim Produzenten. Viel wichtiger, so unser Schluss, ist jedoch die detaillierte Ausgestaltung der Auktionsmechanismen. Nur so kann sichergestellt werden, dass Fairness sowohl für die Produzenten wie für die Konsumenten ausgehandelt und inländischer erneuerbarer Strom in einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis zur Verfügung gestellt werden kann. Deshalb werden wir auf die dazu notwendige Verordnung ein Augenmerk halten. Zudem ist für swisscleantech auch klar, dass es eine Straffung von Bewilligungs- und Beschwerdeverfahren braucht, um den nötigen Zubau in der Schweiz zu realisieren. Denn die aktuelle Situation mit langwierigen Verfahren schreckt viele Investoren ab.

Fabian Etter ist Co-Präsident von swisscleantech. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der Energie Zukunft Schweiz AG und Verwaltungsrat der Elektro Etter AG.

Das Lehrstück Boeing

Christian Häuselmann
22.07.2020

Wenn Unternehmen auf Rendite getrimmt werden statt auf Technologieführerschaft, dann leiden am Ende die Qualität der Produkte – und damit auch das Unternehmen selbst. Das zeigt das Beispiel Boeing, schreibt Christian Häuselmann.


Boeing im Nordwesten Amerikas war über Jahrzehnte eine innovative Industrieperle, die regelmässig neue Standards in der Luftfahrt setzen konnte. Ein Technologie-Innovator der alten Schule. Im Zeitraum Oktober 2018 bis März 2019 fallen plötzlich innert nur fünf Monaten zwei ihrer neusten Produkte vom Himmel, die Abstürze fordern hunderte Todesopfer: die maximale Katastrophe für alle Beteiligten. Die Untersuchungen konzentrieren sich rund um das digitale Steuerungssystem MCAS (Maneuvering Control Augmentation System). Seither ist Boeing sprichwörtlich am Boden. Ende April 2020 wurde die Entlassung von 12'000 Mitarbeitenden angekündet, dies entspricht fast 8% der Belegschaft.

Was ist passiert? Hier ist eine Spur. In den letzten zehn Jahren wurden bei Boeing rund 50 Milliarden US Dollar in Dividenden, Saläre und Boni des obersten Managements sowie Aktienrückkaufprogramme investiert. Der Wind hat von Technologieführerschaft auf gierige Finanzrendite gedreht. Boeing ist dabei keineswegs ein Einzelfall und in guter Gesellschaft. Offensichtlich wurden in dieser Zeitspanne in der amerikanischen Luftfahrtindustrie 96 Prozent des freien Cash-Flows mit diesen drei Instrumenten - Dividenden, Saläre und Boni des obersten Managements, sowie Aktienrückkaufprogramme - aus den Firmen hin zu Investoren und sogenannten Top-Managern geschleust! Für die Firmen selbst blieben ganze 4 Prozent übrig. So kann kein Unternehmen langfristig überleben.

Die zentrale Frage ist: Wer löste bei Boeing diese Entwicklung aus? Sind es die leidenschaftlichen Ingenieurteams, welche die weltbesten Flugzeuge bauen wollen? Sind es die Manager, deren wichtigste Kennzahl zum Messen von Erfolg sich auf die Höhe ihrer jährlichen Bonuszahlung reduziert hat? Oder sind es die mächtigen Investoren, welche im Hintergrund die strategischen Fäden ziehen?

Es scheint, dass heute die beiden grössten Vermögensverwalter der Welt, darunter Blackrock, gemeinsam durchschnittlich gut 20% der weltweit 500 grössten börsenkotierten Firmen besitzen. Das bedeutet bei solch grossen Firmen praktisch die entscheidende Stimme. Einziger Auftrag dieser Vermögensverwalter ist, aus Geld mehr Geld zu machen für sich selbst, und für ihre Kunden.

Warum ist Boeing abgestürzt? Man rechne. Und schliesse daraus die richtigen Schlüsse für die eigenen Strategien und Arbeiten.

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert. Try longterm.

Der Ort ist ein Ort ist ein Ort

Michael Lünstroth
17.07.2020

Ist Kunst, die in Metropolen entsteht, automatisch besser? Nein, natürlich nicht, schreibt Michael Lünstroth. Warum es Zeit wird, mit der Verklärung des Urbanen und der Geringschätzung des Regionalen aufzuhören.


Städte sind grossartig. In ihnen pulsiert das Leben, sie sind Knotenpunkt für unzählige Begegnungen, Ausgangspunkt für zahlreiche Romane, Filme, Kunstwerke und Sehnsuchtsort für alle, die von einem aufregenden Leben träumen. Das vermutet man eben eher in Berlin als in Frauenfeld. Der Grossstadt-Sog hält die Welt in Atem: Aktuell leben fast 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, bis ins Jahr 2050, so prognostizieren es die Vereinten Nationen, wird diese Zahl auf 68,4 Prozent steigen.

Wer so populär ist, der neigt auch manchmal zu Überheblichkeit. Städter blicken oft eher etwas mitleidig auf Menschen, die in der so genannten Provinz leben. Das lag oft auch daran, dass viele Entwicklungen und Trends von Städten ausgingen und dann manchmal erst Jahre später in den Dörfern ankamen. Aber spätestens durch die Digitalisierung wurde dieser Gegensatz von Stadt und Land aufgehoben. Heute kann jeder, der will, in Echtzeit an weltweiten Trends, Moden, Denkweisen teilhaben. Dazu braucht es nur ein Smartphone. Ob man das in Arbon oder New York benutzt, spielt eigentlich keine Rolle mehr. Nicht der Ort, in dem man wohnt bestimmt das Denken, sondern das Denken bestimmt das Denken.

Absurd: Als bestimmte der Produktionsort die Wertigkeit der Kunst

Trotzdem wird selbst in der sonst als so offen und progressiv geltenden Kulturszene, der alte Stadt-Land-Gegensatz weiter munter gepflegt. Man sieht das zum Beispiel daran, dass Verlage und Medienhäuser ihre regionalen Kulturseiten ausdünnen oder ganz einstellen, weil sie sich lieber auf die grossen Häuser in den Zentren konzentrieren wollen. Oder auch daran, dass Veranstalter ein Festival mit ausschliesslich regionalen KünstlerInnen ernsthaft „Kulturfestival light“ nennen.

Als wäre Kunst, die in, sagen wir Kreuzlingen, entstanden ist, per se leichtgewichtiger und schlechter als solche Kunst, die mit dem coolen Stadtlabel von Los Angeles daher kommt. Als bestimmte der Produktionsort der Kunst ihre Wertigkeit. Eine absurde Vorstellung, die sich sehr zäh hält.

Dabei gibt es doch seit Jahrzehnten zahlreiche Gegenbeispiele. Die Gruppe 47, der wahrscheinlich einflussreichste Schriftstellerclub der deutschen Nachkriegszeit, wuchs aus der Provinz. Städtchen wie Murnau und Kochel waren für die Blauen Reiter um Franz Marc und Wassily Kandinsky essentiell. Im Tessin wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein Hügel bei Ascona zum Monte Veritá erhoben: Tanz und Malerei wurden hier prominent gepflegt.

Wie Kunst und Dorf zusammenfinden

Wer mehr Beispiele will: Dass grosse Kunst eben auch in kleinen Gemeinden entstehen kann, zeigt eindrücklich das 2013 von Britta Polzer herausgegebene Buch „Kunst und Dorf. Künstlerische Aktivitäten in der Provinz“. Einer der Autoren des Buchs ist übrigens Alex Meszmer vom Transitorischen Museum Pfyn. Mit der Aktion „Kulturhauptstadt Pfyn“ hat der Thurgauer 2011 und 2012 auch praktisch vorgeführt, wie kraftvoll die Melange aus Kunst und Dorf sein kann. Im vergangenen Jahr widmete er eine Jahrestagung des europäischen Netzwerkes „Culture Action Europe“ dem Thema „Kultur im ländlichen Raum“.

Alex Meszmer war vielleicht einer der Ersten, inzwischen ist er im ländlichen Thurgau aber längst nicht mehr der einzige, dem es gelingt Kunst und Dorf zu versöhnen. Man muss sich nur in jedem Jahr die Liste der Förderbeitrags-GewinnerInnen des Kantons anschauen. Jedes Jahr aufs Neue findet man dort aussergewöhnliche KünstlerInnen, die sich mit ihren Arbeiten vor niemandem zu verstecken brauchen. Dasselbe gilt im Übrigen für zahlreiche Kulturorte in der Region. Das Presswerk in Arbon, der Kunstraum in Kreuzlingen, das Haus zur Glocke (Steckborn) das Theater Jetzt (Sirnach) oder die Theaterwerkstatt Gleis 5 müssen den Vergleich mit ihren grossstädtischen Kollegen nicht scheuen.

Nicht die Herkunft sollte entscheiden, sondern die Qualität

Klar: Was gute Kunst ist und was nicht, ist oft strittig. Was hingegen nicht strittig sein sollte, ist dass nicht der Ort des Entstehens darüber entscheidet, sondern einzig die Qualität des Werkes.

Michael Lünstroth (42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen.

Wie du dir deiner Lebensvision klar wirst

13.07.2020

Menschen haben Visionen. Yves Nager zeigt auf, wie sie ihre eigenen Visionen finden können. Er erwartet, dass eine Zeit der Stille kommen wird, welche die Menschen offener machen wird.


Als ich Anfang Juli aufwachte, erinnerte ich mich an das vertraute Gefühl von Aufregung, Neugier und einer leichten Angst, das ich am Morgen des 30. Juni 2011 hatte. Nachdem ich eine sechsmonatige Ausbildung beim PCAB (Pacific Center for Awareness and Bodywork) abgeschlossen hatte, verliess ich an diesem Tag Kauai, um eine Visionssuche zu unternehmen und alle Hawaii-Inseln zu besuchen. Die Reise führte mich zu vielen Heiau und kraftvollen Orten, als ich durch Big Island, Maui, Molokai, Lanai, Oahu und zurück nach Kauai reiste.

Im Wesentlichen beschreibt der Begriff Visionssuche eine spirituelle Reise, auf der die Teilnehmer Stärke und heiliges Wissen aus der spirituellen Welt erhalten sollen. Visionssuchen spiegeln tiefe Meditationen und die Rolle der Spiritualität in indigenen Kulturen wider und stellen eine wichtige Verbindung zwischen den Teilnehmenden, dem Schöpfer und der Natur her. Während einer Visionssuche haben die Teilnehmenden auf der Suche nach spiritueller Führung oft Träume, Visionen oder übernatürliche Erfahrungen.

Visionssuchen werden seit Tausenden von Jahren von vielen Menschen in verschiedenen Kulturen durchgeführt. Moses bestieg den Berg Sinai, Buddha ging zur Mediation unter den Bodhi-Baum, Christus und die biblischen Propheten fasteten in der Wüste, Mohammed zog sich in eine Höhle zurück. Und viele Indianer, Mystiker und Sucher der spirituellen Wahrheit machen sich auf Visionssuchen auf, um ihre Richtung und ihren Sinn im Leben zu finden.

Für die Visionssuche vor neun Jahren war meine Absicht, über die Hawaii-Inseln zu reisen, so viele heilige Stätten (Heiau genannt) wie möglich zu besuchen, und während meiner dreiwöchigen Reise vom Spirit, dem Land und den Ahnen geführt zu werden. Ich wollte Orte abseits der Touristenpfade besuchen und mich so weit wie möglich von beliebten touristischen Destinationen fernhalten, um mich mit den natürlichen Elementen und der hawaiianischen Kultur zu verbinden und daraus zu lernen.

Am Ende besuchte ich mehr als 50 Heiau, und ich schloss meine Reise auf Kauai ab, wo ich 18 Kilometer zum abgelegenen Kalalau-Tal an der wunderschönen Küste von Na Pali wanderte. Heiau sind heilige Orte der Anbetung, der Macht, der Geschichte, des Geheimnisses und der Magie. Diese Orte befinden sich dort, wo die natürlichen Energien aussergewöhnlich lebendig und gesund sind und sich in einer enormen natürlichen Schönheit widerspiegeln, die durch die Elemente Land, Licht, Luft und Wasser erzeugt wird.

Eine der Erkenntnisse, die ich vor neun Jahren von meiner Visionssuche erhielt, war, dass die Vision deines Lebens dir Klarheit gibt und dich motiviert, deine Tage im Wissen und Gefühl zu verbringen, dass du dich auf das zubewegst, was wirklich wichtig und bedeutungsvoll für dich ist. Ich begann zu verstehen, dass die Ausrichtung meiner Lebensvision auf meine Werte mir auch hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn ich auf meiner Reise vor einem Scheideweg stehe.

Heute möchte ich dir drei einfache, aber wirksame Übungen vorstellen, durch die du Klarheit zu deiner Lebensvision finden kannst, ohne dich dazu (unter den gegenwärtigen Umständen) auf eine physische Visionssuche zu machen:

1) Schreibe Details deines idealen Lebens auf: Schreibe zuerst deinen idealen Tag vom Aufwachen bis zum Schlafengehen auf. Schreibe auf, wie dein Tag aussehen soll. Beziehe dabei bitte alle deine fünf Sinne ein: Wie würdest du dich fühlen, wenn du deinen idealen Tag beginnst? Was und wen siehst du? Was würdest du hören, riechen und schmecken? Was würdest du tun? Der Schlüssel ist, einfach mit dem Schreiben zu beginnen. Je mehr du aufschreibst, desto detaillierter wird deine Vision werden.

2) Erstelle ein Vision Board: Schneide als Nächstes Bilder, Wörter und Zitate aus, die deine Aufmerksamkeit auf sich ziehen oder dich inspirieren. Es ist wichtig, nicht zu analysieren, sondern sie einfach zu sammeln und herauszureissen. Erlaube dir gross zu träumen, während du nach Bildern, Wörtern und Zitaten suchst. Ordne danach diese Bilder, Wörter und Zitate auf einem grossen Blatt Papier oder einer Tafel an. Konzentriere dich auf deine Emotionen: Wie du dich fühlst, ist wichtiger als das, was du denkst, während du dein Vision Board erstellst.

3) Reise in deine Zukunft: Nachdem du dein ideales Leben mental beschrieben hast, indem du es aufschreibst und es visuell und emotional ausdrückst indem du dein Vision Board erstellst, ist es wichtig, auch körperliche Bewegung einzubeziehen. Lege für die nächsten drei Monate, sechs Monate, ein Jahr, fünf Jahre und zehn Jahre ein Blatt Papier auf den Boden. Stell dich nacheinander auf jedes Blatt Papier, schliesse die Augen, achte auf deinen Atem und frage dich: Was sehe, höre, fühle, rieche, schmecke ich? Wer ist bei mir? Wo bin ich? Was liebe und schätze ich daran?

Als ich mich vor neun Jahren auf meine Visionssuche machte, hoffte ich, Einsichten über mein persönliches Leben, zu meiner Zukunft und wie ich meine Gaben am besten mit anderen teilen kann erhalten würde. Interessanterweise bezogen sich die Erkenntnisse und Visionen, die ich während der Besuche der Heiau und durch Gespräche mit hawaiianischen Lehrern erhielt, hauptsächlich auf hawaiianische Kultur sowie auf die Vergangenheit und die Zukunft Hawaiis.

Während der Traumzeit in der Nacht erhielt ich auch Einblick auf eine Zeit der Stille, die sich unserer Welt näherte und die Menschen dazu drängen wird, offener zu sein, um spirituelle Führung zu erhalten und ihr Leben neu zu strukturieren. Ich dachte zuerst, dass diese Zeit bereits Ende 2012 kommen würde. Wenn ich jedoch nun über meine Visionen nachdenke, frage ich mich, ob diese prophetischen Träume irgendwie die gegenwärtigen Zeiten des Umbruchs, der Auflösung und der Umstrukturierung vorhersagten.

Yves Nager, geboren 1976 in der Schweiz, lebt seit vielen Jahren auf Kauai, Hawaii. Er ist Autor des im Giger Verlag erschienenen Buches „Hawaiianische Wiedergeburt“, das in der englischen Originalausgabe als „Hawaiian Rebirth“ erschien. Yves ist zertifizierter Coach und Yoga Nidra-Lehrer. Seit einem Jahrzehnt begleitet er Menschen und Unternehmen dabei, nachhaltige und ganzheitliche Lösungen zu finden und Möglichkeiten zu schaffen.

Dieser Meinungsbeitrag ist zuerst als Blog auf seiner Internetseite erschienen.

Menschenwürdiges Wirtschaften lässt sich schlecht als innovativ verkaufen

Karin Landolt
10.07.2020

Die Konzerninitiative schafft aus der Sicht von Karin Landolt einen moderaten ethischen Standard für eine menschenwürdige Wirtschaft. Er sollte ebenso selbstverständlich werden wie die ökologische Nachhaltigkeit.


Sie kennen den Begriff Cleantech. Cleantech ist im Trend, Cleantech heisst Innovation und erfolgsversprechende Businessmodelle mit ressourcenschonenden Technologien und Dienstleistungen.

Klingt vielversprechend und verheisst eine umweltverträgliche Wirtschaft, eine saubere Weste ohne idealistische Verzichtsleistung. Auch Aktionärinnen und Aktionäre investieren gerne, ja immer mehr, in Cleantech-Unternehmen (laut Verband Swiss Sustainable Finance waren es letztes Jahr 1,16 Billionen Franken) und liefern frisches Kapital für die Weiterentwicklung von innovativen Produkten mit geringem CO2-Ausstoss. Das Cleantech-Label lässt sich gut vermarkten. So weit so gut.

Cleantech könnte auch weiter gefasst werden: als saubere Weste im Umgang mit der Menschenwürde, insbesondere in unterentwickelten Produktionsländern, wo Menschenrechte und ein funktionierender Rechtsstaat oft nicht garantiert sind. Innovation in Bezug auf Menschenwürde lässt sich jedoch aus ethischen Gründen schlecht vermarkten. Ein Slogan wie „Neue Rezeptur ganz ohne Kinderarbeit“, klingt beschämend und ist kontraproduktiv, denn eine Kundin oder ein Kunde setzt solches als selbstverständlich voraus. Alles andere ist dreckig, unclean, unethisch, und noch imageschädigender als eine schlechte Umweltbilanz.

Auch Aktionärinnen und Aktionäre tragen Verantwortung. Den meisten Anlegerinnen und Anlegern ist eine menschenwürdige und nachhaltige Wirtschaft wichtig, niemand will eine Dividende auf dem Buckel von rechtlosen Arbeitern oder Regenwaldabholzung ausgeschüttet haben. Sei es aus Gewissensgründen, sei es, weil dreckiges Wirtschaften dem Image des Unternehmens schadet, in das sie investieren; denn dreckiges Wirtschaften kann Strafverfahren und langwierige Prozesse mit sich bringen, unter welchem letztlich auch Anlegerinnen und Investoren zu leiden haben.

Unternehmen bewerben heute Innovation mit hohen Umweltstandards. Menschenwürdiges Verhalten lässt sich hingegen schlecht als innovativ verkaufen. Sie sind darum gut beraten, die Konzernverantwortungsinitiative mitzutragen. Diesen neuen, moderaten ethischen Standard mitzutragen macht sie glaubwürdiger, als wenn sie die Konkurrenz mit teuren Greenwashing-Hochglanzbroschüren auszustechen und die Verantwortung der Konzerne mit fadenscheinigen Ausreden zu verwedeln versuchen. Andernfalls muss die Konsumentin oder der Anleger davon ausgehen, dass sie es nicht ernst meinen, mit Drecksgeschäften, die sich in der Wertschöpfungskette verbergen könnten, aufzuräumen.

Karin Landolt ist Co-Geschäftsleiterin bei Actares, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften, und Inhaberin von Gesprächskultur. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Winterthur.

Wer sagt uns eigentlich, was richtige Bildung ist?

Raphael Tobler
09.07.2020

Bildung soll das Wissen und die Kompetenzen vermitteln, die in der Zukunft gebraucht werden. Da stehen auch die Unternehmen in der Verantwortung, sagt Raphael Tobler. Denn sie prägen die Berufswelt der Zukunft.


Grundsätzlich sind wir uns alle einig: Bildung ist wichtig und nur keine Bildung wird auf lange Sicht teuer für die Gesellschaft. Aber wer sagt uns eigentlich, was richtige Bildung ist? Wessen Aufgabe ist es, heute zu entscheiden, was morgen gelehrt und gelernt wird, damit wir es übermorgen einsetzen können?

Seit Jahrzehnten wird Bildung konserviert, weiterentwickelt und weitergegeben. Man könnte davon ausgehen, dass hier fundierte Entscheide getroffen werden, was in zehn oder 20 Jahren relevant sein wird. Aber woher sollen diese Institutionen denn wissen, was die heutigen Schüler/innen in 20 Jahren für Kompetenzen brauchen? Liegt die Verantwortung wirklich bei den Schulen? Ist dem so, dann werden die Herausforderungen betreffend Lehrpläne, Konzepte und schlussendlich für die Lehrpersonen immer grösser – zumal die Veränderungen immer schneller stattfinden.

Nachfrage und Angebot

Sind es möglicherweise die Kunden (also die „Sich-Bildenden“) Impulsgeber, weil sie eine Nachfrage erzeugen? Wenn genügend Nachfrage nach einem Lehrgang besteht, dann wird dieser von den Bildungsinstitutionen angeboten. Bei einem Studium oder einem Weiterbildungskurs ist dies noch einfach und logisch zu begründen. Anders in der Grundschule. Kein Kind kommt in die Klasse und bittet den Lehrer, dass die Sozialkompetenzen in diesem Jahr stärker im Fokus stehen sollen oder es Zeit wird, das kleine Einmaleins zu lernen.

Unternehmen als eigentlicher Treiber der Kunden

Gehen wir vom Kunden im Grundstudium oder der Weiterbildung aus. Ausser bei gewissen Menschen, die ausschliesslich ihrer Leidenschaft folgen, ist bei der Wahl der entsprechenden Bildung oftmals der zukünftige Job und auch das Salär eine Motivation: „Ich muss etwas studieren, mit dem ich später eine gute Stelle finde.“

Vereinfacht gesagt, folgen wir damit dem Ruf der Unternehmen, die in den Stellenprofilen gewisse Kompetenzen verlangen. Ein Unternehmen ist ebenfalls der heutigen Nachfrage auf dem Markt ausgesetzt und versucht, diese möglichst gut zu befriedigen. Dazu braucht das Unternehmen die passenden Mitarbeitenden. In der Grundschule wollen die Eltern das Beste für ihre Kinder. Aber woher wollen sie wissen, was bei der Bildung das Richtige ist?

Ob heute oder in 20 Jahren: Es sind die Unternehmen, die enger mit den Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten müssen. Sie müssen Impulse geben, welche Kompetenzen in zehn oder 20 Jahren verlangt werden. Denn im Gegensatz zu früher sind es heute auch vermehrt die Unternehmen, welche den Wandel in der Berufswelt herbeiführen. Und immer weniger die klassische Grundlagenforschung der Hochschulen. Diese verändert die Welt zwar ebenfalls, aber wesentlich langsamer.

Aufgrund der langsameren Geschwindigkeit ist es auch einfacher zu reagieren. Oft höre ich heute von Jungen, was ich mir früher auch selbst dachte: „Wozu brauch ich das in meinem Leben?“ Dieser Satz ist im Grundsatz absolut richtig. Als junger Mensch sollte ich mich durchaus fragen, wieso ich dies aktuell lerne, obwohl es zum heutigen Zeitpunkt keinen Sinn ergibt. Zehn Jahre später sollte die Antwort darauf allerdings sein: „Jetzt weiss ich, warum ich dies lernen musste.“ Aktuell ist die Antwort viel zu oft: „Das habe ich noch nie gebraucht!“

Raphael Tobler ist Gründer und Geschäftsführer des Bildungsportals eduwo.ch. Er ist auch Präsident des Entrepreneur Club Winterthur.

Corona und Klima: Handeln ohne „letzte Gewissheit“ 

Manuel Flury-Wahlen
08.07.2020

Der Bundesrat hat in der Corona-Krise harte Entscheidungen getroffen, ohne letzte Gewissheit über ihre Wirkung zu haben. Die Klimakrise stellt eine ähnliche Gefahr dar, schreibt Manuel Flury-Wahlen. In der Klimakrise nicht zu handeln, wäre lebensgefährlich.


Anfangs Mai war es soweit. Angelo, unser siebenmonatiger Enkel, ging erstmals in die Kita. Bis dahin hüteten wir Grosseltern ihn einmal pro Woche. Zusammen mit seinen Eltern bildeten wir einen Corona-Cluster, wir wollten unbedingt eine Ansteckung vermeiden. Mit dem Kitaeintritt von Angelo setzten wir das Hüten für einige Wochen aus. Bleiben die Betreuer*innen gesund? Wie steht es mit den Familien der anderen Kinder? Könnte Angelo das Virus in unsere Familie bringen? Werden wir damit auf einmal gefährdet? Dies waren einige unserer vielen Fragen. Die ExpertInnen konnten uns nicht mit Sicherheit darüber Auskunft geben, ob Angelo das Virus übertragen und uns anstecken kann.

Ansteckung in der Kita?

Seit Anfang Juni und einer damals deutlich entspannten Situation hüten wir unseren Enkel wieder. Klare Antworten auf unsere Fragen haben wir zwar nicht erhalten. Wir haben keine absolute Gewissheit, was für ein Ansteckungsrisiko wir eingehen. In der Zwischenzeit haben wir uns jedoch dank vieler Informationen und Einschätzungen von Fachleuten ein Bild der Situation machen können. Wir haben lediglich von einem einzigen Kita-Ansteckungsfall gehört. Wir bleiben weiterhin aufmerksam auf die Geschehnisse um uns herum, unter Umständen müssen wir unser Bild anpassen und auch unser Hüten und das Zusammensein mit Angelo wieder verändern.

Wie weit sollen die Behörden gehen?

Als der Bundesrat im vergangenen März den „lock-down“ verordnete, musste er dies tun, ohne exakt zu wissen, wo und bei wem sich das Virus eingenistet hat, wer in welchem Alter gefährdet ist zu erkranken, wer zu welchem Zeitpunkt ansteckend ist und wie viele erkrankte Menschen medizinisch behandelt oder gar auf der Intensivstation gepflegt werden müssen. Es ging ihm im Wesentlichen darum, die „Ansteckungskurve zu glätten“ zum Schutz des Gesundheitssystems und der Pflegenden. Der Bundesrat sah keine andere Möglichkeit, als das Leben bis auf das Überlebensnotwendige einzuschränken. Diese „Vollbremsung“ hat zum erwarteten Resultat geführt, die Ansteckungskurve flachte ab. Gleichzeitig wurden uns auch die wirtschaftlichen und sozialen Kosten dieser „Bleihammermethode“ bewusst. Der Bund alleine hat Finanzen im Bereich von 10 Prozent des jährlichen Volkseinkommens mobilisiert, die wirtschaftlichen Folgen für Angestellte und Unternehmer*innen sind noch nicht genau abzuschätzen.

Dank unzähliger wissenschaftlicher Studien und Modellrechnungen ist in der Zwischenzeit einiges klarer geworden: Übertragungen geschehen vorwiegend in Innenräumen, oder auch: eine gezielte „Durchseuchung“ der Bevölkerung ist weder volkswirtschaftlich sinnvoll noch ethisch vertretbar. Das „tracing“ der Ansteckungsketten bleibt das A und O der Bekämpfung der Pandemie. Entsprechend dieser Erkenntnisse hat der Bundesrat seine Lockerungsstrategie beschlossen, eine schrittweise „Wiederinbetriebnahme“ des öffentlichen Lebens. Absolute, „letzte“ Gewissheit über die Wirksamkeit dieser Massnahmen besteht aber für die Behörden weiterhin nicht.

Klarheit, bitte!

Klarheit zu haben darüber, was um uns herum geschieht, zu wissen, was die Ursachen von Geschehnissen sind, ist für uns wichtig. Wir wollen in Gewissheit leben. Wir suchen Erklärungen bei Fachleuten oder uns vertrauten Personen und Organisationen, wobei wir dazu tendieren denjenigen Erklärungen und Fachleuten Glauben zu schenken, die unseren Sichtweisen am meisten entsprechen. Wir erfahren jedoch immer wieder, dass wir auf viele Fragen keine befriedigenden, eindeutigen Antworten erhalten. Wir müssen als Einzelpersonen oder als Gesellschaft Entscheide ohne „Expertise“ sozusagen „in Unsicherheit“ treffen. Soll ich jetzt eine Hygienemaske anziehen, wenn ich am Samstagvormittag auf den Wochenmarkt gehe, ohne zu wissen, wer mich anstecken könnte? Welche (tiefe) Ansteckungsrate für COVID 19 sollen die Behörden anstreben, damit eine zweite Ansteckungswelle noch unter Kontrolle bleiben kann und gleichzeitig das wirtschaftliche und soziale Leben nicht noch einmal stark leidet?

Was uns die Pandemie lehrt, ist wichtig für die Bewältigung der Klimakrise

Die Pandemie lehrt uns, ohne Gewissheit und ohne volle Klarheit Entscheide zu treffen, sowohl als Einzelpersonen auf dem Wochenmarkt zum Maskentragen oder als Gesellschaft, wenn es um die Wiedereröffnung von Schulen, Restaurants oder gar Clubs geht. Diese Erfahrungen sind wichtig für den Umgang, speziell in Zeiten der Klimakrise. Wir wissen, dass die CO2-Emissionen auf netto Null gesenkt werden müssen. Wir wissen auch, dass dies möglichst rasch – und nicht erst 2050 – geschehen muss. Eine Erwärmung der Atmosphäre von 1,5 Grad, so die Wissenschaft und die Politik, soll „verkraftbar“ sein. Die Gesellschaft lebt im Moment jedoch auf einem deutlich „wärmeren“ Pfad. Wir wissen nicht, welche Wirkung technologische Innovationen bringen. Handeln ist also mehr als dringend.

Was wir in der Pandemie gelernt haben ist jedoch: Abwarten ohne zu Handeln ist überlebensgefährlich! Ohne Entscheide für einen „lock-down“ hätte das Gesundheitssystem nicht überlebt und wären viel mehr Verstorbene zu beklagen. Nur Handeln – ohne Gewissheit - gibt uns Grundlagen um zu verstehen, ob und nach welchem Muster sich das Klima und das Leben dabei verändern und welche weiteren Massnahmen sinnvollerweise getroffen werden müssen!

Die Erde benötigt einen Mundschutz, und zwar jetzt, ohne „letzte“ Gewissheit!

Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Wieso Corona ein schlechter Treiber für die Digitalisierung der Messebranche ist

Matthias Baldinger
07.07.2020

Momentan erfährt die Messebranche einen Digitalisierungsschub. Der Treiber dafür ist offensichtlich: Corona. Matthias Baldinger glaubt aber, es ist der falsche Treiber. Eine Messe sollte nicht als Ganzes digitalisiert werden – sondern nur die Teile, die online besser funktionieren als live. 


Um die aktuellen Einschränkungen auszugleichen, entsteht eine Vielzahl von virtuellen Messen und digitalen Erweiterungen. Dies macht in der aktuellen, sehr schwierigen Zeit sicher Sinn. Aber: Macht es auch längerfristig Sinn? Sind die Lösungen, die die aktuellen Herausforderungen adressieren (Veranstaltungsverbot, weniger Besucher aufgrund von Einschränkungen etc.), auch die Lösungen, die Messen bereichern, wenn sie wieder ohne Einschränkungen stattfinden können?

Persönlich bezweifle ich dies. Ich bin überzeugt, dass digitale Erweiterungen der richtige Weg sind – der Grund sollte einfach ein anderer sein. Der Grund sollte das veränderte Kaufverhalten sein, welches unabhängig von Corona im B2B- und B2C-Umfeld seit längerem zu beobachten ist. Und von Messen bisher nur sehr wenig bedient wird.

Messen müssen neues Kaufverhalten bedienen können

In einigen (wenigen) Bereichen wurde der Kaufprozess komplett digitalisiert. In den allermeisten Fällen ist der Prozess aber weder strikt offline noch online – sondern sowohl als auch. Ein Beispiel: Ich bin begeisterter Skifahrer. Meine Ski kaufe ich immer in einem Sportgeschäft und werde dies auch in Zukunft tun, da mir Beratung, die haptische Erfahrung der Ski und sorgenfreier Service wichtig sind. Aber: Mir käme es nicht im Traum in den Sinn, in ein Sportgeschäft zu gehen, ohne bereits zu wissen, welche zwei bis drei Ski-Modelle in Frage kommen. Das recherchiere ich davor detailliert online. Im Geschäft lasse ich mir meine Überlegungen bestätigen und kläre offene Fragen. Nach dem Kauf lasse ich mich weiter online und eher passiv über Neuerungen informieren, z.B. via Newsletter oder soziale Medien.

Genau dieses neue Kaufverhalten müssen Messen bedienen können und müssen ihre Veranstaltungen hierzu um digitale Elemente erweitern. Dabei geht es nicht darum, das was live gut funktioniert, virtuell abzubilden, sondern die spezifischen Vorteile von Online und Live zu kombinieren.

Asynchronität vs. Gleichzeitigkeit

Ein grosser Vorteil von Online ist, dass die Vermittlung von Information nicht gleichzeitig mit deren Konsum stattfinden muss. Ich bin beispielsweise froh, dass ich meine Ski-Recherche in einer freien Stunde an einem Sonntagnachmittag machen kann, während jedes Sportgeschäft geschlossen ist. Genau umgekehrt ist einer der grossen Vorteile von Live, dass alle gleichzeitig vor Ort sind. Für viele Besucher ist dies ein wichtiger Faktor, denn es macht es einfach, Geschäftspartner persönlich zu treffen.

Online macht diese Gleichzeitigkeit eigentlich keinen Sinn. Wieso sollten beispielsweise zwei Geschäftspartner einen Monat bis zu einer virtuellen Messe warten, um ihren Video-Call durchzuführen? Es müssen eben nicht alle gleichzeitig online sein. Ich habe daher meine Zweifel, ob wir nach Corona noch virtuelle Messen mit einem Veranstaltungsdatum sehen werden.

Übersicht vs. Detail

Messen behaupten häufig, dass sie einen guten Überblick bieten. Persönlich glaube ich allerdings, dass dies online besser funktioniert. Online kann ich schnell grosse Mengen von Information durchsuchen und mir einen Überblick verschaffen. Wenn es dann allerdings um die wichtigen Details und anspruchsvollen Fragen geht, stösst Online an seine Grenzen. Diese können viel besser in persönlichen Diskussionen auf Messen geklärt werden.

Es wäre heutzutage eine Verschwendung, diese Diskussionen für das Vermitteln des Überblicks (z.B. über Produktinformationen, welche problemlos online verfügbar sind) zu nutzen. Diesen sollten die Besucher zum Zeitpunkt der Messe bereits haben. Ich glaube daher, dass die Digitalisierungsbestrebungen von Messen dahin führen sollten, online den Ort zu bieten, wo Besucher sich möglichst einfach einen Überblick verschaffen können. Damit sie dann für die Klärung der entscheidenden Details zur Veranstaltung kommen.

Haben virtuelle Shoppingcenter und virtuelle Messen etwas gemeinsam?

Da Online und Live unterschiedliche Vorteile haben, ist es fraglich, ob es funktioniert, Messen virtuell erfolgreich zu veranstalten. Ich könnte mir vorstellen, dass Benedict Evans mit seinem sehr interessanten Artikel zum Thema recht behält: In den 90er Jahren wurde viel in virtuelle Shoppingmalls investiert. Wie sich herausstellte, funktioniert die Art, wie Shoppingcenter Anbieter aggregieren, zwar offline, aber nicht online. Online haben sich andere Ideen durchgesetzt. Vielleicht gilt das gleiche für virtuelle Messen?

Matthias Baldinger ist Gründer und Geschäftsführer von Conteo. Conteo entwickelt Lösungen für Messeveranstalter, welche den Content der Aussteller ins Zentrum stellen.

Chaos als Katalysator zur Wiedergeburt

Yves Nager
06.07.2020

Der Zustand der Welt, wie er in den Medien präsentiert wird, überwältigt viele. Yves Nager sieht darin Hinweise, dass sich etwas Neues entwickelt. Umso wichtiger sei es, dass man sich nicht von der Vergangenheit gängeln oder von der Zukunft ängstigen lässt, sondern im Jetzt zu leben lernt.


Es war erst ein paar Wochen her, als viele Teile der Welt in einem Lockdown waren. Während wir daheim blieben, blickten wir zurück und freuten uns an Erinnerungen von Erfahrungen, die wir gemacht hatten, bevor die Welt zum Stillstand kam.

Wir fragten uns, wie lange dies wohl dauern würde, wir stellten uns vor, was wir tun würden, wenn es vorbei ist, und wir sehnten uns nach einer Erleichterung der Einschränkungen, damit wir unser daheim wieder verlassen und die Natur geniessen, Familienangehörige und Freunde besuchen und wieder mehr Freiheit erfahren können.

Anstatt nun jedoch die Gelegenheit zu haben, diese surrealen Erfahrungen der letzten drei Monate zu integrieren und dankbar zu sein, dass wir in vielen Teilen der Welt das Schlimmste mit der Covid-Situation vorerst überwunden zu haben scheinen, sehen wir in den Medien erneut ungerechtfertigte und unvorstellbarere Gewalt, darauffolgende Wut und tiefe Traurigkeit, die aufgewühlt werden.

Ich glaube, ich bin nicht allein, wenn ich mich manchmal vom Zustand der Welt, so wie sie uns in den Medien gezeigt wird, überwältigt fühle. Alles scheint buchstäblich zu brennen, im innen wie im aussen. Wenn wir jedoch genauer hinschauen, bietet sich auch die Möglichkeit, die Illusion zu durchschauen und einen höheren Plan zu finden, der alles auf dieser Welt orchestriert.

Ich will daran glauben, dass sich die Menschheit gerade jetzt zu etwas Grösserem als zuvor entwickelt und letztendlich das höchste Gut für alle erreichen wird. Die Bilder der Feuers, die wir zuletzt viel in den Medien sahen, erinnern mich an die Legende des Phönixvogels, der aus der Asche des Feuers geboren wurde, der es verzehrte. Der Phönix steht für Transformation, Tod, Auferstehung und Wiedergeburt.

Als kraftvolles spirituelles Totem ist der Phönix das ultimative Symbol für Stärke und Erneuerung. Es ist ein Symbol für die Sonne, die vermeintlich nach jedem Sonnenuntergang ‚stirbt‘, um am nächsten Morgen beim Sonnenaufgang wiedergeboren zu werden. Schliesslich stirbt die Sonne jedoch nie wirklich, sondern sie ist ein unsterblicher Teil der Schöpfung, der ständig aus der Asche des Feuers aufsteigt, das sie verbrannt hat.

In Kombination mit den Frequenzen der Mondfinsternis Anfang Juni und dem 6-6-Portal, das Harmonie, Natur, Elementarität, Gleichgewicht und Heilung symbolisiert, bietet uns diese Zeit eine weitere Gelegenheit, alles loszulassen, was uns nicht mehr dient, und uns von einem weiteren Zyklus der Wiedergeburt in die Erneuerung tragen zu lassen, so wie es die Sonne jeden Tag tut.

Nachdem ich im Frühjahr 2008 zum ersten Mal in Hawaii angekommen war, las ich als erstes Buch „Jetzt – Die Kraft der Gegenwart“. Das von Eckhart Tolle geschriebene Buch wurde mir von Olivier, einem ehemaligen Arbeitskollegen, mit auf den Weg gegeben. Es war vor zwölf Jahren, als mir klar wurde, dass sich unsere Gedanken hauptsächlich auf die Vergangenheit oder die Zukunft konzentrieren, aber selten auf das, was jetzt im gegenwärtigen Moment passiert.

Wenn wir uns auf die Vergangenheit konzentrieren, können wir Bedauern, Traurigkeit, Ressentiments und Unversöhnlichkeit empfinden, und wenn wir uns auf die Zukunft konzentrieren, können Spannungen, Sorgen, Ängste und Stress entstehen. Wir befinden uns dann in einem Kreislauf, in dem wir unsere Energie für Dinge verschwenden, die wir sowieso nicht kontrollieren können.

Die meisten sind sich bewusst, dass der einzige Moment, den wir jemals wirklich beeinflussen können, der gegenwärtige Moment ist. „Jetzt – Die Kraft der Gegenwart“ bezieht sich darauf, dass wir Frieden und Glück in nichts ausserhalb von uns finden können. Stattdessen besteht der einzige Weg, wahren Frieden und Erfüllung zu finden, darin, in jedem Moment präsent zu sein.

Obwohl es ein so einfaches Konzept zu sein scheint, kann es manchmal schwierig sein, es anzuwenden. Zu lernen, wie man sich auf den gegenwärtigen Moment, das Hier und Jetzt, konzentriert, ist wie einen Muskel mit Zeit, Übung und Geduld zu stärken. Praktiken wie Meditation, Atemarbeit oder Yoga Nidra sind nützlich, um im Laufe der Zeit präsenter zu werden.

Wenn ich durch die in den Medien präsentierte Negativität Erschöpfung fühle, so ist es eine weitere Erinnerung für mich, das Mobiltelefon wegzulegen und mich wieder mit dem zu verbinden, was gerade vorhanden ist. In meinem Buch „Hawaiianische Wiedergeburt“ teile ich, dass wir, wenn wir uns mit der Natur verbinden, energetische und spirituelle Unterstützung zum Prozess der Wiedergeburt erhalten.

Wenn du mit den Elementen der Natur – dem Wasser, dem Holz, dem Feuer, der Erde und dem Metall – vollständig präsent sind, kannst du dich von jeglicher Negativität befreien und deine natürliche Verbindung mit der Energie des Wohlbefindens wiederherstellen, die in Wäldern, Ozeanen, Flüssen und Bergen so reichlich vorhanden ist. Ich lade dich ein, dir auch etwas Zeit ohne die überwiegend negativen News in den Medien zu nehmen und dich wieder mit der Natur, mit dir selbst und letztendlich mit der Quelle des Seins verbinden.

Durch bewusstes Atmen wirst du gegenwärtig, die Energien durch dich fliessen zu lassen und sie in die Erde zu erden. Visualisiere danach, wie der Phönix, der Sonnenvogel, alle chaotischen Energien in dieser Welt als Katalysator für grosse Veränderungen, in Kraft und Erneuerung in deinem Leben und in der Welt umwandelt.

Yves Nager ist in Spiez BE aufgewachsen. Nach einer jahrzehntelangen Karriere im Bereich Personalmanagement, Unternehmensberatung, sozialer Arbeit und Sozialversicherungen hat er bei seinem ersten Besuch auf Hawaii 2008, eine wundersame Heilerfahrung erlebt. Heute lebt er als Heiler, Erfolgsautor, Weltentdecker mit seiner Frau Eunjung auf Hawaii. Seine Erfahrungen beschreibt er in seinem neuen Buch „Hawaiianische Wiedergeburt“.

Dieser Beitrag ist zuerst auf seinem Blog erschienen.

Corona Rettungs- und Hilfspakete – Die Guten, die Bösen und die Hässlichen

Roman Gaus
02.07.2020

Weltweit werden 7,3 Billionen Dollar für Covid-19-Notfallrettungs- und Hilfspakete ausgegeben. Unternehmer Roman Gaus fragt sich, inwieweit diese Investitionen im Einklang stehen mit wirksamen Klimaschutzmassnahmen. Er macht zwei nachhaltige Zielbereiche aus. 


Das Schweizer Parlament hat fast 60 Milliarden Franken für Covid-19-Notfallrettungspakete bereitgestellt. Das sind perspektivisch fast 10 Prozent des nationalen BIP. Eine erstaunliche Zahl. Die Schweiz hat fast 20 Jahre gebraucht, um den Schuldenstand auf diesen Betrag zu senken. Nun wurde alles innerhalb weniger Wochen rückgängig gemacht. Der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer sagte, dass „meine Taschen jetzt wirklich leer sind“. Und das ist die Schweiz, eines der reichsten Länder der Welt. Zukünftige Generationen werden die Rechnung für diese fiskalischen Massnahmen bezahlen müssen.

Die Oxford Smith School of Enterprise and the Environment hat jetzt ein bahnbrechendes Arbeitspapier veröffentlicht, das sich mit den Auswirkungen der Covid-19-Fiskalpakete und ihrer Beziehung (Beschleunigung/Verzögerung) zum Klimawandel befasst. Es ist eine hochinteressante Lektüre. Ich möchte kurz einige persönliche Anmerkungen machen.

Das sagt die Studie

Die Studie enthält eine eingehende Analyse der Einschätzung von 230 Politikexperten zu über 700 verschiedenen Arten von Konjunkturpaketen. Im Grossen und Ganzen unterscheidet die Studie zwischen zwei Arten von Massnahmen; erstens Hilfsmassnahmen („Erste Hilfe“), die der Wirtschaft unmittelbare Unterstützung bieten, wie direkte Bereitstellung von Grundbedürfnissen, gezielte Geldtransfers und nicht an Bedingungen geknüpfte Rettungsaktionen, wie für Fluggesellschaften, oder Steuerstundungen. Zweitens gibt es konjunkturfördernde Massnahmen, bei denen es sich um längerfristige Strategien mit einem Multiplikator für die Wirtschaft handelt.

Die guten („grünen“), die schlechten („farblosen“) und die hässlichen („braunen“) Massnahmen

In der Studie wurden die Auswirkungen dieser Politiken auf ihren Einfluss auf den Klimawandel kartiert, und es wird geschätzt, dass nur 4 Prozent der Politiken wirklich „grün“ sind, das heisst das Potenzial haben, die langfristigen Treibhausgasemissionen zu reduzieren. 92 Prozent sind „farblos“ und erhalten im Grunde nur den Status quo.

Erwünschte und nicht so erwünschte langfristige Auswirkungen auf das Klima und die Wirtschaft

Da die meisten Hilfspakete erst jetzt in Kraft treten werden, wäre es interessant, die höchsten positiven Umweltauswirkungen zu ermitteln. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass „in der Zielgruppe die wünschenswertesten Massnahmen zur Wiederherstellung ... Investitionen in das Gesundheitswesen, Katastrophenvorsorge, Ausgaben für saubere Forschung und Entwicklung, nicht für Profit-Rettungsaktionen und Investitionen in die Infrastruktur für saubere Energie waren“. Insgesamt war die Meinung über das Klimaauswirkungspotenzial der Politik in allen Gruppen am wenigsten umstritten, während die Geschwindigkeit der Umsetzung am umstrittensten war. Bedeutung: Es ist relativ einfach, einen positiven Nutzen für das Klima zu erkennen, aber in Ermangelung eines kurzfristigen Nutzens könnten die politischen Entscheidungsträger ihn nicht umsetzen. Etwas zu tun, das einen kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzen hat, könnte die Finanzierung guter, langfristiger Projekte für das Klima sogar gefährden.

Dinge wie Steuererleichterungen für die Industrie für fossile Brennstoffe oder nicht-kontingentierte Rettungspakete für Fluggesellschaften helfen dem Klima offensichtlich nicht. Wenn die Dinge wieder in Gang kommen, wird die Wirtschaft einfach wieder in alte Bahnen zurückkehren und die Emissionen werden wieder steigen. Was wäre also die beste Mischung aus positivem Klima und Covid-19-Rettungsprogrammen? Hier sind meine persönlichen Top 2, die auch kurz- und langfristige Möglichkeiten für die Wirtschaft schaffen und dem Klima helfen würden.

1) Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen

Ich denke ernsthaft darüber nach, ein neues Auto zu kaufen oder den Leasingvertrag für mein jetziges Auto (vier Jahre alt, 60'000 Kilometer) zu verlängern. Ich bin sehr überzeugt, dass ich entweder voll elektrisch oder zumindest mit Plug-in-Hybridantrieb fahren werde. Der wichtigere Faktor: Meine Frau :-). Ein Kaufanreiz für ein Elektroauto könnte deshalb für uns eine zeitgemässe Massnahme sein, um die richtigen Kaufentscheidungen zu treffen. Angesichts des Einbruchs der Ölpreise sieht der Kauf von normalen Benzinern im Moment wirtschaftlich gesehen viel günstiger aus. Aber raten Sie mal, was meine Garage sagt: Anscheinend sind bis auf Weiteres alle Superb-Plug-ins erst ab 2021 wieder verfügbar. Anscheinend verwendet der Hersteller seinen Kohlenstoffausgleich zuerst in der EU, bevor er Autos in Nicht-EU-Länder liefert.

Ein Anreiz für Elektrofahrzeuge könnte trotzdem dazu beitragen, eine schnellere Akzeptanz von Menschen wie mir zu erreichen, die ernsthaft auf der Suche nach einem Elektroauto sind.

2) Nachrüstung zur Energieeffizienz – Erweiterung der laufenden und neuen Programme

Ich lebe in einer Wohnbaugenossenschaft. Im vergangenen Jahr haben wir eine brandneue geothermische Anlage installiert, die das ganze Jahr über saubere und kostengünstige Heizenergie für die gesamte Nachbarschaft liefert. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass solche Energieeffizienzprogramme „die naheliegendste Option für eine schaufelfertige, lokale grüne Investition sind“. Die Auswirkungen wären langfristig und auch aus klimatischer Sicht signifikant. Was würde unsere Regierungen davon abhalten, die derzeitigen Anreizprogramme in Energieeffizienz jetzt deutlich zu verstärken? Sie helfen der lokalen Wirtschaft, schaffen Arbeitsplätze und ermöglichen einen sinnvollen Übergang in eine nachhaltigere Zukunft.

Was tun wir im Hinblick auf langfristige Klimaschutzmassnahmen für einige der am stärksten betroffenen Sektoren? Das Argument, weiter gutes Geld nach schlechtem für „gestrandete Vermögenswerte“ auszugeben.

Einige der am stärksten von Covid-19 betroffenen Schweizer Sektoren wie der Alpentourismus oder Wintersportanlagen werden gerettet, um verlorene Einnahmen auszugleichen. Aber langfristig ist klar, dass die globale Erwärmung einen bedeutenden Einfluss auf den Alpentourismus haben wird. Werden wir in 20 Jahren in weniger als 3000 m Höhe Ski fahren können? Es wird eine Menge „gestrandeter Vermögenswerte“ von Skiliften und Wintersportinfrastrukturen geben. Wie werden wir dem Sektor helfen, ohne gutes Geld nach schlechtem zu investieren?

Roman Gaus ist Nachhaltigkeits-Unternehmer in unterschiedlichen Sektoren und berät Investoren und Start-ups im Bereich Wachstum und Strategie. Er lebt verheiratet in Zürich und hat zwei Jungs, die sich ebenfalls für ein Elektroauto entschliessen würden.

Der Text ist zuerst auf LinkedIn erschienen.

In Gärtnerdörfern liegt die Siedlungszukunft

Ralf Otterpohl
01.07.2020

Wohlstand für alle ist möglich. Das ist die These des Siedlungswissenschaftlers Ralf Otterpohl. Doch dies sei nur machbar, wenn viele Menschen eine Art neuer Dörfer aufbauten und bereit seien, ihre komplette Lebensweise zu ändern. 


Nach über 15 Jahren Forschung zu ländlicher Entwicklung und Projekten in vielen Teilen der Welt kann ich inzwischen sagen, dass alles für ein Leben in Wohlstand für alle da ist. Es braucht aber sehr viele Menschen, die an besonders lebenswerten Welten aktiv mitwirken. Die Stadt allein hat keine Zukunft!

Ein zukunftstauglicher Bauernhof besteht aus vielleicht hundert Minifarmen, so setzt sich das sogenannte Neue Dorf zusammen. Selbständige Teilzeit-Gärtner produzieren in eigenen Gärten mit interessanter Nachbarschaft hochwertige Lebensmittel und bauen Humus auf. Sie haben vielfältigen Tätigkeiten, ein gutes Auskommen – sie sind unabhängig und selbstbestimmt. Es gibt wesentliche Zusammenhänge von gesundem Boden, Grundwasserneubildung, Gesundheit, Gehirnfunktion, Glück und lokalem Klima.

Humus, lebendiger Boden, ist unsere Lebensgrundlage. Der Erhalt und Wiederaufbau von lebendigem Boden erfordert Millionen von Menschen. Humusaufbau sorgt für hohe Produktivität, sichert die Wasser- und Lebensmittelversorgung und ein ausgeglichenes Klima. Das Klima hängt weitgehend vom Humus und der Pflanzendecke ab. Die vielfältigen Kleinbetriebe der Neuen Dörfer versorgen mit professionellem Vertrieb auch die Stadt mit Versorgungssicherheit und vermeiden weite Transportwege. Mit bio-intensiven in hoher Pflanzenvielfalt betriebenen Gartenbaubetrieben kann wunderbare Natur und ein Auskommen erreicht werden. Damit es kein Hamsterrad wird, empfehle ich zwei bis drei unterschiedliche Tätigkeiten, Gartenbau in Teilzeit.

Viele Menschen können neben der eigenen Minifarm einen Anteil an einem Weiterverarbeitungsbetrieb, der Herstellung von Haushaltschemikalien, einer Tischlerei oder an einem Betrieb für Elektrogeräte- und Fahrzeugen haben. Wenn es mindestens 150 BewohnerInnen gibt, ist auch Bedarf für Lehr-, Heilberufe, Vertrieb, Transport und viele weitere Dienstleistungen. Kultur wird aktiv betrieben, die Bühne ist zugänglich. Kinder wachsen in und mit der Natur auf. Für Ältere gibt es bei Bedarf häusliche Pflege von Fachkräften aus der Nachbarschaft, die diese oft schwere Arbeit durch Teilzeit und persönlichen Bezug auch besser mit Freude verrichten können.

Ralf Otterpohl ist Professor an der Technischen Universität Hamburg und leitet dort das Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz sowie die Arbeitsgruppe „Ländliche Entwicklung“. Durch die Forschung zu Terra Preta Sanitation konnten Wege zur effizienten Humusproduktion aufgezeigt werden. Seit etwa zwanzig Jahren lehrt er für Studierende aus aller Welt Ländliche Entwicklung.

Vortragsreise zum Buch:

Ralf Otterpohl: Das Neue Dorf – Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren (oekom verlag), Vortragsreise in der Schweiz 7. bis 17. August 2020 Termine in Gartenring.org.

Städte im Klimawandel brauchen Grünflächen

Katharina Conradin
29.06.2020

Immer neue Klimaanalysen machen deutlich, was der gesunde Menschenverstand längst weiss: Städte brauchen Bäume, Gewässer und unversiegelte Flächen. Politiker und Behörden sollten endlich handeln, schreibt Katharina Conradin.


Der Klimawandel ist Realität – und ebenso die Tatsache, dass es deshalb in den meisten Städten im Sommer immer heisser wird. Sommerliche Hitzewellen mit Temperaturen von fast 40 Grad Celsius sind zur Regelmässigkeit geworden.

Die meisten Städte sind mittlerweile in Bezug auf die Anpassung an den Klimawandel aktiv geworden. Eine Strategie, die dabei heraussticht, ist die Erstellung einer Klimaanalyse. Mittels hochaufgelöster Messungen werden aktuelle „Hotspots“ abgebildet, Kaltluftströme visualisiert und berechnet, wo es in Zukunft noch wärmer werden wird.

Behörden benutzen diese Klimaanalysen als Handlungslegitimation, denn sie stellen – für alle sichtbar – dar, was wir längst wissen: Es ist heiss in den Städten. Die Hitze staut sich in den dicht bebauten, versiegelten Flächen im Zentrum. Der Luftaustausch ist beschränkt, wo dichte Bauten ihn abriegeln. Gewässer kühlen tagsüber und wirken in der Nacht temperaturregulierend.

Je länger man also über diese Analysen nachdenkt, desto offenkundiger wird: Die zusätzlichen Erkenntnisse durch diese aufwändigen „Rechenspiele“ sind marginal. Wer selbst einmal an einem heissen Sommertag über den neu gestalteten Sechseläutenplatz läuft, braucht kein Messgerät, um festzustellen, dass es dort unerträglich heiss ist. Wer schon einmal einen Abendspaziergang entlang des Seebeckens gemacht hat, weiss um die erfrischende Wirkung des Windes, der vom See her weht.

Auch die Massnahmen liegen auf der Hand: Kühl(er) ist es, wo beschattet wird, wo es grün ist wird, wo für genügend Luftaustausch gesorgt wird und wo versiegelte Oberflächen aufgebrochen werden.

Die Zeit drängt. So sehr, dass wir sie nicht mit noch weiteren Analysen und Recherchen vergeuden sollten. Und so sind diese Klimaanalysen eine Krux – und vielleicht doch ein Lösungsbeitrag: Sie sind die Krux, weil wir, um endlich aktiv zu werden, schon längst keine zusätzlichen Daten mehr brauchen. Und sie sind vielleicht doch Teil der Lösung, weil sie, den Parlamenten, StadtplanerInnen und Behörden in nicht zu übertreffender Deutlichkeit aufzeigen: Handelt! Jetzt!

Katharina Conradin ist promovierte Geographin, Beraterin bei der seecon gmbh und seit 2014 Präsidentin der internationalen Alpenschutzkommission CIPRA.

Als lebendiger Verein lässt sich die Krise meistern

Rolf Arni
26.06.2020

In Berns ältestem Musikclub, der Mahogany Hall, ist es seit März still – und das wird es noch einige Wochen bleiben. Dabei gibt es laut dessen Finanzverantwortlichem Rolf Arni einen Vorteil: Durch die Organisation als Verein kann die Mahogany Hall auf grosse Solidarität bauen.


In der Mahogany Hall – Berns ältestem Musikclub beim Bärenpark – wurden die Corona-Auswirkungen bereits Ende Februar spürbar, als ein Veranstalter von Tanzabenden kein Risiko eingehen wollte und alle kommenden Anlässe absagte. An der Fasnacht führten wir noch gut besuchte Konzerte durch, bei welchen wir die Personalien der Gäste erhoben und nach kürzlichen Aufenthalten in heiklen Ländern fragten. So musste eine Besucherin zurückgewiesen werden, die sich noch Tags zuvor in Italien aufhielt – ihre Tochter sogar in Mailand, allerdings negativ getestet. Nach weiteren Konzerten mit deutlich reduzierten Gästezahlen schlossen wir dann wie alle anderen Clubs am 13. März das Lokal – zwei Stunden vor Eintreffen der Band zum Soundcheck zu ihrer CD-Taufe.

Im April und Mai waren wir damit beschäftigt, für unsere auslaufenden Vorräte Abnehmer zu finden und uns auf eine Wiedereröffnung im Juni vorzubereiten. Zudem traf sich ein Teil der cirka hundert HelferInnen via Zoom zu einem Brainstorming, aus welchem allgemeine, neue Ideen für den Betrieb resultierten. Für Juni sagten dann viele der vorgesehenen Acts ab – sie befürchteten das Ausbleiben ihrer Fans wegen der angedrohten Quarantäne, sollte sich ein Corona-Fall nach dem Konzert unter den Gästen ergeben. So bleibt das Lokal mindestens bis Ende Juli, voraussichtlich sogar bis Ende August geschlossen.

Wie haben wir das verkraftet? Die Mahogany Hall hat als Verein das Glück, auf viele freiwillige HelferInnen zählen zu können und hat in der Liegenschaftsverwaltung Bern eine verständnisvolle Vermieterin. Zudem erhielten wir einen Zustupf des Kantons, so dass wir zuversichtlich nach vorne schauen können. In der Sommerpause hoffen wir noch auf einige Mieter, die das Lokal dieses Jahr zu günstigeren Konditionen für Privat- und Firmenfeiern mieten werden.

Die kommende Zeit werden wir nutzen, um die Mahogany bezüglich Infrastruktur und Schutzmassnahmen auf Vordermann zu bringen, hoffen dabei, dass der Hunger auf Live-Konzerte bei den Gästen auf September hin spürbar wird und sie gewillt sind, KünstlerInnen und VeranstalterInnen mit ihren Besuchen zu unterstützen.

Alle Infos und Konzerte findet man auf www.mahogany.ch.

Rolf Arniist unter anderem Co-Gründer des Impact Hubs in Bern und Finanzverantwortlicher der Mahogany Hall. Sein Interesse gilt der Automatisierung, Remote Work, Business Creation sowie Fotografie und Musik.

Warum Konformisten und Disruptoren sich brauchen

Fabian Feutlinske
25.06.2020

Wir können von der Natur lernen, der Menge zu folgen und den eigenen Weg zu gehen. Dabei geht es laut dem Neurowissenschaftler und Unternehmer Fabian Feutlinske um ein cleveres Geben und Nehmen in einem sozialen Gefüge. Die Stichlinge machen es vor.


Eine Studie mit Stichlingen in Nature Communications hat gezeigt, wie der Kompromiss zwischen dem Ausbrechen aus dem Schwarm und dem Nutzen von Konformität funktionieren kann.

Individuen haben unterschiedliche Motivationen und Ziele. Sie müssen mit denjenigen aller anderen Individuen in Einklang gebracht werden, um die Vorteile zu schaffen, die ein Schwarm bietet: Schutz, Effektivität, das Teilen von Information. Konformität, also das Befolgen von Regeln, sichert das Überleben. Die Disruption, also das Brechen dieser Regeln, erlaubt es dem Einzelnen, den Erfolg für sich in Anspruch zu nehmen. Das gilt für Stichlinge ebenso wie den Homo oeconomicus.

Fische, oder eben Personen, die bisherige Konformität durchbrechen, eröffnen neue Horizonte auf Nahrungsquellen, neue Märkte oder Trends. Ein Schwarm, der ständig in eine Richtung schwimmt, egal wie schnell und effizient, verpasst neue Nahrungsquellen oder endet im Maul eines Räubers. Auf der anderen Seite ist ein Stichling, ebenso wie auch ein Experte, der die Regeln biegt und bricht, um zu experimentieren, viel anfälliger dafür, auf die gleiche Weise in den Tiefen des wirtschaftlichen Sees zu verschwinden.

Interessanterweise war der Fisch, der eine Nahrungsquelle in den Experimenten zuerst entdeckte, nicht unbedingt derjenige, der sie auch zu fressen bekam. Die Gruppe erreichte die Nahrungsquelle früher. In Organisationen oder anderen sozialen Gruppen brauchen wir also die Innovatoren, um neue Wege zu gehen. Aber wir werden sie unterstützen müssen, um nicht aus Mangel an Ressourcen oder Wertschätzung zu verhungern.

Kooperation und Eingliederung in ein System ist alles. Und innerhalb dieses Systems erfolgt ein ständiger Tanz zwischen Disruption und Konformität. Wir arbeiten daran, einen solchen Expertenschwarm aufzubauen. Wenn Sie mehr erfahren möchten, lesen Sie doch den ganzen Artikel auf https://medium.com/@cobiom/the-balance-of-conformity-and-disruption-48661dc8b141.

Dr. Fabian Feutlinske ist ein Serial Entrepreneur, Systemiker, Neurobiologe und Berater. Er beschäftigt sich mit dem Thema was Menschen zusammenarbeiten lässt, um höhere Ziele zu erreichen. Dafür baut er mit seinem Start-up COBIOM eine Plattform, auf der ein Expertenschwarm Nachhaltigkeitsprobleme in Unternehmen und im sozialen Bereich löst - und dabei von Kooperation statt Konkurrenz profitiert.

Dieser Text ist zuerst und in ungekürzter Form auf LinkedIn erschienen.

Wie viel gibt 10’000 mal zwei Meter Abstand?

Denis Jeitziner
24.06.2020

Über 50 Momentaufnahmen in knapp drei Monaten: Die Macher von 2m-abstand.ch haben in kürzester Zeit Porträts von ganz verschiedenen Persönlichkeiten publiziert. Laut Mitinitiator Denis Jeitziner ist das Ziel, ein Zeitdokument zu erstellen – letztlich auch in Buchform.


Innert einer Woche war alles bereit. Die Website 2m-abstand.ch, eine Liste mit weit über hundert möglichen Protagonisten, die fünf Social-Media-Kanäle, die bespielt wurden und natürlich die Macher mit spitzer Feder und dem Auge für das gewisse Etwas.

Seither haben sich bekannte, aber auch weniger bekannte Persönlichkeiten zu 2m-abstand.ch bekannt. Beispielsweise NHL-Star Roman Josiaus seiner zweiten Heimat Nashville. Die Berner Spitex-Betreuerin Amina Tahar-chaouch oder Radiomoderator Adi Küpfe. Aber auch Globetrotter-CEO André Lüthi, die Apothekerin Eva Maria Franz, die Skirennfahrerin Michelle Gisin und SRF-USA-Korrespondent Peter Düggeli– live aus Washington DC. Dokumentiert wurde ein bunter Strauss von Geschichten aus aller Welt. Schicksale, eindrückliche Erlebnisse, Erfahrungen, Frust, Chancen und Freuden.

Und die Geschichte ist noch nicht fertig geschrieben, die Corona-Krise noch nicht ausgestanden: Bereits über 10’000 Leute haben die Website 2m-abstand.ch bisher angeklickt, Tausende haben die Posts auf den fünf verschiedenen Social Media-Plattformen registriert, sie geliked und geteilt.

2m-abstand.ch ist ein nicht kommerzielles Projekt mit dem Ziel, ein wertvolles Zeitdokument zu erstellen, das diese historischen Momente festhält – am Ende ist geplant, alle Geschichten in Form eines Buchs zu publizieren. Hinter 2m-abstand.ch stehen Fotograf Remo Neuhaus, Texter Denis Jeitziner, Grafiker Samuel Dunkel, Videograph Christian Aebi sowie Social Media Experte Luca David.

Denis Jeitzinerist seit fast 30 jahren als Journalist sowie Texter und Konzepter im Einsatz. Als Autor hat er zehn Bücher geschrieben – unter anderem zahlreiche Porträtbücher, einen Krimi oder ein Buch über das Wallis – wo auch seine Wurzeln liegen. Denis Jeitziner ist Inhaber von Amber Kommunikation AG und lebt und arbeitet in Bern.

„Mañana“ – ein Plädoyer für das Aufschieben!

Christoph Hunziker
23.06.2020

In der Corona-Zeit haben wir erledigt, was lange liegen geblieben war. Doch Innovationsexperte Christoph Hunziker von der Mobiliar kann dem Aufschieben viel Positives abgewinnen. Grosse, radikale Ideen könnten hieraus entstehen.


Der Lockdown wurde von vielen genutzt, um lang Aufgeschobenes zu erledigen. Den Keller endlich wieder mal räumen. Die digitale Fotosammlung ordnen. Das Buch, welches schon so lange ungelesen auf dem Nachttisch lag, endlich lesen. Das Aufschieben dieser Aktivitäten darf man wohl getrost als weit verbreitetes Mainstream-Aufschieben bezeichnen. Dem gegenüber steht das negativ konnotierte Aufschieben alltäglicher Dinge, sei es beruflich oder privat.

Der Aufschieber: In unseren Breitengraden gemeinhin von der Gesellschaft geächtet als faul, unzuverlässig und ohne den nötigen Antrieb. In anderen Weltregionen, namentlich in Lateinamerika, ist das Aufschieben schon fast Teil der Kultur und Identität. „Mañana“, also morgen, ist der Tag, an dem die meisten Dinge erledigt werden.

Unsere traditionell negative Sicht auf das Aufschieben vernachlässigt einen wichtigen Punkt: Während das notorische Aufschieben vieler Dinge aus Mangel an Fokus, Antrieb oder auch Kenntnissen erfolgt und zu einer reduzierten Produktivität führen mag, gibt es auch Aufgaben, die durch Aufschieben veredelt werden. Diverse Studien belegen nämlich, dass Aufschieben ein echter Kreativitätsbooster sein kann!

Das macht Sinn: Einerseits gewinnt man in der Zeit des Aufschiebens neue Inspirationen und Erkenntnisse. Anderseits lässt man beim Aufschieben von Dingen gerne auch mal die Gedanken abschweifen und dieses Tagträumen ist erwiesenermassen eine weitere Quelle von oft grosser Kreativität. Während das Hirn beim bewussten, fokussierten Denken auf bekannte Denkmuster und bestehendes Wissen zurückgreift, entstehen beim diffusen Denken für das Hirn unbekannte Denkmuster durch neue Verbindungen von Nervenzellen, die über neue Pfade verlaufen. Das Resultat daraus können grosse, radikale Ideen sein.

Gerade Wissensarbeiter sind oft mit konzeptionellen Tätigkeiten beschäftigt. Nehmen wir zum Beispiel das Schreiben eines Textes oder das Erstellen einer Präsentation, was oft eine längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Dabei neigt man instinktiv dazu, einen Arbeitsabschnitt möglichst mit einem Teilergebnis zu beenden. Versuchen Sie mal, entgegen diesem Instinkt, bewusst einen Text mitten in einem Satz oder eine Visualisierung halb fertig stehen zu lassen. Bei unfertigen Dingen arbeitet das Hirn unbewusst daran weiter und die Idee wird herumgewälzt, auf der Suche nach neuen, kreativen Ansätzen.

Gerade für Leute, die Dinge gerne sofort anpacken, kann es ein „eye-opener“ und eine kreative Offenbarung sein, eine Aufgabe einfach mal unfer

Dieser Beitrag ist u.a. inspiriert durch folgende Artikel in der NYT und auf Canva.

Christoph Hunziker ist Leiter Innovation bei der Mobiliar. Er beschäftigt sich seit fast 20 Jahren leidenschaftlich mit Innovationsmanagement und kreativen Prozessen. Trotz verhinderter Journalistenkarriere hat er die Freude am Schreiben beibehalten.

Unternehmen werden daran gemessen, ob sie Verantwortung übernehmen

Sylvie Merlo
22.06.2020

Mehr als ein Geschäftsmodell: Konzepte, mit deren Hilfe Unternehmen Verantwortung übernehmen. Doch dafür müssten diese über das Kerngeschäft der Profitorientierung hinaus gehen, sagt Kommunikationsspezialistin und -beraterin Sylvie Merlo.


Nicht nur Individuen, sondern auch Kooperationen und Kollektive können als verantwortungsfähige Akteure zur Rechenschaft gezogen werden. Denn in der Regel basieren deren Handlungen auf geteilten Zielen und koordinierten Abläufen. Ausserdem geht einer Gruppenverantwortung immer eine individuelle Verantwortung der einzelnen Gruppenmitglieder voraus. Sobald aber die individuelle Verantwortung auf die Gruppe übergeht, wird die Gruppe als Ganzes verantwortlich und nicht mehr das Individuum. Aus diesen Gründen können Unternehmen als Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft sehr wohl im Sinne eines Individuums, beziehungsweise einer Kooperation, für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden (vgl. Neuhäuser).

Unter Unternehmensverantwortung oder Corporate Social Responsibility verstehe ich die Verantwortung, die ein Unternehmen gegenüber allen relevanten Stakeholdern, das heisst innerhalb und ausserhalb des Unternehmens, wahrnimmt. Und dies in sozialer, ökonomischer, ökologischer und politischer Hinsicht. Dabei geht es in erster Linie um freiwillige sowie sozial und ökologisch sinnvolle Unternehmensaktivitäten, die über das Kerngeschäft der ökonomischen Profitorientierung hinausgehen und einen Mehrwert für die Gesellschaft bilden.

Unklarheit besteht jedoch hinsichtlich der normativen Massstäblichkeit von CSR-Projekten. Wann ist ein CSR-Projekt ein reiner Business Case oder welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein solches Projekt auch sozialer und ökologischer Unternehmensverantwortung zugerechnet werden kann, ohne Gefahr zu laufen als sogenanntes Green- oder White-Washing enttarnt zu werden?

Wie glaubwürdig und konsequent ist das CSR-Engagement? Ist es strategisch verankert und Teil der Firmenkultur? Leistet das Unternehmen damit einen echten Beitrag für die Gesellschaft und Umwelt? Kann es damit gegenüber ihren Stakeholdern Vertrauenskapital bilden und Erfolg haben?

Mit diesen Fragen versuche ich jeweils in Erfahrung zu bringen, ob die CSR-Strategie einer Firma glaubwürdig ist und im Sinne der Modelle „Creating Shared Value“ und „From Profit to Purpose“ verantwortungsvoll handelt. Zeichnet sich eine Organisation zudem durch eine vorbildliche moralische Haltung im Sinne der Tugendethik oder „Corporate Virtue“ aus (vgl. Porter und Kramer), dann steigt mein Vertrauen. Ausserdem ist es wahrscheinlicher, dass ich dieses Unternehmen weiterempfehle oder von ihm etwas beziehe.

Es lohnt sich also für Unternehmen, Verantwortung gegenüber ihren Stakeholdern zu übernehmen und mittels Kompetenz und Ethik die immateriellen Vermögenswerte zu steigern.

Sylvie Merlo berät und begleitet als Kommunikationsspezialistin und Sparringspartnerin Unternehmen und Organisationen, die sich mit innovativen Lösungen für eine enkeltaugliche Welt engagieren. Als Mitbegründerin von Swiss Business + Disability Networkengagiert sie sich für eine gerechtere Arbeitswelt mit mehr Diversität und Teilhabe – auch für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Quellen:

Neuhäuser, Christian. 2016.Unternehmensverantwortung. Handbuch Verantwortung. Springer Reference.

Porter, M.E., und M.R. Kramer. 2011.Creating Shared Value. Harvard Business Review89(1/2): 62-77. Zit. n. Shanahan, Ford und Peter Seele. 2017.Creating Shared Value. Looking at Shared Value Through an Aristotelian Lens. Creating Shared Value – Concepts, Experience, Criticism:S. 141.

Ablasshandel rettet das Klima nicht

Hans-Peter Schmidt
18.06.2020

Es gibt eine günstige, global realisierbare Methode, CO2 aus der Luft zu binden und dauerhaft in Materialien und im Boden zu speichern, schreibt Hans-Peter Schmidt. Doch statt die Pyrolyse von nachhaltig erzeugter Biomassen zu fördern, subventionieren die Staaten fossile Treibstoffe und klimaschädliche Landwirtschaft. 


1517 hat Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlicht und damit der päpstlichen Kirche ein sagenhaftes Geschäft verdorben. 2020 produziert der durchschnittliche Europäer 10 Tonnen eines Gases, welches das Klima auf Erden über zehntausende Jahre verändern wird. Um der Industrie, der Landwirtschaft und dem Konsum nicht die Laune durch Schuldgefühle zu verderben, gibt es wieder einen Ablasshandel. Um weiter grossspurig Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen, spendiert man hungerleidenden Afrikanern billige Blechkocher, die deren Emissionen beim Kochen am offenen Feuer um fast die Hälfte reduzieren. Oder sie bezahlen mit jedem Klick auf eine Suchmaschine das Pflanzen des 80. Teils eines Baumes. Natürlich, solcher guter Wille und Geld helfen, aber wir können das Klima nicht mit Tropfen auf heisse Steine retten.

Ohne die Anlage von veritablen Kohlenstoffsenken, die dauerhaft Kohlenstoff speichern, der aktiv aus der Atmosphäre entzogen worden ist, lässt sich das Klima und damit die Menschheit nicht retten.

Eine der wichtigsten Technologien auf diesem Weg in die klimaneutrale Zukunft ist die Pyrolyse von Biomassen, die in Ergänzung zur Nahrungsmittelproduktion mit hoher Biodiversität CO2 aus der Atmosphäre entzieht. Doch obwohl die Regierungen keine Skrupel kennen, den Klimawandel mit direkten und indirekten Subventionen für fossile Brennstoffe, intensive Tierhaltung und konventionelle Landwirtschaft zu fördern, finden sie mit fadenscheinigen Argumenten, dass die einzige schnell umsetzbare Technologie, die zudem frei von schädlichen Nebenwirkungen ist, dem Volk, dem Boden und dem Klima keinen Nutzen bringen könne.

Wir können uns nicht freikaufen von unserem Lebensstil und unserem Erbe. Es gibt keinen Zinseszins auf die Schuld, die wir unbewusst auf uns geladen haben. Aber wir können den Mut fassen, vorurteilsfrei das Neue zu durchdenken, das das Genie des Menschen uns zur Rettung in die Hand und auf die Zunge legt.

Hans-Peter Schmidt ist Gründer und CEO des Ithaka-Instituts in Arbaz VS. Er ist einer der Pioniere der Nutzung von Pflanzenkohle für die Eindämmung des Klimawandels.

Warum die nachhaltige Fischerei ein nationales Zentrum braucht

Adrian Aeschlimann
17.06.2020

Fischen boomt – gerade in Corona-Zeiten. Dabei ist vieles, was unter Wasser abläuft, einem grösseren Publikum nicht bekannt. Ein Schweizer Fischzentrum soll das ändern, sagt Adrian Aeschlimann, Geschäftsführer des Schweizerischen Kompetenzzentrums Fischerei SKF.


Nachdem der Bundesrat Mitte März das Leben in der Schweiz heruntergefahren hatte, entdeckten viele Fischerinnen und Fischer ihr Hobby wieder, fanden aber ihren Ausweis nicht mehr. Somit mussten sie beim Netzwerk Anglerausbildung einen Ersatz bestellen, und bei uns liefen die Drähte heiss. Zudem werden die nun wieder angelaufenen Kurse zur Erlangung eines „Sachkundenachweises Fischerei“ von Neufischern schier überrannt.

Wer möchte es ihnen verdenken? Fischen ist ein faszinierendes Hobby. Das Naturerlebnis ist garantiert, und es gibt kaum Besseres, um den Kopf zu lüften. Und in Zeiten der Abwehr ansteckender Viren lässt sich nirgendwo besser Abstand halten. Wer dann schliesslich auch einen schönen Fisch an der Angel hat und ihn nach den geltenden Tierschutzregeln behändigen kann, wird voller Zufriedenheit nach Hause kehren.

So viel zur Sonnenseite. In der Realität kehren die Fischerinnen und Fischer oft unverrichteter Dinge dem Gewässer den Rücken. Vor allem die sauerstoff- und kälteliebenden Arten wie Bachforelle oder Äsche leiden unter den steigenden Temperaturen in Folge des Klimawandels. Wasserkraftwerke versperren den Fischen den Weg, Pestizide und Mikroverunreinigungen belasten das Wasser, und mit dem Insektenschwund verringert sich auch das Nahrungsangebot.

Die rund 30'000 in den Vereinen und Verbänden organisierten Fischerinnen und Fischer bemühen sich seit Jahrzehnten um eine nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände. Sie pflegen mit viel Freiwilligenarbeit den Lebensraum der Fische, arbeiten eng mit den Behörden zusammen und setzen sich politisch für Verbesserungen ein. Als „Dividende“ für diese Pflege des Kapitals entnehmen sie den Gewässern nach strengen, staatlich vorgegebenen Regeln eine gewisse Anzahl Fische.

Fischen boomt und doch ist vieles, was unter Wasser abläuft, einem grösseren Publikum nicht bekannt. Auch die Leistungen der Fischerinnen und Fischer werden oft verkannt. Für uns ist darum klar: Gewässer und Fische benötigen mehr Schutz und die Fischerei mehr Sichtbarkeit. Zu diesem Zweck planen die organisierten Fischerinnen und Fischer am Moossee bei Bern ein nationales Zentrum für natürliche Gewässer, Fische und respektvolle Fischerei, kurz „Schweizer Fischzentrum“. Thematisiert wird das Fischen als Kulturtechnik, seine Geschichte und seine Zukunftsaussichten. Ein spezielles Augenmerk wird auf eine tierschutzgerechte und respektvolle Fischerei gelegt. In wechselnden Ausstellungen, Rundgängen, Lehrpfaden, Kursen und Schulungen lernen die Besucherinnen und Besucher die Schweizer Fischarten und ihre Lebensräume kennen und werden für die anstehenden Herausforderungen sensibilisiert. Auch Kochkurse sollen angeboten werden.

Primär soll das Zentrum ermöglicht und getragen werden von den Fischerinnen und Fischern in der Schweiz. Aber: Je breiter die Unterstützung desto besser. Helfen auch Sie mit, dem Zentrum zum Durchbruch zu verhelfen und den Gewässern, den Fischen und dem schönsten Hobby der Welt eine Zukunft zu sichern. Finanzielle und sonstige Unterstützung von allen Seiten ist hochwillkommen.

Weitere Informationen:

https://www.skf-cscp.ch/das-fischzentrum/ oder bei Adrian Aeschlimann, 031 330 28 07 / a.aeschlimann@skf-cscp.ch

Adrian Aeschlimann ist seit 2018 Geschäftsführer des Schweizerischen Kompetenzzentrums Fischerei SKF, welches unter anderem die Geschäftsstelle des Netzwerks Anglerausbildung betreibt. Zudem leitet er das Projekt zum Aufbau des „Schweizer Fischzentrums“. Vorher arbeitete er als Journalist und während 15 Jahren in unterschiedlichen Positionen beim Bundesamt für Umwelt BAFU, zuletzt als Projektleiter „Dialog Grüne Wirtschaft“. Zuweilen ist er auch mit einer Fischerrute an einem Gewässer anzutreffen.

Das liebe Geld

Christian Häuselmann
12.06.2020

Geld wurde vor tausenden Jahren als Tauschmittel erfunden. Jetzt verliert das liebe Geld seinen Sinn und Wert, auch als Erfolgsmassstab. Und zwar ziemlich rassig. Unternehmer Christian Häuselmann fragt sich, welche neuen Währungen diese Funktionen künftig übernehmen könnten.


Politik und Notenbanken, bisher aus gutem Grund strikte getrennt, spannen zusammen. Massiv orchestrierte Gelddruck-Programme sollen drohende Wirtschaftskrisen abwenden. Wir brauchen Geld, also drucken wir Geld. Rein ökonomisch ist dies natürlich etwas komplizierter, aber das ist der Mechanismus. Wer Gold braucht, druckt sich Gold. Wer ein Pferd braucht, druckt sich aus dem Nichts ein Pferd. Das heisst: Geld wird wertlos. Auch die unternehmerische Leistung, mit echter Arbeit und Innovationskraft echtes Geld zu verdienen, wird abgewertet.

In einem ersten Schub wurden auf Mitte April 2020 weltweit über 8'000 Milliarden an Geld gedruckt. Das sind immerhin 8 Millionen Millionen. Seither überschiessen sich die Gelddruck-Programme richtiggehend, per Ende Mai 2020 ist keine verlässliche Gesamtzahl mehr zu finden. 750 Milliarden hier, 1’350 Milliarden da, 3’000 Milliarden dort – die Anzahl der diskutierten Nullen und der angeschlagene Takt sind bemerkenswert. Zahlen aus China sind in diesen Summen nicht enthalten, wie üblich sind keine transparenten Informationen verfügbar. In der Schweiz wurden innert knapp drei Monaten rund 60 Milliarden neue Staatsschulden gemacht. Die Rückzahlung dauert nach ersten Berechnungen 30 Jahre. Ein feines Geschenk an unsere Enkelkinder, mit Liebe eingepackt und überreicht als Gesamtpaket zusammen mit der ungelösten Rentenfinanzierung, den ungedeckten AKW-Rückbaukosten und den Kosten zur Klimawandel-Schadensbegrenzung.

Nebst dem unbeschränkten Gelddrucken erfreuen wir uns seit der Finanzkrise 2008/09 – ausgelöst durch gierig gewordene Menschen im Banken- und Immobiliensektor – einer weiteren intelligenten Geld-Innovation: der Negativzinsen. Negativzinsen heisst: Wer Geld braucht, bekommt es kostenlos und – aus Dankbarkeit, dass es genommen wird – gibt es noch etwas Kleingeld obendrauf. Das ist so praktisch wie absurd. In der ganzen Geschichte der Menschheit hat es einen solchen Mechanismus noch nie gegeben.

Das unbeschränkte Gelddrucken und die surrealen Negativzinsen zeigen sehr reale Wirkungen. Die Börsen schiessen dank den aktuellsten Geldspritzen auf neue Allzeithochs zu. In Amerika sind zwar 40 Millionen Menschen arbeitslos, jede vierte erwerbstätige Person. Das scheint in den Aktienkursen gut eingepreist zu sein. In Deutschland ist Ende Mai sogar Wolfgang Schäuble eingeknickt, einer der glaubwürdigsten Wirtschafts- und Finanzpolitiker in Europa. Er unterstützt jetzt die Bundskanzlerin Angela Merkel im historischen Entscheid, dass sich Deutschland – also die deutschen Bürgerinnen und Bürger – direkt an der EU Schuldenwirtschaft beteiligt. Offen bleibt, ob Schäuble die Vorteile der sogenannten Neuen Ökonomischen Realität mit der unbeschränkten Verschuldung auf den Ebenen Staat, Unternehmen und Privatpersonen erkannt hat, oder ob dies eher als Verzweiflungsakt einzuordnen ist.

Privatpersonen fragen sich, was dies für ihre eigenen Anlagestrategien und die persönliche Vorsorge heisst. Für Unternehmende ist die Botschaft klar: Wer finanzielle Höchst-Risiken eingeht und sich so aufbläht, dass er sich bei den systemrelevanten Organisationen einreihen kann, wird bei einem drohenden Bankrott fast mit Sicherheit vom Staat und damit den Steuerzahlenden gerettet. Weil sonst das ganze Kartenhaus zusammenbricht. Darauf können jetzt die Verwaltungsräte, die Manager und die ganze Finanzindustrie ihre Wetten ausrichten.

Wir alle wissen, dass der Spruch unserer Eltern und Grosseltern nach wie vor stimmt: Gib nur den Franken aus, den Du ehrlich verdient hast. Nicht sehr sexy, aber wahr.

Hier vier Fragen, zum Anstossen einer kreativen Diskussion:

  1. Was soll die neue Währung sein, mit der wir Erfolg messen?
  2. Welche Geldform wird in Zukunft entstehen, die wieder ausschliesslich dem ursprünglichen Zweck als Tausch- und Zahlungsmittel dient?
  3. Wie bewerten wir Sinn, Vertrauen, Integrität und Zufriedenheit?
  4. Und wie trainieren wir die junge Generation, damit sie in Zukunft die harten Entscheide treffen kann, die wir heute einfach nicht zu treffen imstande sind?

Wir bleiben dran.

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

Kommt das dicke Ende erst noch?

Michael Lünstroth
11.06.2020

Viele Kulturschaffende ächzen unter der Corona-Krise. Dass es danach besser wird, ist längst nicht ausgemacht. Denn: Neue Sparprogramme könnten auch die Kultur treffen. Laut Michael Lünstroth, Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch, wäre das gefährlich für die Szene.


Wenn es dumm läuft, behält Thomas Ostermeier am Ende recht. Bereits im April hatte der Theaterregisseur und künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne dunkle Wolken an den Himmel vieler Kulturschaffender und Kultureinrichtungen gezeichnet. „So wie man jetzt offenbar in den Krankenhäusern in Italien entscheiden muss, welche Kranken die lebensnotwendige Behandlung erhalten, fragt man sich vielleicht nach der Krise, welche Firmen und Institutionen man braucht und auf welche man verzichten kann", sagte Ostermeier damals der Süddeutschen Zeitung. Ergänzt mit dem angsterfüllten Satz: „Ich weiss nicht, ob die Politik dann alle Kultureinrichtungen retten will.“ Bumm. Das sass.

Tatsächlich reden ja auch in der Schweiz längst einige Politiker darüber, dass nach der Krise alle Ausgaben auf den Prüfstand müssten. Motto: Man müsse sich genau überlegen, was man sich dann noch leisten kann. In der Kultur kennen sie solche Sätze. Und die meisten von ihnen wissen, dass solche Aussagen auch sie irgendwann treffen können. So war es nach der Finanzkrise 2008/2009. So könnte es jetzt wieder kommen. Auch im Thurgau?

Die Abhängigkeit vom Lotteriefonds

Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf die Kulturfinanzierung im Kanton. Das Kulturleben im Thurgau wird inzwischen nur noch zur Hälfte mit Mitteln aus dem Staatshaushalt unterhalten. Vor allem die Budgets der kantonalen Museen und jenes der Kantonsbibliothek werden darüber finanziert. Der ganze grosse Rest kulturellen Schaffens wird über den Lotteriefonds ermöglicht. In Zahlen sieht das so aus: Aus dem Kantonshaushalt kommen rund 10,5 Millionen Franken pro Jahr, aus dem Lotteriefonds fast 10,8 Millionen Franken pro Jahr.

Eigentlich ist dieses Verhältnis eher ein Problem. Weil es deutlich macht, wie sehr sich der Staat von seiner Aufgabe der Kulturförderung und Kulturpflege zurückgezogen hat und bei der Finanzierung auf Drittmittel setzt, von denen niemand weiss, wie lange es sie geben wird.

Mit anderen Worten: Das Wohl der Thurgauer Kulturschaffenden ist ziemlich fest an die Spielleidenschaft der Thurgauerinnen und Thurgauer gebunden. Denn: Wie viel Geld ein Kanton aus dem Topf der Swisslos erhält, hängt neben der Bevölkerungszahl auch am Spielumsatz im jeweiligen Kanton. Dass Kulturschaffende so zumindest teilweise von der Spielsucht anderer profitieren, ist eine Perversion dieses Systems. Einerseits.

Andererseits: In der Krise zeigt sich nun, dass diese Art der Kulturfinanzierung viele Kulturschaffende vor allzu grossen Einschnitten bewahren könnte. An den Lotteriefonds-Mitteln ist in den vergangenen Jahren eigentlich nie gerüttelt worden. Im Gegenteil: Der Topf wächst Jahr für Jahr an: Weil immer mehr Geld reinkommt, als ausgegeben wird.

Das Ergebnis: 2019 hatte der Thurgauer Lotteriefonds – laut Geschäftsbericht des Kantons – einen Umfang von 44 Millionen Franken. Auch vor diesem Hintergrund hatte Ueli Fisch von der Grünliberalen Partei vor der Kantonsratswahl im März gefordert, die Kulturförderung auszubauen: „Es steht genügend Geld im Lotteriefonds zur Verfügung. Viele Kulturschaffende wären froh, wenn ihre Arbeit noch etwas mehr unterstützt werden würde. Das Geld im Lotteriefonds zu horten, macht absolut keinen Sinn“, so Fisch damals.

Jubel wäre trotzdem noch verfrüht. Denn: Sollte es trotz allem zu Sparrunden im Haushalt kommen, könnten die kantonalen Museen davon betroffen sein. So war es jedenfalls in den Sparrunden nach der Finanzkrise, die Mittel aus dem Lotteriefonds wurden damals nicht gekürzt. Es ist allerdings fraglich, wo die Museen noch kürzen sollten. Sie sind ohnehin nicht besonders üppig ausgestattet. Weitere Kürzungen würden wohl dauerhaften Schaden an der Museumslandschaft anrichten.

Ein gutes Zeichen: Der Finanzdirektor gibt sich gelassen

Wenn dies nicht als Warnung an allzu eifrige Spar-KommissarInnen reicht, kann man sie übrigens auch jederzeit an Aussagen des inzwischen Ex-Finanzchefs des Kantons, Jakob Stark, erinnern. Anlässlich des Besuchs von Bundesrätin Simonetta Sommaruga am 20. Mai auf dem Arenenberg sagte er, dass die Folgen der Corona-Krise den Kanton nicht lange belasten werden. Eine einjährige Rezession, schon. Aber nicht mehr. Der Thurgauer Staatshaushalt werde dies dank der „zurzeit exzellenten Verfassung“ verkraften können.

Michael Lünstroth(42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den passenden Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen

Corona verhilft neuen Arbeitsmodellen zum Durchbruch

Rolf Arni
10.06.2020

Remote-Work ist auch dank Corona in der Schweiz endlich angekommen, sagt Rolf Arni. Gleichzeitig seien viele es leid, nur per Videokonferenz zu kommunizieren. Der Mitgründer des nun wieder geöffneten Impact Hub Bern sieht das Coworking-Modell nachhaltig im Aufschwung.


Vor ziemlich genau vier Jahren gründeten ein paar umtriebige MacherInnen den Impact Hub in Bern. Es ist ein verbindender Ort, ein Schmelzpunkt, an dem Selbständige, Firmen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, GymnasiastInnen und UnternehmerInnen zusammentreffen. Mit rund 300 Mitgliedern, täglichen Raumbuchungen und monatlich etwa 30 Events mit insgesamt über 500 Teilnehmenden stellt sich dem Impact Hub Bern die Frage, was nach der Corona-Epidemie davon übrig bleiben wird.

Ja, die Möglichkeiten für die rege genutzten Raumbuchungen und Events vor Ort fielen rasch weg. Zum Glück haben wir eine sehr treue Mitgliederbasis – wobei doch spürbar weniger Neueintritte verzeichnet wurden. Dennoch: Unsere Mitglieder halfen uns mit ihrer Loyalität schon mal über die Runden, wofür wir ihnen sehr dankbar sind.

Kurzarbeit wollten wir nicht einreichen, gab es – Corona hin oder her – viel zu tun. Zusammen mit den anderen Impact Hubs in der Schweiz lancierten wir neue Programme, wie etwa den schweizweiten VersusVirus Hackathon mit rund 4’600 Teilnehmern. In Bern haben wir uns schnell für die Verschiebung des Event-Angebots auf online entschieden, jedoch nach ein paar Wochen bald festgestellt, dass die Leute etwas Zoom-gesättigt waren. Den ganzen Tag im neuen Home Office zig Videokonferenzen abhalten und dann abends noch an einen Video-Event? Schwierig.

Die Homeoffice-Phase verhalf uns – und anderen – vermehrt zu Automatisierung und weitreichender Planung. Remote Work ist endlich in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer angelangt. Als Vorstandsmitglied des Vereins Digitale Nomaden Schweiz sehe ich in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse für neue Arbeitsmodelle und Corona gab diesem Bedürfnis mehr Wind.

Unsere Räumlichkeiten waren während der Corona-Zeit für die Members jederzeit offen –unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften. Genutzt wurde das Angebot von denjenigen, denen das Zuhause auf den Kopf zu fallen begann oder von Firmenangestellten, die eine Split-Regelung oder keinen Platz in ihrem Büro hatten. Stets vor Ort waren auch ein paar unserer treuesten Mitglieder, die trotz strenger Auflagen und reduziertem Hub-Service normal weiterarbeiten wollten und mussten.

Obwohl plötzlich ein grosser Teil unseres Geschäfts weggebrochen war, eröffneten sich gleichzeitig neue Möglichkeiten. Anpassungsfähigkeit und Reaktion auf unsichere Zustände ist schliesslich unser Kernbusiness. Wir leben in einer VUCA-Welt. (Anm.d.Red.: VUCA steht für Volatilität / Volatility, Unsicherheit / Uncertainty, Komplexität / Complexity und Vieldeutigkeit / Ambiguity.)

Jetzt sind wir wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Unser ganzer Space wurde mit den entsprechenden Vorsichtsmassnahmen ausgerüstet und ist somit mehr als ready. Sitzungszimmer sind begehrter denn je, zusätzliche Arbeitsplätze für ihre Mitarbeiter wünscht sich manche Firma. Und nicht zuletzt tut es einfach gut, mal wieder echte Menschen zu sehen, anstatt nur per Video. Das ist es schliesslich, was den Hub ebenso ausmacht.

Rolf Arniist unter anderem Co-Gründer des Impact Hubs in Bern. Sein Interesse gilt der Automatisierung, Remote Work, Business Creation sowie Fotografie und Musik.

Digitale Ausstattung macht noch keinen guten Unterricht

Julia Heier
08.06.2020

Schweizer Schulen sind digital besser ausgestattet als viele andere in Nachbarstaaten. Doch das sei nicht allein ausschlaggebend für guten Fernunterricht, sagt Lehrerin Julia Heier, die sich in Corona-Zeiten wie ein Videochat-Zombie fühlt. Lernen funktioniere über nonverbale Kommunikation und Beziehungen.


Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern lassen sich nicht so einfach auf den 13 Zoll grossen Bildschirm eines Laptops übertragen. Auch die eigenen Kinder lösen sich nicht stillschweigend in Luft auf, damit im Wohnzimmer täglich 270 Minuten sinnstiftender, individualisierender Live-Unterricht auf Oberstufenniveau aus dem Ärmel geschüttelt werden können. Wie gelingt also guter Unterricht in der digitalen Corona-Zeit?

„Ein Unterricht, in dem nur die Schüler profitieren und der Lehrer krank wird, ist schlechter Unterricht“, wusste schon Hilbert Meyer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Oldenburg, an dem bis heute kein Referendar im deutschsprachigen Raum im Rahmen seiner Lehrerausbildung vorbeikommt.

Die meisten von uns Lehrern lieben ihren Beruf, sind analog wie digital bestens ausgebildete „Methodenfuzzis“, sind Coaches, Evaluateure, Erlebnispädagogen, Pflasterkleber, Regisseure, Kuchenbäcker, Visionäre, Lernpsychologen und vieles mehr. Wir machen unsere Arbeit aus Leidenschaft für die heranwachsende Generation, aus Freude am Gedankenaustausch mit Jugendlichen und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch seit zwei Monaten sind wir vor allem eins: Videochat-Zombies.

In der Theorie haben wir uns das flexible Homeoffice samt häuslicher Beschulung der eigenen Kinder vor ein paar Monaten noch ganz anders vorgestellt – nämlich als harmonische Wolke aus selbsterklärenden Lernmaterialien zum Anfassen, instagramtauglichen Grundschulkindern, die ihre gut sortierten Federmäppchen auf gebügelten Picknickdecken ausbreiten, und Schülern, die sich nun ihre Zeit frei einteilen können und daher an Qualität kaum zu übertreffende Lernprodukte kreieren, die uns endlich zeigen, dass der noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Unterricht im Klassenzimmer ausgedient hat. Doch binnen zwei Lockdown-Monaten hat uns die Realität nicht nur eingeholt, sondern überholt.

Während meine Schweizer Kollegen und ich Mitte März noch mit leicht spöttischem Blick auf Schulen in den Nachbarländern geschaut haben, an denen die nahtlose Umstellung des Präsenz- auf den Online-Unterricht wegen fehlender Abonnements von Online-Tools sowie mangelnder Hardware-Ausstattung nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten abgelaufen ist, so ergreift mich heute oftmals gegenüber unseren analogen Kolleginnen und Kollegen, die ihren Stoff mit zeitlich asynchronen Lernaufträgen durchbringen können, der Neid.

Seit zwei Monaten werfe ich frühmorgens das erste gebügelte Hemd über die Zoom-Couture-Leggings von gestern, während ich dabei zuhöre, wie die eigenen Kinder noch im Bett ermitteln, ob heute immer noch „Coronaferien“ sind, wie sie die Zeit seit Freitag, dem 13. liebevoll nennen. Zehn Minuten nervöse Rückenyogaübungen auf Youtube, dann kommt auch schon die erste von im Tagesverlauf vier E-Mails mit Aufgaben für die eigenen Kinder seitlich in den Bildschirm eingeflogen. Das hiess in meinem Fall: mechanisch Silben klatschen, Oster- und Muttertagsverse auf Sprachmemos leiern oder die von Pinterest inspirierten Drillaufgabenstellungen als Mutter selbst zu erledigen. Kurz darauf galt es, die längste im Netz verfügbare Räuber-Hotzenplotz-Playlist (ganze sechs Stunden und 46 Minuten!) im Kinderzimmer erklingen lassen, noch kurz vor Anschalten der Microsoft-Teams-Kamera den Lippenstift auftragen und los geht's.

Mit einem fröhlichen „Guten Morgen zusammen, wie geht es euch?“, begrüsse ich meine Schüler fast wie sonst im Klassenzimmer – so ziemlich das letzte Unterrichtsüberbleibsel aus der guten alten Zeit. Schon nach fünf Minuten Rauschen und knackenden Leitungen höre ich die eigene Stimme nur mehr mechanisch, fast fremd, hallen: „Kabale und Liebe, vierter Akt, siebte Szene“. Stille. Warten und abschätzen, ob nun wohl alle 24 Chat-Teilnehmer in ihren Kinderzimmern auf derselben Seite des gelben Reclam-Heftchens angekommen sind. Ich frage freundlich nach, erhalte keine Antwort, sehe aber einen „Daumen hoch“ im Gruppen-Chat im Hintergrund blinken. Reicht. Luise Millerin tritt schüchtern hinein.

Hufeklappern, Pferdetraben – „Moment, ich bin gleich wieder da!“ ins Mikrofon rufen, es augenblicklich auf stumm schalten und damit beginnen, die 17 Schleich-Pferde einzusammeln, die inzwischen schon in einer doppelten Volte um meine Pantoffeln patrouillieren. In Eile stopfe ich sie den laut wiehernden Kindern in ihre Schlafanzugärmel und fordere sie mit diktatorischen Blicken dazu auf, schleunigst aus „Mamis Unterricht“ zu galoppieren. Dabei versuche ich, die 24 kreisrunden Buchstabenkombinationen auf dem Bildschirm, die mutmasslich apathisch oder neugierig in die einzigen vier aufgeräumten Quadratmeter meiner Wohnung blicken, möglichst wenig an meinem persönlichen Versagen teilhaben zu lassen, zwei Sechsjährige nicht in Schach halten zu können.

Nächste Lektion, neues Glück. Die Kinder schreien während der Screencast-Aufnahme aus dem Nebenzimmer nach Fischstäbchen. Die Klasse, die mich bislang nur als klimaschützende Veganerin kennt, scheint jedoch bei der am Vortag bis Mitternacht geplanten Flipped-Classroom-Methode ohnehin bereits abgeschaltet zu haben, ist aber bei genauerem Nachfragen, ob man morgen den Unterricht doch lieber durch Leseaufträge ersetzen soll, wieder ganz Ohr. Ein Arbeitsauftrag scheint spontan unauffindbar zu sein. Hastig tippe ich „Moment, ich hab’s gleich“ und klicke mich durch One-Note, Ilias, One-Drive, Teams und andere Tiefen meiner unerschöpflichen Datenablage. Vergebens. Also rufe ich schnell und autoritär einen Namen in das schwarze Loch und hoffe, dass der genannte Schüler sich auch wirklich in dieser Klasse befindet. Abermals Stille. Wir alle warten, bis sich Tim aus der Liegeposition in seinem Bett wieder in die Senkrechte bewegt hat und endlich im Rausch der Hintergrundgeräusche den ersten Vers aus der Iphigenie vorstammelt. Mit einem dankbaren Nicken reagiere ich nur mehr nonverbal und lächle in den neongrün leuchtenden Punkt über dem Bildschirm hinein. Doch wie klingen Goethes Jamben im Jahr 2020, wenn sie durch den dröhnenden Teams-Kanal gejagt werden? Für solche Fragen ist keine Zeit. Ebenso wenig wie für die 167 eingereichten kreativen Lernjobs von letzter Woche, die noch immer nicht korrigiert sind.

Woran es liegt, dass der nahtlose Übergang vom Präsenz- zum Online-Fernunterricht mit Jugendlichen im Adoleszenzalter trotz der Verfügbarkeit der technischen Mittel beizeiten so wenig gewinnbringend scheint, dazu kursieren gerade in zahlreichen Chat-Kanälen die wildesten Theorien. Während sich die einen sicher sind, dass schlichtweg zu wenig Zeit zur Verfügung stand, um uns gemeinsam auf die Neue Didaktik vorzubereiten, finden andere, dass uns der digitale Live-Unterricht im Gegensatz zu unserer sonstigen lehrerzentrierten Methodik und Pädagogik um Jahrzehnte zurück in den totalitären Frontalunterricht geworfen hat. Und genauso wie das Strahlen in den jugendlich neugierigen Gesichtern aus Datenschutzgründen in diesen Monaten unsichtbar bleibt, ist auch konstruktive Rückmeldung bisher dünn gesät.

Jedenfalls scheint den meisten von uns Online-Lehrern klar, dass der technisch-neidische Blick deutscher Lehrender beispielsweise nach Norwegen oder in die Schweiz ohne kritische Betrachtung nicht weit genug gedacht ist. Dass die technische Verfügbarkeit eines eigenen multifunktionalen Kommunikationstools sowie eines stets verfügbaren Systemadministrators, nach dem sich gerade viele Eltern sowie nicht zwangsvirtualisierte Lehrende sehnen, nicht ausschlaggebend für nachhaltiges Lernen sind.

Es ist der Mangel an nonverbalen Zeichen, am Lernen mit allen Sinnen, von Angesicht zu Angesicht und das Fehlen von „echten“ Gesprächen in Gruppen, im Plenum, auf Papier, die den ortsunabhängigen Unterricht so wenig lohnend erscheinen lassen. Und einmal mehr wird deutlich, dass Lernen über Beziehung stattfindet – die eben nicht ohne weiteres über Webcams geführt und mit den eigenen Kindern zu Hause geteilt werden kann. Wir haben die technischen Mittel, nach denen ihr euch sehnt – und es funktioniert trotzdem nicht.

Julia Heier arbeitet seit zehn Jahren als Gymnasiallehrerin und Redaktorin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit an der Kantonsschule Trogen AR – derzeit unterrichtet sie die Fächer Deutsch, Deutsch als Fremdsprache und Pädagogik/Psychologie. Ausserdem gestaltet sie die Schulentwicklung in verschiedenen Arbeitsgruppen mit. In der Vergangenheit hat sie an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen in den Bereichen Literatur-/Medienwissenschaft und in der Deutsch-Didaktik doziert; bis heute ist sie an der Universität Konstanz als freie Dozentin in der Hochschuldidaktik im Bereich Schlüsselqualifikationen tätig.

Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Zukunftsrat gibt der Schweiz Perspektive

Robert Unteregger
04.06.2020

Die Krise hat gezeigt, dass auch in der Schweiz eher reagiert als agiert wird. Damit verspielen wir uns viele Chancen, sagt Robert Unteregger von der Stiftung Zukunftsrat. Sein Ansatz: Ein intelligent besetzter Zukunftsrat mit Anbindung an die Politik kann staatliches Handeln nachhaltiger gestalten.


Als Gesellschaft produzieren wir seit Jahrzehnten mit unseren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und organisatorischen Wirkkräften Langzeitfolgen – auch solche, die das Leben auf der Erde gefährden. Angesichts des rasanten Veränderungstempos sind die Möglichkeiten, unsere Zukunft und jene der Nachrückenden mit- und umzugestalten, tatsächlich gross. Aber wir lassen sie weitgehend ungenutzt, beschränken uns auf das Re-Agieren. Unsere politische Arbeitsweise stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist schwergewichtig auf Kurzfristigkeit orientiert. Wir können dies ändern, indem wir die politische Arbeitsweise mit einem Zukunftsrat ergänzen.

Ein Zukunftsrat ergänzt Regierung und Parlament gezielt um die Dimension der Langzeit, macht diese überhaupt erst differenziert diskutier- und verhandelbar. Wie würde er arbeiten? Er erarbeitet einen Überblick über die Entwicklungslinien unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Unter Einbezug von Praktikern, Fachleuten, durch das Aufarbeiten der einschlägigen Literatur und gelegentliche Vernehmlassungen benennt er die zentralen Herausforderungen für eine längerfristige Zukunftsgestaltung. Zu diesen entwirft er nach eigener Priorisierung tragfähige Ziellandschaften und mögliche Schritte, die dahin gehen. Diese Arbeit ist methodisch anspruchsvoll und wissensintensiv. Damit die wesentlichen Überlegungen und Vorschläge eines Zukunftsrates allgemein verständlich und zugänglich werden, müssen sie in wissensbasierte, anschauliche Begriffe und Bilder gebracht werden – ein wissensbasierter Populismus im guten, verantwortbaren Sinne.

Um schliesslich auch politisch wirksam agieren zu können, benötigt ein Zukunftsrat mindestens ein Vorschlagsrecht gegenüber Regierung und Parlament, mit Verbindlichkeit auf Antwort innert nützlicher Frist. Zur Verbreitung der Zukunftsratsarbeit in der Bevölkerung kann ein Zukunftsrat konsultative Befragungen zu anspruchsvollen Handlungsfeldern mit einer graduellen Beurteilung (nicht bloss ja oder nein) und mit Varianten durchführen; ebenso öffentliche Hearings. So hat etwa Finnlands Zukunftskommission den Umgang mit der vierten Generation im Rahmen eines Jazz-Festivals thematisiert.

Die fünf bis neun Mitglieder eines Zukunftsrates würden von einem Vorschlagsteam ausgewählt und vom Bundesrat bestätigt. Das Vorschlagsteam kann gebildet werden aus

Das Team muss sich auf einen gemeinsamen Vorschlag einigen. Die Mitglieder des Zukunftsrates werden für eine einmalige Amtsdauer von neun oder zwölf Jahren ernannt und alle drei oder vier Jahre teilerneuert. Arbeitsort des Rates, dem ein wissenschaftlicher Stab zur Verfügung steht, kann der Gurten sein – mit direkter Sichtverbindung zum Bundeshaus, was die Nähe zur Bundespolitik betont, jedoch 300 Meter höher gelegen ist. Das versinnbildlicht die andere Perspektive der Langzeit.

Je rascher solche Zukunftsräte Wirklichkeit werden, desto besser für uns und unsere Enkel!

Robert Unteregger ist Mitgründer und Verantwortlicher der Schweizerischen Stiftung Zukunftsrat. Hiermit setzt er sich seit der Stiftungsgründung 1997 für die Schaffung von Zukunftsräten ein. Unteregger ist studierter Philosoph, wirkt auf der Baustelle Zukunft in Cudrefin und führt an der Pädagogischen Hochschule Bern in kleinem Rahmen künftige Gymnasiallehrpersonen in Bildung für nachhaltige Entwicklung ein.

Weitere Informationen zur aktuellen Arbeit des Zukunftsrats: Robert Unteregger im Video-Interview.

Demokratie braucht eine wirtschaftlich emanzipierte Mittelklasse

Philipp Aerni
03.06.2020

Bloss den Westen zu kopieren, ist langfristig kein Rezept für stabile Demokratien, sagt Philipp Aerni, Direktor des UZH-Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit. Er kritisiert damit China-Bashing und westliches Scheuklappen-Denken. Stattdessen setzt er auf wirtschaftliche Ermächtigung.


Gemäss dem Transformationsindex (BTI) der Bertelsmann Stiftung soll die Qualität von Demokratie und Regierungsführung in Transformationsländern zum sechsten Mal in Folge gesunken sein und sich nun auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung 2003 befinden. Ausserdem soll die COVID-19-Pandemie diesen Negativtrend noch zusätzlich verstärken.

Das macht betroffen und lässt befürchten, dass die Welt in Gewalt, Ungleichheit und Diktatur versinkt.

Bei genauerer Betrachtung dieses Indexes kommen allerdings gewisse Zweifel auf. Grundlage des Erhebungsprozesses ist ein standardisiertes Codebuch, das einen einheitlichen Bezugsrahmen für die Erhebung bildet. Viele politische und sozioökonomische Indikatoren und Kriterien basieren auf Zahlen, die anderswo bereits erhoben wurden, doch die Bewertung hängt in erheblichem Masse auch von ausgewählten Experten ab: mehrheitlich Politikwissenschaftler ohne grosse Feldforschungserfahrung. Ihr meist normatives Urteil fliesst auch in die Evaluation ein. Das Ganze wird dann umgemünzt in ein zahlenbasiertes Ranking, wo sich der Status der Transformation Richtung Demokratie und „sozialverträgliche“ Marktwirtschaft wunderbar ableiten lässt.

Der normative Rahmen scheint dabei klar zu sein: Seid so wie der „Westen“, dann kommt alles gut!

Ausgeklammert von der Evaluation werden nämlich jene Länder, „deren demokratisches System über einen längeren Zeitraum als konsolidiert und deren wirtschaftlicher Entwicklungsstand als weit fortgeschritten angesehen wird“. Westeuropa und die USA sollen somit eine Art Leuchttürme sein, an denen sich der Rest der Welt orientieren kann. Ein Grund für den Ausschluss der westlichen Wohlstandsgesellschaften mag wohl auch sein, dass es sonst zu offensichtlich wird, dass der Index fast eins zu eins mit dem GDP eines Landes korreliert (die Golfstaaten ausgenommen).

Die starke Korrelation zwischen Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie würde klar aufzeigen, dass vor jeder politischen Ermächtigung immer die wirtschaftliche Ermächtigung kommen muss. Denn nur ein Staat, der genügend Steuereinnahmen aus einer prosperierenden inländischen Wirtschaft generiert, ist relativ selbstbestimmt und kann seine essentiellen Funktionen im öffentlichen Interesse effektiv wahrnehmen. Ausserdem liegt es im Eigeninteresse eines solchen Staates, diejenigen politisch mitbestimmen zu lassen, die den Staat durch ihre Wirtschaftsleistung finanzieren.

Ein armer Staat kann sich zwar eine demokratische Verfassung geben und allerlei Bürgerrechte in der Verfassung verankern. Doch wenn es keine wirtschaftlich starke und breite Mittelklasse gibt, die Steuern zahlt und auch wissen will, was mit diesen Steuern passiert, bleibt die Demokratie ein hohles Konstrukt, hinter dem sich allzu oft ein traditionelles Patron-Client-System verbirgt. Der Patron beschenkt seine Untertanen und erwartet im Gegenzug politische Loyalität. Das politische Engagement des Patrons, der in solchen feudalistischen Strukturen vom Status Quo profitiert, gilt jedoch allzu oft nicht der Förderung von wirtschaftlichen Reformen, sondern der Bewahrung der sozioökonomischen Strukturen. Er ist daher kein natürlicher Verbündeter der unternehmerischen Mittelklasse, welche den Wandel anstrebt. Mit anderen Worten: Es bleibt eine Elitedemokratie, die jederzeit wieder in eine Autokratie zurückfallen kann.

Dass die aggregierte BTI Bewertung dem nicht Rechnung trägt, zeigt sich im Ranking: Länder wie Indien (Platz 34), Tunesien (Platz 44) und die Philippinen (Platz 51) schneiden relativ gut ab, während ein Land mit einem autoritären Regime wie China (Platz 91) nur gerade vier Ränge vor Nigeria landet; einem Land, dass sich eher durch anarchische als durch autoritäre Strukturen auszeichnet.

Auch, wenn es noch keine Anzeichen von Demokratie in China gibt, so besteht dennoch ein wirtschaftliches Fundament, das zu einem späteren Zeitpunkt eine stabile Demokratie begünstigen könnte. Dieser Schluss lässt sich auch aus der europäischen Geschichte ziehen, denn wer würde behaupten wollen, dass in Deutschland vor und während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert demokratische Strukturen geherrscht hätten?

In Indien hingegen mag es demokratische Institutionen geben, doch wie relevant sind die tatsächlich im Alltag der Menschen? Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Diskriminierung, Armut, Hunger und Unterernährung sind weit verbreitet, weil unter der demokratischen Fassade nach wie vor das Kastensystem schlummert und die Regierung viel Symbolpolitik betreibt, die sich aber am Ende als ineffektiv erweist, wenn es um die Schaffung einer breiten Mittelklasse geht. Neuerdings zeigt sich auch, wie schnell sich das Land wieder in eine Autokratie verwandeln könnte.

Das Lamento bezüglich dem Trend in Richtung autoritärer Regimes blendet daher viel aus, das sich nicht durch einen solchen Index erfassen lässt.

Ausserdem wird oft der Balken im eigenen Auge ausgeblendet. Deutsche Entwicklungsgelder sollen gemäss Entwicklungsminister Gerd Müller vor allem für meist deutsche Organisationen ausgegeben werden, die sich für die Stärkung von „lokalen Strukturen“ und die Aufwertung von traditionellen Praktiken in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern einsetzen.

Ist eine solche Strategie wirklich zielführend im Bestreben, einen Strukturwandel zu fördern, der die dringend nötigen guten Jobs für die Jugend ermöglicht und langfristig die wirtschaftliche Grundlage schaffen könnte für stabile demokratische Strukturen? Wohl kaum, denn mit solchen Projekten werden oftmals bloss die lokalen Gruppierungen gestärkt, die vom Status Quo profitieren. Die lokalen Treiber des wirtschaftlichen Wandels, nämlich die lokalen Unternehmer, die sich nicht mehr Spendengelder, sondern mehr Investitionen wünschen, bleiben unbeachtet.

Philipp Aerniist Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich. In den vergangenen Jahren hat er sich vor allem mit der Rolle von Wissenschaft, Technologie und Innovation für eine nachhaltige Entwicklung beschäftigt. Vor seiner, Ernennung zum Direktor des CCRS hat Dr. Aerni an der Harvard Universität, der ETH Zürich, der Universität Bern sowie bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gearbeitet.

Pandemie stärkt Trend hin zu Bioplastik

Frederic Mauch
29.05.2020

Die besonderen Eigenschaften von Kunststoff machen das Material in Corona-Zeiten wieder beliebt. Doch Plastikmüllberge müssen dennoch nicht wachsen. BioApply-Gründer Frederic Mauch sieht in der Krise auch wachsendes Interesse an Alternativen.


Die Zeit vor COVID-19 ist jetzt klar abgegrenzt, da diese Geissel die Welt als Ganzes getroffen hat. Können wir an dieser Stelle von einer Bruchstelle sprechen? In jedem Fall werden bestimmte Themen, bestimmte Trends plötzlich überprüft und in Frage gestellt.

Seit 2006 und der Einführung von BioApply konnte ich den immer stärker werdenden Kampf gegen Kunststoffverpackungen beobachten und mich daran beteiligen, um dann allmählich auf Null-Verpackungen, Geschäftsmodelle ohne Verpackung und nachhaltige Mehrwegverpackungen hinzuarbeiten.

Es stimmt, dass wir alle zweifelsohne bestimmte Eigenschaften der Verpackung vernachlässigt haben. Die COVID-19-Krise ist eine deutliche Erinnerung daran.

Die Übergabe von Medikamenten vom Apotheker zum Kunden, die Auswahl und Handhabung von Obst und Gemüse durch den Kunden, der Weg eines wiederverwendbaren Beutels durch die Hände des Kunden und des Kassenpersonals? Die mehrfachen Handhabungen an Säcken und Hebeln für Schüttgüter? All diese Fragen werden plötzlich zentral, ja sogar lebenswichtig.

Die unmittelbare Reaktion? In den Apotheken wird nicht mehr systematisch nach fünf oder zehn Cent für Beutel gefragt – egal, ob kompostierbar oder aus Plastik. Im aktuellen Umfeld hat die Verringerung der menschlichen Berührungen von Gegenständen Priorität. In den Obst- und Gemüseabteilungen eines bestimmten Supermarktes wird systematisch ein manuelles Gel auf die Kunden aufgetragen und diese anschliessend mit einer Plastik- oder kompostierbaren Tüte an jeder Hand ausgestattet, um jegliche Kontamination der Ware zu vermeiden.

Der Offenverkauf kann diesem Phänomen nicht entgehen.

Die Kunststofflobby hat keine Zeit verloren und setzt alles daran, eine Rückkehr in das goldene Zeitalter der Kunststoffverpackungen zu erreichen. In mehreren Ländern und Regionen sind Anträge auf Aufhebung des Verbots von Plastiktüten im Gange.

COVID-19-Probleme können nicht auf Kosten der Umweltprobleme, mit denen wir weiterhin konfrontiert sind, angegangen werden.

Gleichzeitig ist die COVID-19-Krise nicht ein kurzes Zwischenspiel, wir werden nicht zurück in alte Muster fallen, wenn die Krise bewältigt ist. Änderungen im Verhalten, in der Gesellschaft und bei den Hygienemassnahmen werden wahrscheinlich längerfristig bestehen bleiben.

Die Wahl ist jedoch nicht auf eine Wahl zwischen Null-Verpackung oder Rückkehr zu Plastik beschränkt. Es gibt in der Tat Lösungen, die sowohl die hygienischen als auch Barriere-Eigenschaften von Kunststoffverpackungen gewährleisten und gleichzeitig nachhaltig sind. Kompostierbare Verpackungen und Beutel sind das beste Beispiel.

Der kompostierbare Zweiwegbeutel eignet sich für den Einsatz in der Obst- und Gemüseabteilung, an der Supermarktkasse, aber auch in Apotheken und bei lokalen Warenlieferanten und beim Online-Shopping. Sie ermöglicht es Ihnen, Ihre Einkäufe zu erledigen, Ihre Lieferungen entgegenzunehmen, Ihr Obst auszuwählen und dann in einem zweiten Schritt Ihre organischen Abfälle zu trennen. Es sollte daran erinnert werden, dass organische Abfälle mehr als 30 Prozent des Haushaltsabfalls ausmachen.

Der kompostierbare Sack ist wieder einmal das Bollwerk, das eine Rückkehr zu Plastik verhindern kann.

BioApply beabsichtigt auch, die Palette der in Europa beschafften, biobasierten Produkte, die zur Gewährleistung der Hygienefunktionen und der Umweltbilanz zurückverfolgbar sind, zu erweitern. Ab Mai sind biologisch abbaubare Handschuhe für den Lebensmittelkontakt und den Einzelhandel erhältlich. Zusätzlich zu ihrer Hauptfunktion haben sie den Vorteil, dass sie eine bessere CO2-Bilanz als vergleichbare Plastikprodukte haben und eine vollkommene Transparenz in der gesamten Lieferkette bieten.

Die COVID-Krise schafft auch einen neuen Trend, eine starke Nachfrage nach lokalen, regionalen, zurückverfolgbaren und verifizierten Produkten. Mehr denn je brauchen die Verbraucher Produkte, die nicht global, sondern so lokal wie möglich bezogen werden. Sie wollen alles über diese Produkte und dabei auch über die Verpackung wissen. Wo kommen sie her? Sind ihre Marketing-Argumente aufrichtig? Sind ihre Zertifizierungen gültig? BioApply arbeitet seit zehn Jahren mit der Zurückverfolgbarkeit durch die Produkt-DNA-Plattform und respect-code.org. So sind die meisten Lösungen, die BioApply anbietet, ob für den Einzelhandel oder die Abfallwirtschaft, zurückverfolgbar. Hier ein Beispiel.

Schliesslich haben wir seit COVID-19 in unserer Abteilung für die Produktentwicklung BioApply Services eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Projekten zur Entwicklung kompostierbarer und biobeschaffter Lösungen festgestellt. Dies zeigt sich in den verschiedensten Bereichen. Dies ist sicherlich auch das Ergebnis einer reduzierten operativen Tätigkeit in einigen Branchen, das gibt mehr Zeit für strategische Projekte. Aber vielleicht gibt es auch eine Beschleunigung des Übergangs zu nachhaltigen Modellen und zu einer Gesellschaft, die mehr im Einklang mit ihrer Umwelt steht. Jeder ist sensibel für den frischen Wind, den die Natur seit dieser Krise bekommt.

Frederic Mauchhat vor 14 Jahren das Unternehmen BioApply gegründet und ist seither dessen Geschäftsführer. Das Unternehmen aus Gland VD entwickelt und produziert Lösungen aus pflanzlichem, kompostierbarem Plastik für den Handel und für die Trennung von Abfällen.

Corona und Klima: Ungleiche Schulden

Manuel Flury
28.05.2020

Die Schuldenerbschaft durch die aktuelle Krise bereitet vielen grosse Sorgen, obwohl sie künftige Lebensgrundlagen sichert. Und was ist mit den Klimawandel-Schulden? Manuel Flury, Ex-Mitarbeiter der DEZA-Direktion, fragt sich, warum mit diesen fast sorglos umgegangen wird.


„Wir werden in dieser Session über Milliardenbeträge entscheiden. Das macht mir als junger Nationalrat doch sehr zu schaffen“, sagte der junge, besorgte Mann in einer Sendung des Schweizer Fernsehens zur Sondersession des Parlaments. Auch der Finanzminister macht sich Sorgen über den im Zuge der Corona-Krise angehäuften Schuldenberg. Schulden würden die kommende Generation mit Steuern belasten, so seine Botschaft. Würde sich auch Angelo, unser Enkel von sieben Monaten Sorgen machen? Oder wäre er froh, dass er dank dieser Ausgaben eine gesunde Lebensgrundlage vorfinden wird?

In der Tat, der Bund hat bisher gegen 75 Milliarden Schweizerfranken freigegeben, sowohl Bürgschaften für Überbrückungskredite, inklusive für die Luftfahrtindustrie, als auch direkte Hilfen für Kurzarbeit und Erwerbsersatz, für Sanitätsmaterial und Medikamente, für Kultur, Sport und Tourismus und auch etwas für die Kitas. Dies müsste Angelo besonders freuen, er geht seit wenigen Wochen in die Kita.

Es gibt selbstverständlich eine Kontroverse um die wirtschafts- und finanzpolitische Bedeutung dieser Schulden. Dabei geht es nicht nur um die Milliarden, mit denen die ersten Folgen des Lockdowns gemildert werden sollen. Die Folgekosten auf Seiten der Arbeitslosenversicherung und die Steuerausfälle wegen grosser Verluste bei Unternehmungen und Privaten dürfen nicht vergessen werden. Die Gesamtverschuldung von Gemeinden, Kantonen und Bund belief sich Ende 2019 auf 188 Milliarden, 27 Prozent des Volkseinkommens. Würden neben den direkten Ausgaben auch alle Bürgschaften in Anspruch genommen, stiege die Schuld auf 263 Milliarden oder 38 Prozent an. Damit würde die Schweiz weiterhin eine ausgezeichnet niedrige Schuldenquote im Vergleich mit praktisch allen europäischen Ländern aufweisen.

Es ist eindrücklich, wie sich viele Finanz- und WirtschaftspolitikerInnen um die Schuldenerbschaft Sorgen machen, welche die kommende Generation zu verkraften haben wird. Was würde Angelo dazu sagen? Vergessen diese PolitikerInnen dabei, dass diese Ausgaben Investitionen in den Erhalt der sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur der Schweiz darstellen und damit dem Wohlergehen der Bevölkerung dienen? Die Schulden unserer Grosseltern und Eltern von damals, nach dem Krieg und nach der Erdölkrise, haben unserer Generation ein sorgloses Leben ermöglicht. Wir haben diese Schulden von damals gerne mit unseren Steuern beglichen!

Ganz anders sieht es aus, wenn wir an das Klima denken. Wir, die jetzt lebende Generation, vererben unseren Nachkommen eine weiterhin steigende Belastung an CO2 und anderen klimaschädlichen Gasen wie Methan. Millionen leiden bereits heute unter den negativen Konsequenzen des Klimawandels.

Denken wir ebenfalls an den Nuklearmüll, den wir kommenden Generationen überlassen und den diese „hegen und pflegen“ müssen, ohne davon irgendeinen Nutzen zu haben. Wie viel seiner Steuern wird Angelo dereinst für die Lagerung dieses Mülls aufwenden müssen?

Nachhaltige Entwicklung schliesst die Bedürfnisse der kommenden Generationen auf ein Leben in Würde und Sicherheit ein. Die Corona-Schulden von heute sichern unseren Nachfahren die Lebensgrundlagen von morgen, selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Gelder nachhaltig, also auch klimaschonend, eingesetzt werden. Die Klima- und Umweltschulden sichern die künftigen Lebensgrundlagen nicht, im Gegenteil! Dies müsste dem jungen Parlamentarier Kummer bereiten! Angelo würde sich bei ihm bedanken.

Manuel Fluryist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Berufschulen – die neuen Elite-Schulen?

Karin Landolt
27.05.2020

In Corona-Zeiten zeigt sich der Flickenteppich in der Bildung nicht nur, wenn es um kantonale Unterschiede bei Maturitätsprüfungen geht. Auch beim Fernunterricht taten sich Welten auf, sagt Karin Landolt, Kommunikationsfachfrau und Mutter. Gerade Berufsschulen hätten Stärke bewiesen.


Während des Lockdowns hatten wir alle die Chance, überraschende Erkenntnisse zu gewinnen. Ich will Ihnen eine meiner Beobachtungen verraten, die mich erstaunte, und doch nicht so sehr überraschte.

Als Mutter zweier Töchter hatte ich die einmalige Gelegenheit, zwei schulische Institutionen im Krisenmodus zu vergleichen. Die Jüngere besucht die Kantonsschule, die Ältere absolviert eine Berufslehre mit Berufsmatur an einer Wirtschaftsschule. Beide Schulen mussten quasi über Nacht ihre digitalen Unterrichtsangebote hochfahren und bekamen gleichzeitig die Gelegenheit, Ehrgeiz und Kompetenz in Bezug auf ihren Bildungsauftrag an den Tag zu legen.

Die Wirtschaftsschule schaffte es, nahtlos an den Präsenzunterricht und pünktlich am Montagmorgen um 7.40 Uhr mit der ersten virtuellen Homeoffice-Lektion loszulegen, der Umfang des Schulstoffs stand den bisherigen Anforderungen in nichts nach. Hinzu kam das sofortige Einüben der Selbstorganisation, denn die zwei vollgepackten Schultage plus Hausaufgaben muss meine Tochter ja neben der regulären Arbeitszeit im Lehrbetrieb bewältigen.

Die gymnasiale Schulleitung liess sich Zeit und lieferte nach Tagen des schulischen Nichtstuns endlich erste Anweisungen. Meiner Gymi-Tochter wird seither in homöopathischen Dosen die Allgemeinbildung eingeträufelt, oft macht sie sich schon am Mittwoch Sorgen darüber, was sie bis Freitag noch tun könnte. Und sie ist notabene keine Wunder-Schülerin.

Nun möchte ich keiner Schule einen Vorwurf machen, ich stelle nur fest, dass die Berufsschule ihren Auftrag im unternehmerischen Sinne wahrnimmt. Antriebsfeder sind wohl auch die mitfinanzierenden Lehrbetriebe, denn Zeit ist Geld. Die Kantonsschule ist vom Staat und damit von Steuergeldern getragen, nennt sich Elite-Schmiede und leistet sich die Zeit, die sie braucht. Sie könnte allenfalls mit einer besseren Qualität argumentieren, dies wäre allerdings zu beweisen.

Das Beschriebene ist eine individuelle Beobachtung und soll nicht als Kritik an unserem Bildungssystem herhalten. Als Verfechterin der dualen Bildung liefert sie mir aber weitere Gründe, um mich für die bessere Anerkennung der Berufsbildung stark zu machen. Sie zeigt, was sie – selbst in der Krise – zu leisten fähig ist, und wie gut sie junge Menschen fürs Berufsleben vorbereitet.

Die Ansicht, nur Gymis seien Elite-Schmieden, ist veraltet.

Karin Landolt ist Co-Geschäftsleiterin bei Actares, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften, und Inhaberin von Gesprächskultur. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Winterthur. Sie hat eine Berufslehre als Kauffrau, später die kantonale Maturitätsschule für Erwachsene (KME) in Zürich absolviert. Im Zeitraum von 2014 bis 2018 hat sie als Kommunikationsverantwortliche die drei Internationalen Berufsbildungskongresse des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mitorganisiert.

Chancen für Lebens- und Krankenversicherer nach COVID-19

Peter Ohnemus
25.05.2020

Krisen sind Katalysatoren und Wertschöpfer, sagt der dacadoo-Gründer Peter Ohnemus. Gerade für Lebens- und Krankenversicherer sieht er Chancen, sofern diese Mut beweisen und die Richtung anzeigen mit innovativen, digitalen Produkten, welche Gesundheitsplattformen in ihr Angebot einbauen.


Die aktuelle COVID-19-Pandemie stellt unsere Gesellschaft und uns alle vor viele Herausforderungen. Während praktisch jeder Wirtschaftssektor von der Pandemie hart getroffen wurde, wächst parallel dazu die öffentliche Verschuldung, was ein gefährlicher Mix ist. Laut einer Studie von Willis Towers Watson könnten die Gesundheitskosten für Arbeitgeber in den USA aufgrund von Test- und Behandlungskosten im Zusammenhang mit COVID-19 um 7 Prozent steigen.

In den letzten 30 Jahren habe ich als Serienunternehmer viele Trends miterlebt und einige auch vorausgesehen. Trotz den evidenten Herausforderungen der COVID-19-Pandemie sehe ich klare Chancen für die Lebens- und Krankenversicherungsbranche.

Soziale Dynamiken verändern die Sichtweise von uns allen

Grosse Krisen waren schon immer gute Katalysatoren und Wertschöpfer. Ich sehe mehrere soziale Dynamiken, die sich auf die Lebens- und Krankenversicherungsbranche auswirken werden. Zum einen sehen wir eine verstärkte Bereitschaft zum Wissensaustausch, da mehr Menschen bereit sind, ihr Wissen in einem Open-Source-Stil zu teilen. Zum anderen beobachten wir die positiven Vorteile des wirtschaftlichen Stillstandes bezüglich unserer Umwelt. Die Financial Times hat veröffentlicht, dass in Europa derzeit 60 Prozent weniger Umweltverschmutzung zu verzeichnen sei. Diese Entwicklung wird die Konsumenten veranlassen, ihr Reise-, Konsum- und Umweltverhalten zu überdenken.

Die digitale Transformation beschleunigt sich

Die Pandemie-bedingten Anpassungen in unserer Arbeitswelt beschleunigen bereits existierende Trends für die Zukunft der Arbeit. Die Streaming-Wirtschaft, das heisst nicht nur Video-Streaming, sondern auch Dienstleistungen rund um Fernunterricht und Telemedizin, wird schneller wachsen als bisher. Accenture stellte in seinem jüngsten Papier fest, dass 76 Prozent der Führungskräfte zustimmen, dass Unternehmen neu darüber nachdenken müssten, wie sie Technologie und Menschen auf eine menschlichere Art und Weise zusammenbringen können. Ich beobachte regelmässig, dass Menschen, die positive Erfahrungen mit ärztlichen Videoberatungen gemacht haben, oder erfolgreich Nahrungs-Lieferdienste genutzt haben, ihr Verhalten automatisch anpassen.

Neue Plattform-Ökosysteme und Produkte des digitalen Lebensstils

Aus meiner Erfahrung ist Risikokapital ein sehr aussagekräftiger und guter Indikator für das, was sich in Zukunft im Markt durchsetzen wird. In den letzten Jahren wurden weltweit die grössten Investitionen in Ökosysteme für Gesundheitsplattformen getätigt. Im Jahr 2018 wurden über 86 Milliarden US-Dollar in KI und maschinelles Lernen und 53 Milliarden US-Dollar in die Telemedizin investiert. Dies eröffnet der gesamten Lebens- und Krankenversicherungsbranche einzigartige Chancen. Wie immer in solchen Situationen wird es Gewinner und Verlierer geben, und die Unternehmen, welche die Chance jetzt packen, werden diese Chancen wahrnehmen können. Wenn Sie sich jetzt nicht bewegen, kommen Sie zu spät zum Spiel.

Was sind dann logischerweise die grossen Trends bei digitalen Lifestyle-Produkten?

Es wird mehr Dienstleistungen für zu Hause geben, wie Fitness- oder Wellness-Videokurse. Wir sehen bereits jetzt eine Explosion von IoT- und Cloud-basierten Geräten, und das Konzept „Pay-as-you-live“ wird weltweit zu einem Standardbestandteil der privaten Lebensversicherung werden. Die Regierungen werden Programme zur Förderung der Gesundheit unterstützen müssen, da zum Beispiel die Fettleibigkeit in der Bevölkerung weltweit jedes Jahr stark zunimmt. KI-basierte digitale Gesundheitsplattformen werden für Versicherer zum Mainstream werden. Wir werden erleben, dass Telehealth und sprachbasierte KI-Lifestyle-Navigation zu einem natürlichen Bestandteil unseres Alltags werden. Die Verbraucher werden bereit sein, lebens- und gesundheitsbezogene Daten für einen echten Werteaustausch zu teilen, wie es zum Beispiel bei Plattformen geschieht, wo sie Punkte für einen gesunden Lebensstil erhalten. Nicht zuletzt müssen wir die Stückkosten durch Straight-Through-Processing, Echtzeit-Preisgestaltung und Mikroversicherungsdienste senken.

Digitaler Leadership, Aktionen und Belastbarkeit

Bekanntlich gehen Versicherungen nicht gern Risiken ein, welche sie nicht gut kalkulieren können. Die gegenwärtige Zeit erlaubt es aber nicht stillzustehen und es ist wichtig, Entscheidungen zu treffen und starkes Leadership zu zeigen, um voranzukommen. Diese Pandemie trifft die gesamte Gesellschaft, und die Schlüsselwörter für die Lebens- und Krankenversicherung werden lauten: digitales Leadership, klare Taten und Widerstandsfähigkeit, um das Vertrauen zu erhalten.

Peter Ohnemushat 2010 die dacadoo ag gegründet und ist seither deren CEO. Er ist zudem als Investor an mehreren Start-ups aus den Bereichen Hightech, Medizin und ICT beteiligt. Die dacadoo-Plattform motiviert mit spielerischem Ansatz zu einem gesunden Lebensstil und macht Gesundheit individuell messbar. Darauf basieren digitale Lösungen für Unternehmen im Gesundheitsbereich sowie für die betriebliche Gesundheitsförderung.

Die drei Wellen der 2020er-Krise

Christian Häuselmann
22.05.2020

Erkennen wir das historische Momentum dieser Corona-Zeit? Vielleicht noch nicht, sagt Entrepreneur Christian Häuselmann. Doch er rechnet mit einer mentalen dritten Welle, in der wir uns persönlich entscheiden müssen, für welche Werte und Visionen wir einstehen.


Diese Krise in den ersten Monaten des Jahres 2020 ist anders. Irgendetwas stimmt nicht. Als 68-er habe ich den Vorteil, bereits drei grosse Krisen bewusst miterlebt zu haben: die Börsenkrise 1987 mit dem Schwarzen Montag, der Dotcom- und Terrorkrise 2000/2001 und die Finanzkrise 2008/2009. Jede dieser hinter uns liegenden Krisen hatte ihre eigenen Auslöser, ihre eigene Logik in der dramatischen Entwicklung und in der anschliessenden Erholung.

Doch diese Krise ist anders. Alles Recherchieren hilft nichts – wir werden erst in den nächsten Monaten und Jahren diese Situation und die rasend schnellen Entwicklungen besser verstehen und einordnen können.

Nach heutigem Wissen gehe ich davon aus, dass diese Krise in drei Wellen ablaufen wird:

  • der gesundheitlichen Welle – da sind wir bereits voll drin,
  • der wirtschaftlichen Welle – diese startet gerade erst richtig,
  • der mentalen Welle – diese ist noch nicht genügend auf dem Radar.

Realistischerweise ist anzunehmen, dass sich die erste und zweite Welle wiederholen werden, vielleicht bereits im Herbst 2020. Das würde die dritte Welle umso stürmischer werden lassen.

Mit dieser dritten Welle – der mentalen Welle – meine ich nicht die Psychologie der Hamsterkäufe, des Aktienmarktes, der Hüttenkoller-Symptome durch das erzwungene Zuhausebleiben, oder der tragischen Suizide unter den hart geforderten Pflegepersonen. Und auch nicht die motivierenden und kreativen Beispiele der neuen Solidarität unter Menschen, die sich vorher fremd waren. Wir erleben hautnah das alte Erfolgsrezept der ländlichen Gegenden und Bergregionen mit ihren knorrigen Charakteren: Jetzt ist Zusammenhalten und Gemeinschaft gefragt.

Das alles beschäftigt mich zwar sehr. Aber nein. Ich frage mich, was in zwei bis drei oder gar in zehn Jahren sein wird. Wenn wir mehr Wissen und Transparenz haben werden in Bezug auf die wahren Fakten dieser Krise. Wenn wir erstmals richtig erkennen werden, wer die grossen Gewinner und Verlierer dieser Krise sind. Wenn wir wohl auf die harte Tour lernen werden, was Beat Kappeler in seiner NZZ-Kolumne vom 16. März 2020 zum Thema „Die perverse Welt der Negativzinsen“ präzis auf den Punkt bringt. Die weltweiten Notenbanken schwenken mit ihren Geld-Druck-Programmen und Negativzinsen die Abrissbirne. Sie sind dabei, drei Säulen der Zivilisation zu zertrümmern: Staatsbonität, Regelvertrauen und Geldwert. Diese Kappelersche Abrissbirnen-Formel können wir uns einprägen:

Negativzinsen + Gelddrucken = Zivilisation – (Staatsbonität + Regelvertrauen + Geldwert).

Die seit der Finanzkrise 2008/2009 gefestigte Form des heutigen Kapitalismus ist der perverse Höhepunkt des Maximierens der privaten Gewinne, und des Tragens der damit entstehenden Kosten durch die Allgemeinheit. Historisch interessierte Personen wissen, dass jede zu stark auseinanderdriftende Entwicklung mit meist kriegerischen Revolutionen von unten korrigiert und wieder neu ausbalanciert wird.

Mit der dritten Welle – der mentalen Welle – werden wir uns fragen: Was ist passiert, haben wir die Chancen erkannt, haben wir sie genutzt? Oder haben wir sie verpasst, an uns vorbeiziehen lassen? Haben wir die gelbe Karte an die Menschheit verstanden? Haben wir die bewährten, widerstandsfähigen, dezentralen Strukturen und regionalen Wertschöpfungsketten gestärkt? Haben wir lokale Kreisläufe wieder schliessen können? Haben wir langfristig orientierten Sinn in der täglichen Arbeit und unseren Leben entdeckt?

Es liegt an uns allen, sich solche Fragen zu stellen. Wir können diese wilden Monate nutzen, um uns für einen sehr persönlichen Weg zu entscheiden und entsprechend zu handeln. Für welche Visionen und Werte stehen wir ein, welche Zukunft wollen wir, wo und für wen setzen wir täglich unsere Energie und Kreativität ein. Mit dieser Krise haben wir wohl eine historisch einmalige Chance. Packen wir sie!

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

Bauplan für eine resiliente Gesellschaft

Barbara Wülser
20.05.2020

Die Corona-Krise hat unser Leben in Einzelteile zerlegt: Beziehungen, Arbeitsmodelle Freizeit- und Konsumverhalten liegen als lose Bausteine vor uns, so die These von Barbara Wülser, Co-Geschäftsführerin der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Jetzt hätten wir die Chance für einen neuen, zukunftstauglichen Bauplan.


Messungen bestätigen unsere Vermutung: Der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoss gehen dank der Massnahmen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 zurück. Es gibt weniger Lärm und weniger seismische Vibrationen, dafür Vogelgezwitscher und bessere Luft. Doch machen wir uns nichts vor: Das ist nicht die ökologische Wende! Wir durchleben gerade einen der wärmsten Monate seit Messbeginn und es steht ein dritter trockener Sommer in Folge vor der Tür. Damit unser post-coronales Leben und Wirtschaften gelingt, müssen wir im Zukunfts-Bauplan ökologische Aspekte ebenso stark gewichten wie ökonomische. Der Baukasten darf erweitert, schädliche Elemente müssen entfernt werden.

Es droht die Gefahr, dass Regierungen im Namen des Wiederaufbaus Milliarden in den Erhalt eines Systems buttern, das viele zu Verlierern und wenige zu Gewinnern macht – Milliarden, die für die Bekämpfung des Klimawandels versprochen wurden und dort fehlen werden. Was wir brauchen, ist eine gerechte Lastenverteilung zum Abfedern der negativen Effekte der Globalisierung, durch die diese Krisen mitverursacht wurden; die Coronakrise wie auch die Klimakrise. Die Schaffung einer globalen Governance für globale Probleme, sowohl im Gesundheits- als auch im Umweltbereich, kann nicht aufgeschoben werden.

Entscheidend ist, wie die zu erwartenden Konjunkturpakete ausgerichtet werden und welche Branchen mit welchen Kriterien gefördert werden. Das Ziel aller Massnahmen muss sein, eine resiliente Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aufzubauen, deren Produktion und Konsum sich an den tatsächlich verfügbaren Ressourcen orientiert.

In vielen Alpenregionen gibt es bereits taugliche Lösungsansätze dafür. Vergleichsweise kurze, regionale Wertschöpfungsketten stärken die lokale Kreislaufwirtschaft und damit die Unabhängigkeit von äusseren Einflüssen. Lokale Gemeinschaften fördern das Miteinander und die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. Freiräume und Mangel an Konsummöglichkeiten befruchten Eigenverantwortung und soziale Innovationen, sei es, indem Geräte repariert statt neu gekauft werden, sei es bei der Kinderbetreuung oder Altenpflege, sei es bei der Bewirtschaftung des letzten verbliebenen Gasthauses im Tal oder beim gemeinsam organisierten Einkauf von Lebensmitteln.

Auch technisch stehen vielerlei Innovationen parat. Sie bräuchten oft nur einen Startimpuls, wie Anschubfinanzierung oder Bedarf durch geänderte Rahmenbedingungen – wie jetzt. Es geht darum, gemeinsam positive Visionen zu entwickeln und deren Umsetzung vehement zu fordern. Dafür braucht es Vernetzung, Zusammenarbeit und Austausch von Wissen und Erfahrungen von lokal bis international. In der Corona-Krise tun sich die Nationalstaaten als Krisenmanager hervor. Diese Krise lässt sich mittels Abschottung, Medikamenten, Impfungen etc. irgendwann bewältigen. Doch der Klimawandel lässt sich nicht rückgängig machen. Der Bauplan für die Post-Corona-Zeit muss die Abwendung der Klimakrise enthalten.

Die Krise hat auch gezeigt, wie schnell wir uns anpassen können. Nutzen wir diese Lernerfahrung! Der Bauplan für die Post-Coronazeit muss die Abwendung der Klimakrise enthalten. Denn der Klimawandel lässt sich nicht rückgängig machen. Arbeiten im Homeoffice zur Eindämmung des Pendlerverkehrs, Konsum regionaler Produkte zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft, Erkunden der Alpenregionen vor der Haustüre reduzieren nicht nur den Ausstoss von Treibhausgasen, sondern bereichern auch unseren persönlichen Erfahrungsschatz.

Barbara Wülserist Co-Geschäftsführerin und Leiterin Kommunikation von CIPRA Internationalin Schaan, Liechtenstein. Als Journalistin setzte sich die Bündnerin bereits davor intensiv mit Umwelt-und Gesellschaftsfragen auseinander. Die Begleitung von Veränderungs- und Entscheidungsprozessen sowohl auf Mitarbeiter- wie auch auf politischer Ebene gehören in ihrer jetzigen Funktion zu ihren Kernaufgaben.

Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert im Newsletter alpMedia der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA.

Digitalität steckt im Kopf, nicht im Chip

Ueli Anken
19.05.2020

Die Tour de Suisse fiel 2020 Corona zum Opfer – stattdessen gab es mit dem ersten digitalen Profi-Radrennen „The Digital Swiss 5“ eine Weltpremiere. Ueli Anken, der Medienchef der Tour de Suisse, beschreibt, wie im zähen Ringen um die Saison Platz für digitale Innovation wurde.


Im April rollte das erste digitale Profi-Radrennen über die Bildschirme. Fünf Tage lang, jeden Tag 57 Fahrer aus 19 Teams, je rund eine Stunde Rennzeit. Im Hinterbau der Rennvelos statt des Rades die smarte Rolle mit ihrer IP-Adresse. Vor dem Fahrer ein Bildschirm, je nach persönlicher Organisation auf dem Balkontisch, einem Notenständer oder der Werkbank in der Garage. Das Schweizer Fernsehen SRF hat „The Digital Swiss 5“ übertragen, mit einem Fahrer live im Studio und 16 weiteren via Webcam zugeschaltet. Sportkanäle auf allen Kontinenten haben die Produktion verbreitet.

Ausgedacht und organisiert hatten das Ganze die Verantwortlichen der Tour de Suisse. Doch der Reihe nach. Am 3. April mussten sie der Welt mitteilen, dass die 84. Landesrundfahrt vom 6. bis 14. Juni nicht stattfinden wird. Der Entscheid fiel am Tag zuvor, nach wochenlangem Ringen und Rechnen. Reale Tränen, nichts mit digitalen Träumen. Deren Stoff war bereits im letzten Sommer zu einem Projekt geworden, bloss einem völlig anderen.

Zusammen mit einem Geek-Team um den Tschechen Petr Samek mit ihrer Plattform Rouvy haben Joko Vogel, Olivier Senn und Mario Klaus damals die kuriose Idee virtueller Tour-Teilstrecken für Hobby-Radler ausgeheckt. Um der Gümmeler-Community schon im Winter den Pässe-Kick in realem Ambiente zu ermöglichen, wurden einige der beliebtesten Schweiss- und Adrenalinquellen mittels Motorradkamera gefilmt: Oberalp, Nufenen, Schallenberg et cetera. Mitte Dezember dann die Medienmitteilung. Statt vor der kahlen Kellerwand fand Trainieren auf der Rolle ab sofort im Aufstieg zur Rheinquelle statt. Die Kuriosität schuf Weihnachten im Veloland.

Dass seit 10. Dezember Wei Guixian als mutmassliche „Patientin Null“ in der Corona-Quarantäne steckte, wusste damals ausserhalb der Stadt Wuhan kein Mensch. Die Sportwelt freute sich auf den Olympiasommer in Tokio und auf die Hockey-WM in der Schweiz. Am 27. Februar hat es den Radsport erwischt: Abbruch der UAE-Tour in Abu Dhabi. In einem Team fuhr das Corona-Virus mit. Am 15. März ging Paris-Nizza „à huis clos“ zu Ende. Seither folgte Absage auf Absage. Optimisten hoffen inzwischen auf eine Tour de France im September, Terminkonflikt mit der Strassen-WM in der Schweiz inklusive. Offen bleibt alles.

Zurück in die Köpfe der Tour-de-Suisse-Macher. Dort wühlten im Zug der erwachenden Krise die Fragen. Was, wenn es auch uns erwischt? Wie das finanzielle Desaster für die eben erst neu geschaffene Tour-Trägerschaft abwenden? Wo die langjährigen Tour-Partner sichtbar machen ohne Tour-Kolonne? In Nöten helfen Taten, und darauf konnte jetzt zurückgegriffen werden. Was die tschechischen Geeks von Rouvy für Hobbyfahrer bereitgestellt haben, wird sich wohl auch für die Profis nutzen lassen. Und mit Velon, der Plattform für Live-Daten und -Bilder aus den Radrennfeldern, pflegt man seit vielen Jahren einen intensiven Austausch.

Ein Team ums andere liess sich auf die Idee eines virtuellen Rennens mit echtem Schweiss und Schmerz auf verlinkten Rollen ein. Mit diesem Paket aus Bildern, Daten, Fahrern und einer innovativen Story für die Coronazeit waren auch die Medienpartner SRF und Blick bald an Bord. Am 26. März, zur Zeit der rundum abgesagten Flandern-Klassiker und mitten im Ringen um ein mögliches Aus für die Tour de Suisse, wurde die Weltpremiere angekündigt.

Der Rest ist nun Geschichte. Hier ein Rückblick. Und, aus der Flut von Komplimenten zu schliessen, wohl auch Teil einer neu zu gestaltenden Zukunft. Weit über Corona hinaus.

Was uns die Genesis von „The Digital Swiss 5“ lehrt? Wenn digitale Mittel im Raum der Möglichkeiten auftauchen, ist es zu spät, darüber nachzudenken. Digitalität beginnt dort, wo Menschen dem Vertrauten miss- und sich Kurioses zutrauen. Sie erfordert eine Kultur des Neu-, Quer- und Vorwärtsdenkens. Sie steckt im Kopf, nicht im Chip.

Ueli Anken, Jahrgang 1961, ist eidg. dipl. PR-Berater und arbeitete als Kommunikationsberater und -leiter in der Privatwirtschaft, in öffentlichen Institutionen, bei einem Hilfswerk und immer wieder im Sportwesen. Hauptberuflich ist er seit 2012 im Schweizer Bildungssystem tätig, heute als stellvertretender Direktor der Fachagentur educa.ch.Seit 2018 ist er zudem Medienchef der Tour de Suisse.

Nach Corona: eine neue Normalität?

Manuel Flury
18.05.2020

Angesichts der schrittweisen Öffnung macht sich Manuel Flury, ehemaliger Mitarbeiter der DEZA-Direktion, Gedanken zur Zeit nach Corona. Er hofft auf Systementwicklungen, die die Existenz von lokalen Betrieben sichern und fördern, indem diese stärker vernetzt werden.


Bereits im Vorfeld der ersten Lockerungen des Coronaregimes mehrten sich in der Öffentlichkeit die Überlegungen zu dem, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird. Viele sprechen von einer „neuen Normalität“; davon, dass sich das Leben nach den Krisenmonaten anders gestalten wird. Werden wir weiterhin mehr Zeit für Kinder, Familie und Nachbarn einsetzen, intensiver über die digitalen Medien kommunizieren, die nahen Wälder durchstreifen und bewusster konsumieren? Einige skizzieren eine weniger globalisierte Welt, eine Rückkehr zur lokalen Produktion mit weniger ökologisch fragwürdigem weltweitem Handel und ohne Flugreisen in ferne Länder. Andere wiederum sehen, im Gegenteil, einen gestärkten internationalen Austausch voraus, ein weiteres Zusammenwachsen der Länder und Gesellschaften, in der Überzeugung, dass nur dies die Lösung der gemeinsamen Probleme ermöglichen würde.

Etwas ist allen diesen Überlegungen gemeinsam: die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen darf nicht primär Gewinne für die börsengetriebene (Finanz-)Wirtschaft abwerfen, sondern muss für alle gesichert sein. Es geht nicht nur um lebenssichernde Medikamente und Hygienemasken. Was nützen globale Wertschöpfungsketten, wenn sie gleichzeitig regionale und lokale Kreisläufe zerstören? Amazon liefert uns fast jedes Buch in wenigen Tagen zu Tiefstpreisen von weit her frei Haus, oder via Kindle-App direkt aufs Handy. Derweil bleiben den lokalen Buchhandlungen kaum genügende Margen auf Büchern, die sie teuer zu beschaffen haben. Wir haben uns an Erdbeeren aus Marokko und Spargeln aus Peru oder Mexiko gewöhnt, die uns die Grossverteiler früh im Jahr servieren. Die Bauern und Bäuerinnen im Seeland haben das Nachsehen. Die lokalen Getreidemärkte in Westafrika werden von subventioniertem Reis und Weizen aus Ostasien, den USA und Europa gelähmt. In Dakar, der Hauptstadt von Senegal, werden alle Baguettes mit EU-Weizen gebacken. Die Tomaten auf dem Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana, stammen nicht mehr aus den umliegenden Gemüsegärten, sondern aus grossen südeuropäischen Betrieben, selbstverständlich ebenfalls subventioniert.

Wir wissen, dass eine globale Versorgung mit Grundnahrungsmitteln keine sichere ist. Es sind die über 500 Millionen Klein- und Familienbetriebe weltweit, welche fast drei Viertel der Ernährung sichern, lokal und regional produziert und vermarktet. Wir wissen aber auch, dass es, um diese Versorgung zu sichern, nationale oder gar globale Regeln und – subsidiär – Wertschöpfungsketten braucht, damit die Kleinbauern beispielsweise Zugang zu gutem Saatgut erhalten oder dass nachhaltig produzierte und qualitativ gute Nahrungsmittel im Handel bevorzugt werden können. Ebenso ist uns klar, dass weltumspannende Aufgaben wie die Verringerung des CO2-Ausstosses oder eben die Bewältigung einer Pandemie ein weltweit gemeinsames Vorgehen verlangen.

Subsidiarität ist das Zauberwort und Merkmal einer eingespielten politischen Organisation. Die Subsidiarität macht den Erfolg des Föderalismus in der Schweiz aus. Das was im Kleinen, in der Gemeinde nicht vorgekehrt werden kann, soll auf nächst höherer Ebene des Kantons, des Bundes oder allenfalls benachbarter Regionen der Nachbarstaaten geregelt werden. Subsidiarität bedeutet, dass sich beispielsweise Gemeinden zu Schul- oder Abfallbewirtschaftungsverbänden zusammenschliessen, dass Berufsbildungsinstitutionen interkantonal betrieben werden oder dass der öffentliche Verkehr überregional, über die Landesgrenzen hinaus, organisiert wird.

Es ist zu hoffen, dass in der „neuen Normalität“ die Politik den Staat so um-organisiert, dass die Versorgung aller Menschen mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen im Vordergrund stehen. Die Subsidiarität gibt das Organisationsprinzip vor. Die Schweiz verfügt über die nötige Erfahrung!

Manuel Fluryist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Naturinspirierte Resilienz – Chancen durch die Covid-Krise

Alain Schilli
14.05.2020

In der Corona-Zeit fordert der Unternehmer Alain Schilli zum Innehalten auf. Die Wirtschaft sowie unser Sozialleben stehen still, dabei scheint unser Wohlstand bedroht. Auf dem Weg zu einer resilienten Wirtschaft hilft laut Schilli die Wertschöpfung aus natürlichen Systemen.


Lieferkette, Wertschöpfungskette, Infektionskette, Kettenreaktion, Kettenriss – Stillstand. Dies ist die Entwicklung der globalen Wirtschaft der letzten Monate im Telegrammstil. Nutzen wir diesen Stillstand zum Innehalten.

Ein Virus, ein Ding zwischen Lebewesen und reiner Materie, wirkt wie ein Herkules. Aus den Kettenreaktionen der Regierungen ist zu schliessen, dass er machtgefüllt ist. Der Virus scheint unseren Fortschritt zu bedrohen und das komplexe, globale Verbindungsgeflecht mit all unseren wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften zu sprengen. Aber die Akteure sind wir, nicht der Virus. Viren sind Teil unseres Lebens, Teil der Lösung für evolutiven Fortschritt. Zugegeben, diese Virusform ist aggressiver als andere und für all die Menschen und Unternehmen, die mit den Notfallplänen wirtschaftlich und sozial taumeln, klingt das Innehalten vermessen.

Um das Chancenpotenzial im Innehalten zu sehen, müssen wir uns gedanklich von Einzelschicksalsschlägen loslösen. Wir müssen diese Krise so bewältigen, dass wir eine gestärkte Gesellschaft und Völkergemeinschaft erhalten und eine resiliente Wirtschaft als Grundlage für den Wohlstand für uns und jedes andere Individuum schaffen. Denn unser Wohlstand beruht auf der Wertschöpfung aus den natürlichen Systemen wie beispielsweise Biodiversität für medizinische Wirkstoffe und genetische Vielfalt, natürlicher Bodenproduktivität für unsere Nahrungsmittel, Wasserqualität oder einem stabilen Klima. Diese natürlichen Systeme sind über Millionen von Jahren entstanden und haben eine Vielfalt von Geschäftsmodellen hervorgebracht. Treiber waren und sind universelle, physikalische Gesetzmässigkeiten (Energie, Thermodynamik), Stoffkreisläufe (Wiederverwendbarkeit, Knappheit) oder Biodiversität (Mutationen, genetische Reserven). Resilienz bildete sich als erprobtes Merkmal aus diesem Realitätscheck heraus. Resilienz kommt vom Lateinischen resilire (zurückspringen, abprallen). Unternehmer und Politiker können sich vom diesen Merkmalen der Resilienz, abgeleitet aus den naturbasierten Geschäftsmodellen, inspirieren lassen.

Die disruptiven Massnahmen der Regierungen wegen Covid-19 sind Ursache fehlender Widerstandskraft unseres Wirtschafts- und konkret des Gesundheitssystems. Eine Business Continuity wird es nicht geben angesichts der global vernetzten Risikolandschaft (siehe WEF und Stockholm Resisilience Center). Kettenrisse gab es bereits vor Covid-19. Darauf haben Wissenschaftler seit Jahren hingewiesen, insbesondere auch im Kontext der Demographie und des Bevölkerungswachstums.

Innehalten heisst: Chance und Raum geben für die gesellschaftliche Auseinandersetzung und das kritische Hinterfragen als Unternehmer, Bürger und Politiker. Global Business Recovery wird viele Länder hoch einstellige BSP-Prozentpunkte kosten. Investitionen in die Zukunft – risikobasiert.

Es erfordert dabei, sich persönlich wie als Regierung unter anderem folgende Fragen zu stellen:

  • Waren die Massnahmen und die damit verbundenen Kosten gegenüber dem Nutzen gerechtfertigt?
  • Wie viel Sicherheit im Leben gibt es und wieviel wollen wir uns das kosten lassen?
  • Wie nutzen wir die gigantischen Finanzstützungsprogramme, um nicht nur Schuldenberge zu häufen, sondern auch Investitionen für eine zukunftsorientierte Transformation herbeizuführen – wie zum Beispiel Investitionen in die Dekarbonisierung, um bereits auflaufenden Kostenfolgen für Wassermangel, Verwüstung und weitere Krankheiten als Folge des Klimawandels zu verhindern und zu mildern?

Eine Welt ohne und immun gegen das Covid-Virus schafft alleine keine Resilienz.

Alain Schilli, MSc MB, wirkt als Unternehmer, Mentor von Start Ups und Unternehmensentwickler im Bereich erneuerbare Energie und Kreislaufwirtschaft. Er hat 2010 die Initiative SHIFT Zurich– Naturbasierte Innovation und Finanzierung –mitgegründet. Er ist Inhaber von Magnefico GmbHund Senior Berater bei Swisspower AG.

Wie viel kostet Ihr Vertrauen?

Gregory Arzumanian
13.05.2020

Vertrauen gehört zu uns seit unserer Geburt. Wir verlieren es jedoch, wenn Vertrauen zur Ware wird, sagt Unternehmer Gregory Arzumanian. Dabei sei es mithilfe der Blockchain-Technologie möglich, Daten selbst zu prüfen und unabhängige Entscheidungen zu treffen.


Vielleicht halten Sie dies für eine rhetorische Frage oder Sie sind so naiv und glauben, dass Ihr Vertrauen nicht käuflich ist. Ich würde gerne daran glauben, aber: Wir leben in einer Welt, in der unser Vertrauen eine Ware ist. Was ist der Preis, wer setzt ihn fest und wie?

Der Preis hängt von der Nachfrage ab. Mit anderen Worten, wie sehr die Käufer Ihres Vertrauens an Ihnen interessiert sind? Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen modischen Duft, Bio-Produkte oder eine Stimme für einen Politiker handelt.

Die Vertrauenskäufer wenden sich an zahlreiche Beratungsagenturen, die auf der Grundlage von Forschungen in Neuromarketing, Verhaltenspsychologie, Sozialanalyse und vielen anderen Faktoren die Kosten ermitteln; und dann zeigen sie mit Hilfe von SEO-Optimierung, sogenannten Influencern und Werbung Websites, Bilder und manchmal auch endgültige Ideen auf – damit Sie glauben, dass dies genau das ist, was Sie gesucht haben.

Aber ich bin sicher, dass dies im Allgemeinen nicht das ist, wonach wir alle gesucht haben. Indem wir Vertrauen zu einer Ware gemacht haben, haben wir das Wichtigste verloren – Vertrauen. Die aktuelle Krise zeigt das deutlich. Und es ist bereits offensichtlich, dass nicht nur Vertrauen, sondern auch all die schönen Appelle und Slogans über Gleichheit, Brüderlichkeit und Mitgefühl, die es in allen möglichen Medien gibt, eine Ware sind, die uns jemand verkaufen will. Warum denke ich das? Weil ich kein Vertrauen in sie habe!

Fragen Sie, was zu tun ist? Die Antwort ist einfach: Es ist höchste Zeit, zu den wahren Werten zurückzukehren.

Ich möchte nicht, dass mein Vertrauen gekauft, sondern vielmehr verdient wird. Genauso wenig möchte ich Freunde, Kunden oder Partner kaufen.

Etwas, das einen Preis hat, kann immer zu einem höheren Preis gekauft werden. Was durch ehrliche Arbeit verdient wird, gehört von Rechts wegen Ihnen. Und das kann nicht weggenommen werden.

Stimmt, das klingt ein bisschen idealistisch. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die modernen digitalen Technologien es uns ermöglichen, ein System mit einem echten Vertrauenswert zu schaffen. Wir haben dazu beigetragen und die FCE-Plattform ins Leben gerufen. Dies ist ein globales Ökosystem, das auf den Prinzipien der digitalen Transparenz auf der Grundlage von Blockchain und IoT aufgebaut ist. Teilnehmer sind alle Firmen, Unternehmen und soziale Einrichtungen, die die Prinzipien der Transparenz, des Vertrauens und der Zusammenarbeit teilen.

Sie sind herzlich eingeladen, sich uns anzuschliessen: https://iot.fcegroup.ch/

Gregory Arzumanianist Gründer und CEO der auf Blockchain-Anwendungen spezialisierten FCE Group AG mit Sitz in Root LU. Er ist Vater von drei Kindern. Seine Themen sind innovative Technologien, nachhaltige Entwicklung und der Blick über konventionelles Wissen hinweg.

Dieser Beitrag wurde auf Englisch verfasst und auf Deutsch übersetzt.

Medizin gegen das grosse Geraune

Michael Lünstroth
12.05.2020

Verschwörungstheorien und Falschmeldungen haben in der Krise Hochkonjuktur. Um dem Geraune beizukommen, rät Michael Lünstroth zu Faktenchecks. Als Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch ist er der Meinung, die Gesellschaft könne einiges vom Journalismus lernen.


Neulich erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht von einem guten Freund. Darin verlinkte er ein YouTube-Video und schrieb dazu: „Hier mal ein interessanter Ansatz zu Corona“. Das Video entpuppte sich als gefährliche Mischung aus Halbwissen, scheinbar richtigen Fragen und kruden Theorien einer Weltverschwörung, die am Ende darauf hinauslief, dass Bill Gates hinter der Verbreitung des Virus stecken könnte. Ich war entsetzt. Bislang war niemand in meinem Freundeskreis für derlei toxischen Verschwörungsmist anfällig. Die Corona-Krise scheint auch das zu ändern.

Dabei gibt es relativ einfache Methoden, um berechtigte Fragen zur Corona-Politik von fiesen Verschwörungstheorien zu unterscheiden.

1. Checken Sie die Website!

Grundsätzlich gilt: Je reisserischer eine Quelle ist, desto vorsichtiger sollte man sein. Es gibt ein paar technische Hilfsmittel, mit denen man die Seriosität einer Internetseite besser einschätzen kann. Zu prüfen, ob die Seite ein Impressum hat, ist ein erster Schritt. Das ist Pflicht in fast allen Ländern. Fehlt dies, ist erste Vorsicht geboten. Es gibt auch Seiten wie www.nic.ch/ (Schweiz) oder www.denic.de/ (Deutschland), mit denen man unkompliziert die Betreiber einer Seite herausfinden kann. Damit lässt sich dann weiter über die Hintergründe des Betreibers recherchieren.

2. Benutzen andere diese Quellen?

Um sich vor Fakes zu schützen, sollte man das 2-Quellen-Prinzip verwenden. Das heisst, einer Information erst dann zu vertrauen, wenn sie von mindestens zwei unterschiedlichen Quellen verwendet wird. Das heisst dann noch immer nicht, dass es zwingend wahr sein muss, aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt. Zur Einschätzung der Quelle kann es auch helfen sie mit einer Suchmaschine zu durchleuchten. So bekommt man relativ schnell heraus, in welchen Kontexten diese Quelle bislang benutzt wird.

3. Wahres und Falsches in den Sozialen Medien

Vor allem in den Sozialen Medien spriessen die wildesten Verschwörungstheorien wie Pilze im September. Hier die Übersicht zu behalten, ist fast unmöglich. Es gibt allerdings ein paar Werkzeuge, die helfen können, den Interessen einer Quelle auf die Spur zu kommen.

So hat zum Beispiel die Indiana University einen so genannten Botometer entwickelt: Mit Hilfe dieses Tools kann man analysieren, wie aktiv ein Account ist und wie wahrscheinlich es ist, dass es ein Social Bot ist, der Falschinformationen verbreitet.

Twitter-Accounts kann man auch mit zwei weiteren Werkzeugen prüfen: followerwonk.com und accountanalysis.app. Hier erkennt man relativ schnell, welche Accounts miteinander interagieren. Die Filterbubbles und Ausrichtungen von Accounts lassen sich so besser einschätzen.

Immerhin nehmen die Plattformbetreiber das Thema sehr ernst. „Sie scheinen auch deutlich bereiter zu sein, aktiv einzugreifen, als sie es im Fall politischer Des- oder Falschinformation in Wahlkämpfen typischerweise sind“, sagt der Konstanzer Medienforscher Andreas Jungherr. Trotzdem sollte man sich nicht nur auf Quellen aus den Sozialen Medien verlassen. Das sollte man übrigens auch in normalen Zeiten nie, in Krisenzeiten aber erst recht nicht. Jungherr von Universität Konstanz sagt: „Man ist inzwischen besser bedient, sich auf die Berichterstattung etablierter Medien zu verlassen.“

4. Skepsis first: Zum Umgang mit Fotos und Videos

Bilder und Videos spielen im Umgang mit Fakes rund um die Corona-Pandemie auch eine Rolle. Da ist es hilfreich, ein paar grundlegende Techniken zum Seriositäts-Check von Quellen zu beherrschen. Wesentliche Fragen, die man sich hier immer stellen sollte, sind: Skepsis first: Kann das sein? Sehe ich das Originalfoto? Wer hat das Foto aufgenommen? Wo wurde das Foto aufgenommen? Wann wurde das Foto aufgenommen? Warum wurde das Foto aufgenommen?

Davon ausgehend, kann man weiter recherchieren und die Glaubwürdigkeit von Quellen prüfen. Hilfreich sind dabei vor allem zwei Tools:

Erstens: Die umgekehrte Bildersuche in Suchmaschinen wie Google oder Yandex. Sie beantwortet die Frage, ob das Bild schon früher und in anderen Kontexten verwendet wurde. Zweitens: Für die Browser Chrome und Firefox gibt es ein Zusatzprogramm, ein so genanntes PlugIn, mit dem man seinen Browser aufrüsten kann. Er heisst „RevEye Reverse Image Search“ und schickt ein zu überprüfendes Bild mit einem Klick an mehrere Suchmaschinen. Bei Videos empfiehlt sich das EU-Projekt „We verify“ oder der YouTube Data Viewer von Amnesty International.

5. Nutzen Sie seriöse Quellen!

Eine detaillierte Prüfung von Nachrichten kann aufwändig werden. Je professioneller die Fakes sind, umso schwieriger gelingt die Entlarvung. Wem das zu viel Arbeit ist, bleibt nur ein Rat: Vertraut nur seriösen Quellen. Viele Experten wie Christian Drosten, Virologe der Charité Berlin, haben inzwischen eigene Podcasts und Twitter-Accounts, über die sie informieren. Daneben haben aber auch zahlreiche Medien eigene gute Angebote. Die Republik zum Beispiel erstellt von Montag bis Freitag einen täglichen und sehr informativen Covid19-Newsletter. Auch die Wochenzeitung und andere Schweizer Medien betreiben engagierte Berichterstattung rund um das Coronavirus.

Regelmässige Faktenchecks zur aktuellen Nachrichtenlage liefern auch diese Seiten: Snopes (für Meldungen aus den USA und international), Mimikama aus Österreich für europäische Nachrichten (gerade aktuell zu Fakes rund um das Coronavirus) und das gemeinnützige Journalistenbüro Correctiv.

Übrigens: Das Video, das mir mein Freund weiter geleitet hatte, entstammte aus identitären bis rechtsextremen Kreisen. Aus dieser Richtung gibt es gerade zahlreiche Versuche, unsere Gesellschaft zu destabilisieren und Misstrauen zu säen. Die Rechten versuchen, die sich oft täglich ändernde Nachrichtenlage als Wankelmütigkeit und Unfähigkeit der Politik zu framen und zu verkaufen. Dabei sind diese Meinungsumschwünge oft nur neuen Erkenntnissen der Wissenschaft geschuldet. Das ist Fortschritt, nicht Inkompetenz.

Nochmal: Es ist richtig, Dinge in Frage zu stellen. Auch jetzt. Vielleicht gerade jetzt. Aber wie genau gefährliche Verschwörungstheorien jetzt weiterhelfen, hat noch keiner so richtig beantwortet.

Bitte: Keine Reichweite für Volldeppen!

Überlegen Sie gut, was Sie in den Sozialen Medien teilen und weiterverbreiten. Checken Sie die Quellen! Und wenn Sie das nicht können oder wollen: Teilen Sie nur Inhalte von seriösen Quellen. Wir sind alle verantwortlich für die Gesellschaft, in der wir leben. Und dafür, welche Nachrichten Aufmerksamkeit bekommen und welche nicht.

Deshalb lassen Sie uns doch auf folgende Formel einigen: Keine Reichweite für verschwörungstheoretischen Unfug, keine Reichweite für Volldeppen! Damit sollten wir zumindest nachrichtentechnisch gut durch diese Krise kommen.

Michael Lünstroth (42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den passenden Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen.

Kultur ist nicht zweckfrei

Gabriela Chicherio
11.05.2020

Kulturförderung ist aktive Standortförderung, so die These von Gabriela Chicherio. Dabei fordert die Co-Kuratorin der Design Biennale Zürich, Design in die Kulturförderung miteinzubeziehen – einzig am Inhalt liesse sich Kunst von Kommerz unterscheiden.


Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig Kultur ist. Gemäss Definition ist Kunst, was in kreativer, zweckfreier Gestaltungskraft entsteht. Damit bin ich nicht einverstanden: Nur schlechte, unbedeutende Kunst ist zweckfrei. Gute Kunst ist verbindend, berührend und inspirierend – und das gilt für alle Sparten.

Die Lücke ist gross, wenn die gewohnten Angebote fehlen, aber es beeindruckt auch der Improvisationsgeist: das Wohnzimmerkonzert über Youtube, der Zusammenschluss in einer digitalen Plattform von lokalen Modelabels oder die aktuellen Kinofilme per Stream.

Wir brauchen Kultur. „Künste bringen neue Sicht- und Denkweisen ins Spiel und eröffnen uns ungewohnte Perspektiven auf unseren Alltag“, heisst es im Leitbild der Kulturförderung des Kanton Zürich.

Kultur ist nicht nur als Nahrung für Geist und Seele wichtig, sondern auch wichtiger Faktor für die Standortattraktivität. Ergo ist Kulturförderung zwangsläufig auch Standortförderung. Nun ist es in Stadt und Kanton Zürich so, dass Design von der Kulturförderung kategorisch ausgeschlossen wird.

Design ist also nicht Kultur. Wieso? Weil diese Sparten „finanziell etabliert“ seien. Und weil es schon immer so war.

Aber gerade jetzt zeigt sich, wie fragil diese „finanzielle Etablierung“ von Designschaffenden ist. Bei den Corona-Hilfspaketen wurde glücklicherweise die harte Realität aller Kreativschaffenden erkannt. Nicht nur KünstlerInnen kommen in normalen Zeiten kaum über die Runden, sondern auch DesignerInnen. Die Ausnahme bestätigt wie immer die Regel: Auch in herkömmlichen, geförderten Kultursparten lässt sich Geld verdienen.

Ich plädiere nicht dafür, die Produktentwicklung einer Bohrmaschine zu fördern, genau so wie niemand auf die Idee käme, dies bei einen Werbefilm oder Fachartikel zu tun. Mein Anliegen ist, dass Design endlich als Kultursparte anerkannt wird!

Nicht das Medium macht den Unterschied zwischen Kunst und Kommerz, sondern der Inhalt – egal welches Spartenetikett am Projekt klebt.

Gabriela Chicherio ist Produktdesignerin mit den Schwerpunkten Konzepte, Ausstellungen, Möbel und Accessoires. Sie entwickelt Produkte für nationale und internationale Hersteller, arbeitet als Freelancerin und ist Mitgründerin sowie Co-Kuratorin der Design Biennale Zürich. Sie handelt nach der Überzeugung: „Design funktioniert immer als Vermittler: zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Kultur und Wirtschaft, zwischen Mensch und Produkt, zwischen Form und Funktion.“

Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten – „too important to fail“

Manuel Flury
08.05.2020

Die Bereitstellung gewisser Medikamente sollte laut Manuel Flury Teil der Versorgungssicherheit werden – als Lehre aus der Corona-Krise. Der ehemalige Mitarbeiter der DEZA-Direktion will somit den Staat stärker in die Verantwortung nehmen.


Wir sind uns bewusst, ein grosser Teil der Grundstoffe, welche die Pharmaindustrie benötigt, werden nicht (mehr) in der Schweiz, sondern in China hergestellt. Dies betrifft beispielsweise die Antibiotikaproduktion. Auch Indien, der weltweit grösste Produzent von Generikamedikamenten und wichtiger Lieferant für die Schweiz, ist auf derartige Grundstoffe angewiesen. Die Pharmaindustrie der Schweiz ist offenbar aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage oder nicht interessiert, weiterhin in die Antibiotikaforschung zu investieren. Die Versorgungssicherheit der Schweiz mit Medikamenten ist im Zuge der Corona-Krise Thema im Parlament geworden. Hat der Staat geschlafen?

Gesicherte öffentliche Dienstleistungen sind für den Wohlstand der Schweiz „matchentscheidend“. Der öffentliche Verkehr wird bis in die hintersten Bergtäler mit öffentlichen Mitteln garantiert. Um die Grundversorgung mit Internet zu gewährleisten, verlangt der Bund von den Providern, die vom Bund eine Konzession erhalten wollen, eine minimale Datenübertragungsrate. Neun Pflichtschuljahre werden von der öffentlichen Hand finanziert, Privatschulen haben sich an die öffentlichen Lehrpläne zu halten.

Warum leistet es sich unser Land, die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten „aus der Hand“ zu geben? Müsste der Bund nicht Konzessionen für die Herstellung „systemrelevanter“ Produkte wie Antibiotika oder Schmerzmittel vergeben? Warum ist es den Pharmaunternehmungen erlaubt, Medikamente zur Therapie von Krebserkrankungen beispielsweise ausschliesslich gewinnorientiert auf den Markt – und in die Kassen – zu bringen? Warum ist die öffentliche Hand nicht in der Lage, ordnend und gestaltend in diese Märkte einzugreifen, wenn die Unternehmungen offenbar nicht in der Lage sind, die öffentliche Gesundheit mehr zu gewichten, als Dividenden auszuschütten?

Mit „too big to fail“ rettet der Bund grosse Firmen und Banken. „Too important to fail“ müsste man auch bei der Herstellung von lebenssichernden Medikamenten sagen. Konzessionierte kleine und mittlere Pharmaunternehmen sichern die Versorgung von lebenswichtigen Medikamenten respektive Grundstoffen als Eckpfeiler einer schweizerischen Kreislaufwirtschaft – so die Vision.

Es ist Zeit, vielleicht angeregt von der aktuellen Corona-Krise, die Frage zu klären, was die Märkte und die Privatwirtschaft zur Versorgungssicherheit der Bevölkerung in der Lage sind zu tun oder eben nicht. Die Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und dem Staat zur Versorgung von Basisversorgung in verschiedensten Bereichen muss neu geregelt werden. Der Staat – und das sind wir alle – ist gefordert.

Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz

Slow Fashion, aber schnell!

Sandra Elmer
07.05.2020

Die Modeindustrie braucht laut der Ökonomin Sandra Elmer mehr Nachhaltigkeit. Die Masse sei immer noch Instantmode, hergestellt unter katastrophalen Bedingungen. Sie fordert Infrastrukturen, die einen Trend hin zu regionaler Kleiderproduktion ermöglichen.


Manchmal begleite ich meine 14-jährige Tochter und wir gehen gemeinsamen auf einen Streifzug durch die Billigketten der Modeindustrie. Sie sind nicht nur bei Teenagern beliebt, weil sich hier trendige Kleider zu unglaublich tiefen Preisen erstehen lassen. Frauen wie ich – bereits über der Lebensmitte – und nicht wenige Männer zieht es ebenfalls ruhelos von Kleiderstange zu Kleiderstange. Es liegt eine Art Erregung in der Luft. Für weniger als zweihundert Franken kann man sich völlig neu eindecken, sich einen neuen Anstrich verleihen. Die Kollektionen wechseln laufend, der Ladenbesuch lohnt sich immer wieder, auch nach kurzer Zeit. Jedes Mal aufs Neue erlebt man den kurzen Augenblick der Befriedung, wenn man an der Kasse steht. Ein Gefühl, das meist nicht lange anhält, auf Wiederholung drängt. Kein Wunder lehnt sich der Begriff Fast Fashion an jenen von Fast Food an.

Dabei wissen wir es längst. Das Geschäftsmodell der Modeindustrie lebt von der Verschwendung und Ausbeutung. Es ist darauf ausgerichtet, das Bedürfnis nach immer neuen Kleidern anzuheizen. Etwa die Hälfte der gekauften Kleider wird nicht oder kaum getragen. Unsere Instantmode wird unter katastrophalen Bedingungen zumeist in Schwellenländern hergestellt.

In der Ernährung gibt es seit längerem einen Trend in Richtung gesund, nachhaltig, regional. Die Bewegung hat sich von der „Öko-Nische“ emanzipiert und gehört zu einem modernen, urbanen Lebensstil. Bei der Mode ist dieser Schritt noch nicht vollzogen. Dabei wäre es an der Zeit. Es gibt kaum trendige Kleidung oder Marken, die im Büro getragen werden können, jedoch regional oder unter fairen Bedingungen produziert wurden.

Angesichts der Ernährungstrends muss es eine grössere Kundschaft geben, die einen Gegentrend setzt, bewusster Mode einkaufen möchte, auch zu höheren Preisen. Weg von der Instantbefriedung beim Kauf, hin zu einem anhaltend guten Gefühl, ein langlebiges, die Persönlichkeit unterstreichendes Kleidungsstück gewählt zu haben. Was wir jetzt brauchen, ist eine Rückbesinnung auf eine regionale Kleiderproduktion, die verschiedene modische Richtungen abdeckt und grösstmögliche Transparenz bei den Herstellungsbedingungen zulässt. Es braucht Vorbilder, vom Instagram-Influencer bis zum Hollywood-Star und eine zentrale Plattform, auf der diese Marken beworben und verkauft werden können, dazu griffige Labels und Transparenzvorschriften, die den Konsumentinnen nachhaltige Kaufentscheide ermöglichen.

Sandra Elmerist Geografin und Ökonomin, Kadermitarbeiterin bei einem Grosskonzern und Mutter zweier Teenager. Sie beschäftigt sich mit Fragen zu Gleichstellung und nachhaltiger Wertschöpfung. Der Erhalt einer offenen Gesellschaft ist ihr ein besonderes Anliegen.

Noch mehr geht nicht mehr

Gabriel Rosenthal
06.05.2020

Die Wirtschaft sollte an die Gesetze der Natur angepasst werden – andersherum führe es in eine Katastrophe, so der freischaffende Produzent Gabriel Rosenthal. Als Vertreter der Generation Z kritisiert er, dass wider besseres Wissen am Prinzip des Wirtschaftswachstums festgehalten wird.


Ich erinnere mich immer noch, wie ich als kleines Kind im Zoo Zürich wie angewurzelt vor einer roten LED-Anzeige stehen blieb. „Anzahl verbliebene Löwen auf dem Planeten“, stand daneben geschrieben. Die stets herunterzählende Zahl hat mich schockiert und bis heute geprägt, doch die Erwachsenen um mich herum schien sie nicht zu beeindrucken. Seither sind viele Jahre vergangen und die LED-Anzeige hat die ganze Zeit rückwärts gezählt. Währenddessen bin ich erwachsen geworden und musste viele weitere Warnsignale aus der Natur wahrnehmen.

Es ist uns schon lange bewusst, dass wir in eine Sackgasse rennen. Es ist uns bewusst, dass die Ressourcen unseres Planeten beschränkt sind und wir damit aufhören sollten, wilde Lebensräume zu zerstören. Doch wieso spricht man in der Wirtschaft noch immer vom Wirtschaftswachstum als Heiliger Gral, den alle anstreben sollten?

Ein konstantes Wirtschaftswachstum verlangt eine exponenzielle Steigerung des Wirtschaftsvolumens, welches eine grössere Ausbeutung von Ressourcen erfordert und wilde Lebensräume verdrängt. Das Wirtschaftswachstum ist die Sackgasse! Noch mehr geht nicht mehr.

Stattdessen sollten wir unsere Wirtschaft überholen und sie an die Gesetze der Natur anpassen. Statt in exponenziellem Wachstum sollten wir in Kreisläufen und Zyklen denken. Mir ist bewusst, dass dies grosse Anstrengungen, Umstrukturierungen und Verzicht bedeuten wird. Doch langfristig gedacht stehen uns sowieso nur zwei Möglichkeiten offen: Entweder wir lernen zu verzichten, oder wir fahren die Menschheit mit exponenziell wachsendem Tempo an die Wand.

Gabriel Rosenthal, 23 Jahre alt, ist in Winterthur freischaffender Produzent von audiovisuellen Inhalten. Seine Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) hat er im Sommer 2019 abgeschlossen. Unter anderem hat er sich zur Aufgabe gemacht, im Austausch mit unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Kulturen die Welt aus anderen Perspektiven kennenzulernen.

Jetzt wandelt sich auch die Baubranche

Emmanuel Gilgen
05.05.2020

Endlich sei auch digitales Umdenken in der Baubranche angesagt, so die Meinung von Emmanuel Gilgen. Der Gründer der Initiative building360 beleuchtet, welche Transformation durch die Corona-Krise in der Branche angestossen wird.


Die Baubranche blieb verschont, während die Musik-Branche, der Detailhandel oder die Taxi-Industrie in den vergangenen Jahren einen starken Wandel erlebten. Die Globalisierung, die Digitalisierung und nicht zuletzt auch Krisen wie das Platzen der „Dotcom-Blase“ 2000 oder die Finanzkrise ab 2007 haben Geschäftsmodelle infrage gestellt, oder sie wurden durch neue abgelöst.

Zwar wurden in der Bau- und Planungsbranche digitale Methoden eingeführt und auch BIM – Building Information Modeling – ist immer präsenter. Objektiv betrachtet, hat sich am bekannten Geschäftsmodell allerdings kaum etwas verändert. Die stark hierarchischen und fragmentierten, tayloristischen Strukturen blieben bestehen.

Diese Strukturen gehen auf Frederick Taylor (1856-1915) zurück. Seine Idee war die konsequente Trennung des Denkens, was den Managern vorbehalten war, vom Handeln der Arbeiterschaft. Die Bau- und Planungsbranche hat ähnliche Strukturen und die Trennung zwischen Planern und Unternehmern ist weiterhin Realität.

Die Covid-19-Krise hat Millionen von ArbeitnehmerInnen ins Homeoffice verbannt. Diesmal war und ist auch die Bau- und Planungsbranche direkt betroffen. Die Branche war gezwungen, digital umzudenken. Hierarchische Kontrollen über physische Präsenz waren nur teilweise möglich. Durch Videokonferenzen veränderte sich auch die Zusammenarbeit: Das gegenseitige Vertrauen steigt und wir begegnen uns vermehrt auf Augenhöhe.

Ist Corona der Auslöser für einen Branchenwandel? Wie verändern sich Lebens- und Arbeitsformen und welchen Einfluss hat das auf die Bau- und Planungsbranche? Welche Erfahrungen machen andere oder welche Lehren ziehen sie für ihre Zukunft?

Solche Fragen werden im neu lancierten Bau-Branchen-Netzwerk building360.net aufgegriffen und diskutiert. Das Netzwerk mit seinen Mitgliedern nutzt zum Austausch ein digitales Whiteboard und einen WhatsApp-Kanal. Kurze Videos von Opinion Leadern greifen Themen auf und Ideen werden zukunftsgerichtet weiterentwickelt.

Werden Sie Teil dieser Bau-Branchen-Community, die gestärkt und zuversichtlich aus der Krise hervorgehen will.

Emmanuel Gilgen, Jahrgang 1988, ist Co-Gründer der digitalen Community-Plattform building360.net, die sich mit Entwicklungschancen der Bau- und Planungsbranche beschäftigt. Der ursprüngliche Hochbauzeichner besitzt Abschlüsse als Techniker HF und einen Master of Advanced Studies in Baumanagement. Viele Jahre arbeitete er als Projektleiter im Bereich Architektur und Baumanagement und beschäftigte sich als Prozess-, Qualitäts- und Wissensmanager zuletzt stark mit Aspekten der Organisationsentwicklung und Kulturtransformation.

Meine Daten zu meinen Bedingungen

Christian Häuselmann
05.05.2020

Die Digitalisierung nimmt in der Corona-Krise eine Entwicklung, die die Grundpfeiler der Demokratie untergräbt – so die These von Entrepreneur Christian Häuselmann. Dabei fordert er dringlich eine neue Debatte und innovative Lösungen zum Datenschutz.


Die selbstkritische Analyse ist: Wir sind naiv im Umgang mit Daten. Sehr naiv. Einfach bemerkenswert naiv.

Die aktuelle Viren-Krise startete nach plausiblen Erkenntnissen von Fachleuten im Dezember 2019 auf dem Tiermarkt in Wuhan, China. Die weltweite Sars-Krise von 2002/03 ist zwar bereits in Vergessenheit geraten. Aber sie hatte ihren Anfang auf dem Tiermarkt in Guangdong, China, und forderte nach WHO-Angaben innert sechs Monaten 774 Todesopfer.

Abgesehen von der gesundheitlichen Tragödie lohnt sich die Analyse aus einem ganz anderen Blickwinkel: China ist in Sachen Digitalisierung ein innovativer Diktatur-Pionier. Der Staat nutzt die Digitalisierung nach heutigem Wissensstand zur praktisch totalen, im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlosen Kontrolle jedes einzelnen Individuums. Dieses politische Konzept steht in harter Konkurrenz zu den bisher bestehenden Gesellschaftsmodellen, die sich in den westlichen Kulturen in Europa und Amerika in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben.

Jetzt treibt diese zweite weltweite Viren-Krise die Digitalisierung in atemberaubendem Tempo voran – in jedem Land dieser Welt. Digitale Klassenzimmer? Funktioniert. Online-Konferenzen mit wenigen bis Dutzenden von Mitarbeitenden statt teuren und emissionsreichen Reisen? Funktioniert. Totale Überwachung jedes einzelnen Menschen bis unter die Unterhose? Funktioniert. Digitales Geld ohne jeglichen Bezug zu physischen Werten? Funktioniert besser als erwartet. Bargeldlose Geldtransfers mit eindrücklicher Wirkung in Entwicklungsländern? Funktioniert!

Wer hätte noch im Jahr 2010 – das ist nur 10 Jahre her – auf eine solche Entwicklung gewettet?

Hier ist der Hammer Nummer eins zu dieser Erfolgsgeschichte. Die digitale Durchtränkung des privaten und beruflichen Alltags produziert gewaltige, unvorstellbare Daten-Massen. Je persönlicher die Daten, desto wertvoller sind sie für die Verarbeiter im Hintergrund. Finanziell profitieren diejenigen, welche diese Daten am besten analysieren und an interessierte Dritte weiterverkaufen können. Diese Asymmetrie wurde von einer Handvoll Monopol-Firmen aus den USA und China innert wenigen Jahren erfolgreich konstruiert und weltweit zementiert. Sie hat sich in unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen tief eingenistet.

Der zweite Hammer folgt sogleich: Digitalisierung, wie sie heute verstanden und gelebt wird, untergräbt die Grundpfeiler der Demokratie. Es ist ein perfider Angriff, mit tausenden meist unsichtbaren Pfeilen. Kleine gesetzliche und ethik-orientierte Schritte in Richtung weniger Intransparenz und mehr Gerechtigkeit werden zwar unternommen. Aber die Schritte sind zu klein. Quartalsweise nehmen wir staunend zur Kenntnis, welche absurden Summen die weltweiten Digitalisierungsplayer als Reingewinn ausweisen. Diese Zahlen sind der einfachste Beweis und Barometer dieser Asymmetrie. Kern der Digitalisierung ist das Jagen und Sammeln, die Analyse und die Nutzung von Daten. Die fairen, menschengerechten Spielregeln dazu hinken der industrie-getriebenen digitalen Entwicklung milliardenschwer hinterher.

Die heutige Architektur der weltweiten Digitalisierung ist vereinfacht nach der folgenden Regel aufgebaut. Du bist Besitzer eines schönen Hauses – das sind Deine Daten. Aber Dritte – das sind Alphabet/Google, Amazon, Facebook, Tencent, etc. – schreiben Dir vor, was sie mit Deinem Haus machen dürfen und machen werden. Plötzlich wäre also der Balkon abgerissen, das Haus schwarz bepinselt, der Wasserhahn abmontiert, oder die Fenster zugemauert. Wer würde eine solche Regel in einer normalen Welt akzeptieren?

Die Viren-Krise 2020 bringt uns jetzt mit einem Riesensprung innert wenigen Wochen an den Punkt, wo diese Regeln mit Hochdruck, glaubwürdig und ernsthaft diskutiert und neu definiert werden müssen. Das ist zutiefst im Interesse der Digitalisierungsindustrie selbst. Und es wird das entscheidende Thema zur Erhaltung und Stärkung einer gesunden, lebhaften Demokratie und freien Gesellschaft.

Seit den 1950er-Jahren haben sich viele Firmen und Organisationen bereichert über die kostenlose Ausbeutung der Natur. Diese wehrt sich, klar sichtbar und mit exponentieller Wirkung in allen Ländern dieser Welt. Die heutigen Digitalisierungsgewinner bereichern sich seit gut 20 Jahren über die kostenlose Ausbeutung der Daten von einzelnen Individuen. Wann und wie werden sich die Menschen wehren?

Eine Antwort liefert die Firma Prifina in San Francisco, gegründet von einem erfolgreichen finnischen Serial-Entrepreneur-Team. Ihr Motto ist: „My data, my terms“. Kurz und klar, so wie die Finnen sind. Diese Gesellschaftspioniere sind weltweit ganz vorne dabei bei der Wiederherstellung einer gerechten Beziehung zwischen Datenbesitz und -nutzung. Die Schweiz und Finnland haben ähnliche Visionen und Werte. Es lohnt sich gerade auch in diesem Thema, voneinander zu lernen.

Wer dies auch so sieht und wem dieses Thema wichtig ist, soll sich bitte melden. Danke!

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

Nutzen wir das Momentum der Corona-Krise

Martin Klöti
04.05.2020

Im Corona-Lockdown finde sich die Weltgemeinschaft einmalig synchronisiert, schreibt der Unternehmer und Ökonom Martin Klöti. Jetzt sei Gelegenheit für eine gerechtere Zukunft etwa durch einen globalen Schuldenerlass. Den gedanklichen Weg dorthin geht er mit einer Erzählung.


Die Tagesschau von SRF zeigt es schier täglich: Nicht nur Italien und nicht nur die Gärtnereien schlittern mit Covid-19 in ein wirtschaftliches Desaster. Die Dimensionen der weltweiten Hilfsprogramme im Zuge von Corona sind historisch, ihre Folgen wiederum komplex, beängstigend, unabsehbar.

Zugleich stellen sie eine grosse Hoffnung und die einmalige Chance auf einen Systemwechsel in Wirtschaft und Gesellschaft darf. Fähndrich hat in den vergangenen Jahrzehnten der Globalisierung keinen Deal ausgelassen und findet sich nun auf der zweitvordersten Bank im Münster. Der Corona-Schock sitzt auch bei ihm tief und im eindringlichen Selbstgespräch lässt er sein Tun und Lassen Revue passieren, dem er sich und alle anderen ein Leben lang unterworfen hat.

„Fähndrich – Und vergib uns“ schildert, wie wir es nicht verpassen sollten, das gegenwärtige Momentum der Corona-Krise für den Übergang in eine grundsätzlich neu aufgestellte, gerechte und nachhaltige Menschheit zu nutzen – im Lockdown einmalig synchronisiert als Weltgemeinschaft. Es ist der Aufruf an die hohe Politik, mit einem globalen Schuldenerlass die Welt aus den selbst gemachten, gewaltigen und verheerenden Verstrickungen zu befreien. Und damit endlich Platz zu machen für die alternativen Lebensentwürfe, die in den Köpfen der Menschen und in zahlreichen, geerdeten Unternehmenskonzepten längst bereit liegen. Wie schnell sich die Natur ihren Platz zurück holt, wenn sich die Menschheit erst mal im Zaun hält, und wie solidarisch die Gesellschaft wird, wenn sie die Wirtschaft nur nicht davon, haben die vergangenen Wochen weltweit eindrücklich gezeigt.

Mit gedanklichen Ausflügen über die systemischen Verfehlungen im Zuge von Geld und Zeit, übers kollektive Bewussstsein, über konsequent wahrgenommene Verantwortung und über die Kraft der zivilen Courage schafft die Geschichte eine stabile Legitimation für bahnbrechende Regierungserklärungen.

Fähndrich gibt es zum Hören und zum Lesen auch auf www.en-gage.ch.

Martin Klöti, geb. 1959, ist heute Unternehmer für Kreislaufwirtschaft und solidarisches Wirtschaften. Er gründete dafür die Genossenschaft Glärnisch Textil, die aus Hanf nachwachsende Rohstoffe für regional erzeugte Textilien, Baustoffe und weiteres Alttägliches bereitstellt. Der Ermutigung zu solchen und weiteren resilienten Modellen dient seine zweite Initiative ENGAGE Community Empowerment.

Zurück zur Normalität? Bitte nicht!

Karin Landolt
04.05.2020

In Krisensituationen wünschen wir uns zurück in die Komfortzone. Karin Landolt von Actares kritisiert, dass wir jedoch den Preis dafür nicht zahlen wollen. Sie fordert gerade von Grossunternehmen, jetzt nachhaltig umzudenken. Wohlstand sei auch mit Mass möglich.


„In was für einem System leben wir, wenn der Schutz der Gesundheit zur Krise führt, aber die Ausbeutung von endlichen Ressourcen, die Umweltverschmutzung und die Sklavenarbeit in Billiglohnländern zu einem funktionierenden System gehören?“ Diesen Satz habe ich kürzlich gelesen, und er hat mich sehr bewegt.

Wir wünschen uns die Normalität zurück, dass unser System wieder funktioniert. Doch haben wir alle auch gemerkt, dass die angebliche Normalität alles andere als normal ist. Sie ist bequeme Gewohnheit. Für unseren Wohlstand beuten wir aus. Und doch fällt es schwer, diesen Wohlstand aufzugeben. Wir wollen zurück in die Komfortzone, den Preis dafür zahlen wollen wir nicht.

Wir merken gleichzeitig, dass gerade die aussergewöhnliche Lage Unmögliches möglich macht. Der allgemeine Wohlstand lässt sich auch mit Mass fortsetzen. Biologisch angebautes Gemüse und weniger Fleisch konsumieren, den Verkehr mit Homeoffice drosseln, mehr auf die Gesundheit achten, weniger Flugreisen, denn die Natur in der Umgebung bietet uns mehr Genuss und Erholung, als wir dachten. Die Tourismusbranche leidet, ja. Dafür kann das lokale Gewerbe profitieren. Die Wirtschaft bricht mittelfristig nicht zusammen, sie verändert sich nur, und gibt neuen Geschäftsideen eine Chance. Althergebrachte Branchen müssen sich neu erfinden, warum denn nicht? Der Lockdown gibt uns – den einschränkenden Massnahmen zum Trotz – die Möglichkeit, die Welt und die Wirtschaft anders zu betrachten.

Wenn ein solcher Ruck auch durch die Grossen der Wirtschaft geht, wird die Idee einer vielversprechenden Welt greifbar nah: Ressourcen werden sparsamer eingesetzt, erneuerbare Energie löst die dreckig-fossile ab, die Bevölkerung in Drittweltländern wird einbezogen statt ausgebeutet, systemrelevante Jobs werden honoriert statt schamlose Boni-Summen ausbezahlt. UBS, Nestlé, LafargeHolcim & Co.: Nichts gegen Geld verdienen. Aber nutzt die Gunst der Stunde und tragt bei zu einer blühenden Zukunft und zum sozialen Frieden. Tragt dazu bei, dass wir in eine Wirtschaftsnormalität finden, die auch den Namen „Normalität“ verdient. Der grösste Hebel liegt in Eurer Hand.

Karin Landoltist Co-Geschäftsleiterin bei Actares, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften, und Inhaberin von Gesprächskultur. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Winterthur.

Prototyp Schweiz - ein Plädoyer für mehr Experimente

Oliver Müller
30.04.2020

Erfindergeist erwacht in der Krise, so die These von Oliver Müller, Co-Gründer des Pionierkollektivs Common Ground. Deshalb ruft er dazu auf, jetzt im Kollektiv und individuell noch mehr Experimente zu wagen. Er will einen #PrototypSchweiz für neue Lösungen.


Kommt jetzt Bewegung in die Diskussion um den Umgang mit und nach Corona? Nach Schock, Verneinung, Einsicht und Akzeptanz kommt in der Veränderungskurve das Ausprobieren. Sind wir bereit zum Ausprobieren, wenn wir an einen echten Wandel denken? Es gibt wahrscheinlich mehrere Kurven gleichzeitig. Und dazu noch meine individuelle, die hin und her hüpft und sich der Linearität verweigert. Die Frage, die sich mir brennend stellt: Will ich sofort und so schnell als möglich zurück zur alten Normalität? Sollten wir das als Gesellschaft überhaupt wollen?

Wir erfinden gerade so viel neu, wie in Jahrzehnten nicht. In Hinblick auf die monumentalen Herausforderungen wie Ernährung, Klima, Energie und gerechte Verteilung, die wir auch vor der Pandemie als Gesellschaft und als Menschheit zu lösen hatten, wäre es eventuell klug, die jetzige Krise als Chance für noch mehr Experimente zu nutzen. Wenn wir es jetzt nicht hinkriegen, einen #PrototypSchweiz für neue Lösungen zu entwickeln und zu testen, wann dann?

Der Corona-Stillstand stellt für mich eine Chance dar, mich selber und meine Meinungen aus dieser veränderten Perspektive zu betrachten. Ich arbeite an meinem „Bewusst-sein“, dass jeder Mensch immer mit einem Mindset und Glaubenssätzen unterwegs ist. Ich spüre in mich hinein und reflektiere – und ertappe mich regelmässig, wie oft ich in ähnlichen Mustern denke. Für mich ist heute eine Zeit, wo ich meine Urteile über die Welt pausieren lasse und dem Neuen eine Chance gebe.

Deshalb hier mein Plädoyer: Ich fordere eine schweizweite Strategie des kollektiven und individuellen Ausprobierens. Eines meiner aktuellen persönlichen Experimente: Wie fühlt sich für mich vegane Ernährung an? Bei Common Ground öffnen wir zudem Räume, um über die eigenen Muster nachzudenken. Als nächstes: „Self and Family“ am 2. Mai von 9 bis 11.15 Uhr mit der ganzen Familie.

Über weitere Meinungen, Perspektiven und Austausch freue ich mich auf LinkedIn.

Oliver Müllerist Co-Gründer von Common Ground, einem „Pionierkollektiv mit Tiefgang“.

Vereinbarkeit leben – in Zeiten von Corona und darüber hinaus

Sarah Steiner
29.04.2020

Jetzt wird die Mammutleistung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch denjenigen klar, die sie bis dato ignoriert haben. Das sagt Sarah Steiner, Mitgründerin des Coworking-Space mit Kinderbetreuung Tadah. Sie fordert eine Flucht nach vorn und gesellschaftliche Innovation


Was vielen von uns in der Corona-Krise bewusst wird, ist mir schon lange klar. Homeoffice mit Kleinkindern ist unmöglich zu bewerkstelligen. Denn wir werden, wenn wir arbeiten und gleichzeitig unsere Kinder betreuen sollen, niemandem gerecht: der Arbeit nicht, dem Nachwuchs nicht und unseren Ansprüchen an uns selbst sowieso nicht.

Und wisst Ihr was? Das ist ok. Ja, wirklich. Wir sind Menschen, keine Roboter. Und unsere Kinder sind kleine Menschen, keine kleinen Roboter. Was passieren muss? Es müssen Lösungen geschaffen werden. Damit Familie und Beruf kombinierbar sind, damit wir uns nicht entscheiden müssen zwischen Kind oder Karriere.

Uns von Tadah, ist das klar – war es schon vor der Krise. Deswegen haben wir im Oktober 2019 einen Coworking Space mit Kinderbetreuung gegründet. Ein Ort also, an dem Eltern konzentriert arbeiten können und ihre Kinder professionell betreut wissen. Dies an flexiblen Tagen und zu flexiblen Zeiten – damit Vereinbarkeit endlich lebbar wird. Ein Powerhaus für Eltern.

Wieso unser Start-up in Zeiten von Corona den wirklichen Unterschied ausmachen kann? Weil neben dem Fakt, dass Vereinbarkeit in der Schweiz sonst schon schwer zu bewerkstelligen ist, der Fakt dazu kommt, dass diejenigen Menschen ausfallen, die einen elementaren Anteil der Kinderbetreuung ausmachen: die Grosseltern.

Über 40 Prozent von ihnen betreuen ihre Enkelkinder mindestens einmal pro Woche. Viele übernehmen zusätzliche Hütedienste während den Schulferien. Im Jahr 2016 wurde diese in der Schweiz erbrachte Betreuungsleistung hochgerechnet: 160 Millionen Stunden pro Jahr.

160 Millionen Stunden, die können auch wir nicht abfedern. Aber wir können unseren Teil beitragen. Wie sagt man doch so schön: Die Innovation ist der Motor der Wirtschaft. Sie muss nicht zwingend immer nur von bio-, med- und fin-tech aus kommen, sondern kann durchaus mal eine gesellschaftliche Komponente beinhalten. Wir geben Gas! Weil in Zeiten der Krise oft nur die Flucht nach vorne hilft – uns allen.

Sarah Steiner ist Co-Gründerin und CEO von Tadah. Die gelernte Journalistin hat gemeinsam mit drei anderen Müttern im Oktober 2019 in Zürich Albisrieden den ersten Coworking-Space mit Kinderbetreuung der Schweiz eröffnet.

Krise als Chance zur Verbesserung der Lieferketten nutzen

Sibyl Anwander
28.04.2020

Die Corona-Krise zeigt, welche Risiken bei Lieferketten bislang unterschätzt wurden. Jetzt sei die Zeit für eine Optimierung, sagt Sibyl Anwander, ehemalige Chefökonomin des Bundesamts für Umwelt BAFU. Dabei müssten gerade Umweltrisiken stärker berücksichtigt werden.


Im Rahmen der aktuellen Krise ausgelöst durch Covid-19 werden viele Unternehmen ihre Lieferketten neu analysieren, auf Schwachstellen prüfen und überlegen, wie mehr Resilienz eingebaut werden kann.

Die aktuelle Krise zeigt, dass wir alle global vernetzt und auf Beschaffungs- wie auch auf Absatzseite voneinander abhängig sind. Eine kurzfristige Stornierung von Bestellungen, mit denen grosse Textilketten negative Schlagzeilen machten, setzt da sicher ganz falsche Zeichen. Viel lobenswerter sind die aktuellen Empfehlungen der weltweit grössten Business-Initiative im Bereich der verantwortlichen Lieferketten, amfori, welcher auch viele Schweizer Unternehmen angehören.

Jetzt ist aber auch der richtige Zeitpunkt, um weitere wichtige Aspekte im Sinne der Nachhaltigkeit in eine umfassende Lieferkettenanalyse aufzunehmen, orientiert an den OECD Richtlinien zur Due Diligence.

Denn die Themen Klimawandel, Verlust an Biodiversität, Wasserknappheit oder Menschenrechte sind ja nicht einfach vom Tisch. Zumindest im Risikobarometer des WEF war zwar die Gefahr einer weltweiten Epidemie auch aufgeführt, aber die Wahrscheinlichkeit und die potentiellen Auswirkungen der umweltbedingten Risiken wurden als sehr viel grösser eingeschätzt.

Umso wichtiger ist es, die bestehenden Lieferketten und Business-Modelle unter diesen Aspekten ganzheitlich auf die unterschiedlichen Risiken zu überprüfen. Dabei soll der Ansatz der doppelten Materialität zum Zuge kommen – wo ist unser Unternehmen besonders von den externen Risiken betroffen, aber auch wo trägt unser Unternehmen mit seinen Aktivitäten selber dazu bei, diese Risiken zu verstärken?

So sollte auch die sicher berechtigte finanzielle Unterstützung des Bundes an die Wirtschaft zur Überbrückung der krisenbedingten Engpässe mit einer gesetzlich verankerten Verpflichtung zu einer umfassenden Sorgfaltspflicht verbunden werden. Fach- und Branchenverbänden könnten jetzt Schulungs- und Beratungsangebote schaffen, wie eine solche strategische Lieferkettenanalyse risikobasiert vorgenommen und in überzeugende Massnahmenpläne übergeführt werden können. Viele dieser Massnahmen werden sich in der längerfristigen Betrachtung als Chance erweisen und den Wirtschaftsstandort Schweiz noch wettbewerbsfähiger machen.

Dr. Sibyl Anwanderberät Firmen und Organisationen mit Schwerpunkt Lieferketten und Beschaffung, Ökologie und nachhaltige Finanzen. Sie war als Chefökonomin beim Bundesamt für Umwelt BAFU und davor als Leiterin Wirtschaftspolitik und Nachhaltigkeit bei Coop tätig. Im Rahmen dieser Tätigkeit nahm sie auch Mandate in diversen Business-Initiativen mit Schwerpunkt Lieferketten wahr.

Ich werde sie vermissen...

Lars Willi
27.04.2020

Der Unternehmer Lars Willi drückt aus, was gerade viele denken: Sie wollen gar nicht mehr ohne Veränderungen zurück in die Lebensumstände vor Corona. Lars Willi nimmt sich eine bewusstere Lebensweise vor und mahnt, globale Probleme weiter in Solidarität anzugehen.


Ich persönlich bin mir sicher, dass der Zeitpunkt kommen wird, wo ich mir ein bisschen Corona-Zeit wünschen werde. Ich meine das nicht zynisch; ich bin mir sehr bewusst, wie viele Leute, kleine und kleinste Unternehmen im Moment unter der Situation leiden.

Nein, diesen Teil der Krise wünsche ich mir sicher nicht zurück. Aber den Teil der erzwungenen Pause werde ich irgendwann vermissen. Viele Leute geniessen es, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Vielleicht wieder einmal mit den Kindern ein mehrstündiges Monopoly zu machen, lange verstaubte Lego-Stationen neu aufzubauen oder aber im Garten endlich die Projekte umzusetzen, die man dem Partner oder der Partnerin schon lange versprochen hat. Ganz viele Menschen bewegen sich auf einmal täglich in der Region und geniessen das Wetter und die schöne Natur. Die regionalen Läden erfreuen sich starker Beliebtheit und viele Menschen merken, dass man auch mit weniger gefüllten Agenden doch einiges erledigen kann. Man vermisst die Liebsten und merkt gleichzeitig, wie sehr man sich an kleine Dinge wie eine Umarmung oder einen Kaffee mit Freunden gewöhnt hat.

Nun, ich bin kein Corona-Romantiker und glaube nicht an das „New Normal“, welches das Virus in unserer Gesellschaft eingeläutet haben soll. Genau so wie nach einer Katastrophe werden sich die Menschen wohl schnell wieder im alten Muster finden – ausser, wir versuchen ganz bewusst, uns kleine Corona-Inseln zu schaffen. Ich persönlich werde versuchen, ein paar positive Erfahrungen in die Zeit nach Corona zu retten:

  • Bewegung in der freien Natur beibehalten
  • Einkauf von lokalen und nachhaltigen Produkten
  • Die Agenda, wenn möglich, nicht schon auf Monate hinaus zu füllen
  • Möglichkeit des Homeoffice und/oder Coworkings vermehrt nutzen
  • Mehr Spielzeit mit den Kindern verbringen
  • Dem Sohn regelmässiger, das „Schönschreiben“ kontrollieren ;-)
  • Kleine Treffen und grössere Events mit Freunden und Familie mehr wertschätzen

Vor allem aber sollten wir versuchen, aus den Erfahrungen der Corona-Situation zu lernen. Es ist auffällig, dass viele entwickelte Länder und Nationen scheinbar in grössere Schwierigkeiten geraten als ärmere Regionen dieser Welt. Nebst unterschiedlichen Testverfahren, hat dies höchstwahrscheinlich damit zu tun, dass die Menschen in diesen Ländern tagtäglich mit viel grösseren Herausforderungen zu kämpfen haben. Unsere Erfahrungen in der Corona-Zeit geben vielleicht einen Vorgeschmack darauf, wie die Situation bei den über 4 Milliarden Menschen sein muss, die täglich um die Existenz kämpfen. Vielleicht sollten wir daran denken, wenn das nächste Mal über die Flüchtlinge debattiert wird oder Budgets für Entwicklungshilfe verhandelt werden.

Für mich eine ganz wichtige Lektion ist die Solidarität, welche ich schon vergessen glaubte. Fast die ganze Welt einigte sich darauf, gegen den unsichtbaren Feind zu kämpfen. Keine Kosten wurden gescheut, um die richtigen Massnahmen zum Schutz der Gesundheit durchzusetzen. Diese Einigkeit, diese Gemeinsamkeit und diese Fokussiertheit müssen wir bewahren, um auch andere grossen Herausforderungen anzugehen. Die sozialen Ungleichheiten, das Abfallproblem, die Biodiversität, das Bevölkerungswachstum und die klimatischen Veränderungen sind globale Probleme die unsere Zukunft ebenso bedrohen, die wir ebenfalls nur gemeinsam bewältigen können.

Die vielzitierte bewusstere Lebensweise kann einen ersten Schritt in diese Richtung bedeuten – allerdings nur, wenn auch jeder Einzelne sich tatsächlich darum bemüht. Veränderung ist anstrengend!

In diesem Sinne: Packen wir’s an und machen das Beste daraus!

Lars Willi ist Gründer der St.Galler Firma WECONNEX. Die Firma entwickelt nachhaltige Geschäftsmodelle für Kleinbauern/Fischer in strukturschwachen Regionen. Die Erfahrung aus eigenen Projekten gibt WECONNEX als Dienstleistung an Kunden weiter, welche ihre Wertschöpfungsketten nachhaltiger und effizienter gestalten wollen.

Wei Ji im Corona-Frühling: Eine Chance für die Schule

Ueli Anken
24.04.2020

Die gegenwärtige Krise bedeutet Abbruch von Altem und gleichzeitig Aufbruch in Neues. Zunächst bringt das Verunsicherung, aber langfristig könnte ein positiver Schub die Folge sein. Das erwartet der Vize-Direktor der Fachagentur educa, Ueli Anken, der auf Lernprozesse in der Bildung setzt.


Frühling 1993, Romanel-sur-Morges. Logitech hat den zehnten Geburtstag knapp hinter, die gesamte PC-Branche von Apple bis Zenith um und Weltpremieren in sich. Die erste Digitalkamera, das erste Audio-Peripheriegerät, die erste 3-D-Maus, die Vision von „Senseware“: Es rauscht. Zeitsprung, ein Quartal später. Manche der Innovationen waren ihrer Zeit um Jahre voraus, fanden viel Echo und keinen Markt. Hinzu kommt ein Preiskrieg der Giganten. Logitech stürzt in die Krise, gibt Standorte auf, entlässt innert Monaten rund tausend Mitarbeitende. Mitgründer und CEO Daniel Borel pendelt zwischen Silicon Valley, China und Romanel-sur-Morges. Im Gepäck zwei Botschaften: „Wei Ji“, das chinesische Schriftbild für Krise, und für: „Das einzig Beständige ist der Wandel“.

Wei Ji: Die Erkenntnis, dass Abbruch und Aufbruch sich in einer Krise mit kolossaler Verunsicherung gegenseitig bedingen, hat damals die Kräfte im Unternehmen gebündelt. Wir in den Teams haben gelernt, wie hilfreich es ist, voneinander zu lernen. Und im Umgang mit der Öffentlichkeit reifte die Erfahrung, dass Vertrauen der Stakeholder direkt mit Transparenz und authentisch gelebtem Engagement korreliert.

Ein Vierteljahrhundert später. Peripheriegeräte für alle Sinne halten Logitech nach mehreren Wei-Ji-Phasen auf sattem Wachstumskurs. Auf der Homepage die erwartete Zeile: „Unsere Lieferzeiten werden sich voraussichtlich verlängern. Dafür bitten wir um Entschuldigung.“

Hinter der Zeile steckt die Corona-Krise. Wei-Ji in voller Wucht für Familien, Firmen, ganze Nationen. Und für Schulen. Seit dem 16. März prägt Fernunterricht den Alltag sämtlicher Menschen im organisierten Lern- und Lehrmodus. Die Krise schont niemanden von Kindergärten über Hochschulrektorate bis zu den Bildungsdirektionen. Vertrautes bricht weg, Neues an, Gewissheit weicht Zweifeln. Digitalisierungs-Enthusiasten merken, dass die coolste Lern-App nicht soziale Nähe, Empathie und haptische Erlebnisse draussen in der Natur ersetzt. Techno-Skeptiker entdecken den Nutzen digitaler Methoden fürs intrinsisch motivierte Lernen. In diesen Lernprozessen, hüben wie drüben, steckt die Chance, dass der Corona-Frühling mehr bringt als kolossale Verunsicherung: Aufbruch zu Lern- und Lehrmethoden, die ihrer Zeit bisher voraus waren.

Weiterführende Links:

Blick zurück in die Krise (1): Preisschlacht einer ganzen Industrie

Blick zurück in die Krise (2): Jahrzehnte zu früh am Markt

Blick nach vorn aus der Krise: Zwei Schulleiter im Gespräch

Ueli Anken, Jahrgang 1961, ist eidg. dipl. PR-Berater und arbeitete als Kommunikationsberater und -leiter in der Privatwirtschaft, in öffentlichen Institutionen, bei einem Hilfswerk und immer wieder im Sportwesen. Hauptberuflich ist er seit 2012 im Schweizer Bildungssystem tätig, heute als stellvertretender Direktor der Fachagentur educa.ch.

Handeln ohne Kontext

Rudolf Hilti
23.04.2020

Covid19 wird längst überfällige strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft nach sich ziehen. Wie kann das gelingen? Mit Offenheit für den Wandel, sagt der Gründer der Denkfabrik THE HUS, Rudolf Hilti. Auch Erfahrungen müssten teils ausgeblendet werden.


Wir sind gewohnt, uns auf ein Thema zu fokussieren und Unwichtiges auszublenden, damit wir uns nicht verzetteln. Im Gegensatz zu früher sind mit künstlicher Intelligenz ausgewertete Datenpools um ein Vielfaches genauer, als diese der Mensch in Eigenregie selbst modulieren könnte. Viele stützen sich auf zeitraubend erarbeitete Kennzahlen und nützen ihre Expertise, diese Zahlen zu verstehen und zu deuten. Vorangehen in eingeengten Korridoren ist oft das Resultat. Zahlengebilde werden uns heute vorgegeben und deren Auswertung mitgeliefert. Entscheidend ist es, deren Kontext zu verstehen – zu wissen, wie diese entstehen.

Was wäre, wenn wir uns erlauben, ohne bekannten Kontext zu handeln, zumindest zwischendurch?

Die fokusorientierte und lineare Wirtschaft, wie wir sie kennen, verändert sich mehr und mehr in ein datengetriebenes zusammenhängendes Ökosystem. Durch intelligentes Auslesen und systemisches Analysieren von Daten bekommen wir Klarheit über zugrundeliegende Zusammenhänge. Die gesellschaftliche und naturbezogene Veränderung, wie wir sie erleben, braucht ein neues Verständnis. Dies setzt ein kategorisches Neudenken voraus. Neudenken braucht Mut: den Mut, vieles zu vergessen, was wir zu wissen scheinen. Zu viel Erfahrung kann uns dabei hemmen, da wir Erfahrung mit einem anderen Kontext gemacht haben und genau diese Erfahrung mündet in der heutigen Zeit vielfach in Trägheit gegen Wandel. Wer möchte sich schon von weniger erfahrenen Menschen aufklären lassen?

Aber: Es tut not, weg vom Gewohnten zu kommen.

Gleiches gilt für das Abzahlen von Krediten, wenn Kredite wenig kosten. Günstige Zinsen lassen uns Geschäfte weiterziehen, da Kredite kaum ausfallen, wenn ihre Zinsen wenig kosten. Man vertraut auf die Zukunft und stützt sich auf einfache Finanzkennzahlen, vergisst aber erneut vielfach den Kontext. Erst Krisen bewegen uns dazu, aus der Trägheit – dem Gewohnten – zu entfliehen. Covid19 wird neben dem Krankheitsverlauf der Menschen längst überfällige strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft mit sich bringen. Wir haben rasch ansteigende Zahlen bei dieser Epidemie. Ähnliches haben wir bei der Keeling-Kurve, die die Zunahme der Treibhausgase misst. Da wie dort ist es ein steiniger Weg, der überzeugend gegangen werden muss.

Es gilt, sich zu öffnen, ohne sich zu verlieren. Panik hilft wenig bei strukturellen Änderungen. Wer sich zu positionieren weiss, weiss, was er tut.

Rudolf „Rudi“ Hiltiist ein Visionär aus Liechtenstein, der sich als verantwortungsbewusster Optimist bezeichnet. Er hat die Denkfabrik THE HUS und The System Change Foundation in Vaduz ins Leben gerufen. Selbst gestecktes Ziel ist, Brücken zu bauen, um die Bewältigung von globalen Herausforderungen auf eine ganzheitliche Ebene zu bringen, ohne an höhere nationale Interessen gebunden zu sein.

Koste es, was es wolle – ein Appell an die Generation X

Andy Keel
23.04.2020

Die Corona-Krise verursacht einen beispiellosen Schuldenberg. Laut Unternehmer Andy Keel sind es die momentan 40- bis 50-Jährigen, die ihn stemmen müssen. Er fordert dafür, dass diese Generation das wirtschaftspolitische System radikal verändert und Fehler korrigiert.


„Koste es, was es wolle“ – mit dieser Redewendung verkündete der österreichische Jungkanzler im März ein milliardenschweres Hilfspaket für die Wirtschaft. Und ähnliche Pläne wurden in vielen Ländern wie in der Schweiz oder auch Deutschland umgesetzt. „Koste es, was es wolle“ – das wird uns noch lange begleiten. Denn schauen wir uns doch die Millionen, Milliarden, Billionen an Hilfspaketen an: Hat sich jemand schon mal gefragt, wer das bezahlen muss?

Und da haben wir den Schlamassel.

Es ist die Generation X, deren Vertreter zwischen 1965 und 1979 geboren sind – eingeklemmt zwischen den überzähligen Baby Boomern und den coolen Ypsilon-Hipstern. Wir Xer sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, hatten kaum Real-Lohn-Erhöhungen, haben mit null Rendite und einer kollabierenden Vorsorge zu kämpfen und ... mit einem Corona-Schuldenberg.

So weit – so schlecht.

Nun haben wir es aber in der Hand.

Lasst uns Verantwortung übernehmen. Lasst uns der letzten Generation das Zepter aus der Hand nehmen. Lasst uns die Familienbetriebe frühzeitig übernehmen. Lasst uns unsere ganze Lebenskraft und unsere 20 Jahre Berufserfahrung ausspielen. Wir können korrigieren, was die Baby Boomer verursacht und auch wir mitverschuldet haben. Damit meine ich:

  • Just in Time Produktion, bei der das VW-Produktionsband kaum zwei Wochen steht und schon sind die Zulieferer Pleite;
  • unbeschränkte Mobilität, die unser Klima vor den Kollaps getrieben hat;
  • globale Produktionsketten, die minimale Produktpreise wie bei 1-Euro-Shirts bei Primark erlauben;
  • Fleischproduktion, die heute niemand mehr will;
  • Minimale Kapitaldecken, die börsenkotierte Zombi-Unternehmen ohne Gewissen ermöglichen;
  • Abstimmungen, an denen zu zwei Dritteln nur Rentner teilnehmen und die somit von Rentnern bestimmt werden.

Das System ist so instabil, da muss nur ein Virus kommen und es ist futsch.

Wir haben uns in der Politik die letzten zehn Jahre viel nicht getraut, weil es der Wirtschaft schaden könnte. Frauenquote, Braunkohle-Ausstieg, CO2-Gebühr auf Flugtickets, die Liste ist laaaaang. …und jetzt? Jetzt wird mit Schulden, die wir einmal bezahlen müssen, eben solches auch noch gestützt und erhalten? Das haben wir zusammen mit den nachfolgenden Generationen Y und Z in der in der Hand. Gestalten wir unsere Zukunft und trauen wir uns Folgendes:

  • Lassen wir Airlines sterben.
  • Lassen wir Kreuzfahrtschiffe in den Häfen, solange sie keine Katalysatoren haben.
  • Holen wir die Wertschöpfung heim, wer will schon nach China?
  • Fördern wir konsequent Innovation und schreiben wir alte Zöpfe und Industrien ab.
  • Sichern wir unsere Altersvorsorge durch ein höheres Rentenalter und eine Rentendeckelung.
  • Digitalisieren wir die Schule und unsere Arbeitsplätze und verwirklichen wir für Mütter und Väter eine neue Freiheit.
  • Fordern wir einen Solidaritätsbeitrag von der älteren Bevölkerung ein, zumindest auf deren Vermögensgewinne der letzten Jahrzehnte.
  • Besteuern wir Erbschaften massiv, insbesondere wenn die Empfänger selbst der Baby-Boomer-Generation angehören.
  • Sorgen wir endlich für gleiche Bedingungen für Mann und Frau, also Gender Equality.
  • Wählen wir junge Politiker/Innen.

Wir merken in diesen Tagen, wie schnell unsere Rechte als Bürger verschwunden sind. Wie schnell wir wieder ganz tief in uralten Rollenmodellen stecken. Wie sehr der Markt eben nicht funktioniert und wie wackelig Europa ist. Wie unfair die Ressourcen unserer Welt verteilt sind und werden.

Es liegt an uns, die Politik zu bestimmen. Wir müssen die Suppe auslöffeln und dafür vielleicht wieder sechs Tage die Woche arbeiten.

Gen X und Y – übernehmt Verantwortung! Gemeinsam.

Seid mutig. Seid positiv. Kauft an den richtigen Orten ein. Stellt kritische Fragen. Übernehmt Verantwortung. Wir erschaffen etwas Neues aus diesem Corona-Trümmerhaufen.

Andy Keelist studierter Betriebswirt und arbeitete 15 Jahre als Banker bei der Credit Suisse und UBS, bevor er Unternehmer wurde. In Altstätten SG ist er CEO von dade-design.com concrete works, das Beton-Unikate wie Badewannen produziert. Im österreichischen Dornbirn sitzt sein Schreinereibetrieb Timberline und der comaking-space.com, in Zürich gründete er die Gender-Diversity-Beratungsagentur DOIT-Smart.org sowie die Stellenbörse Teilzeitkarriere.com.

Verzicht als Heilmittel gegen Krisen

Christian Hirsig
22.04.2020

Plötzlich geht es, bemerkt Unternehmer Christian Hirsig: Die Krise lehrt uns alle Solidarität, Flexibilität und Kreativität. Das sollten wir beibehalten, meint er und schlägt konkrete Schritte vor, die eine Klimakatastrophe abfedern könnten. Verzicht sei dabei unumgänglich.


Im Februar bin ich mit meinen beiden Jungs (3 und 5 Jahre alt) bei Coop einkaufen gegangen. Wir näherten uns der Frischzone und wurden empfangen von vollen Körben mit Erdbeeren. Da meinte der Ältere: „Wow so cool, dass bereits im Winter Erdbeeren wachsen. Können wir Erdbeertörtchen zum Zvieri machen?“ Jetzt mal ehrlich, es kann doch nicht sein, dass Fünfjährige das Gefühl haben, Erdbeeren wachsen im Winter. Irgendwo sind wir als Gesellschaft hier ziemlich auf den Holzweg gelangt.

Dank der Corona-Krise sind wir in den letzten Wochen als Gesellschaft gewachsen. Wir haben neue gemeinsame Werte entdeckt. Erstens die Solidarität. Hilfsplattformen und -gruppen spriessen wie Pilze aus dem Boden. Zweitens die Flexibilität in allen Altersschichten. Ein befreundeter Yoga-Lehrer erzählte mir, dass er seine Gruppe „älterer“ Damen, alle über sechzig Jahre, nun über Zoom unterrichtet. Das ginge problemlos. Und drittens die Kreativität. Da gibt es ein Hotel, welches seine Zimmer neu als Co-Working Einzelbüros vermietet. Die Franzosen haben nach ihrer Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Grundlage ihrer Nation definiert. Könnte Solidarität, Flexibilität und Kreativität nicht die gemeinsame Basis für uns alle in der Zeit nach Corona werden?

Blenden wir doch kurz die Aktualität der Gesundheitskrise aus, denn wir befinden uns schon wesentlich länger in einer anderen Krise – in der Klimakrise. Die bisher spürbarsten Auswirkungen waren Waldbrände, Überschwemmungen und das rasante Aussterben von Pflanzen- und Tierarten. Der Human Impact Report von 2009 geht davon aus, dass pro Jahr 315’000 Menschen an den Folgen der Klimakrise sterben und 325 Millionen schwerwiegend darunter leiden. Da frage ich mich: Wie kann eine Gesellschaft, die sich zu Corona-Zeiten so massiv einschränkt, bei der Klimakrise einfach sorglos weiterkonsumieren?

Wir können das Schlimmste verhindern, wenn wir bereit sind, auch in Zukunft zu verzichten:

  1. Möglichst nicht mehr fliegen: Gemäss dem Tages Anzeiger verursacht ein Flug von Zürich nach New York und retour ungefähr so viel CO2 wie ein ganzes Jahr Autofahren oder fast 300 mal mit dem Zug nach Paris und retour. „Nicht fliegen“ ist für mich die effektivste einzelne Massnahme. Natürlich gibt es Berufe, bei denen dies nicht möglich ist. Aber auch hier haben wir in den letzten Wochen bewiesen, dass Online-Meetings oft eine gute Alternative sind.
  2. Fleischkonsum massiv reduzieren: Schaut man, für wie viel Treibhausgas das Fleisch gemäss WWF verantwortlich ist, merkt man rasch, dass dies ein Hebel sein könnte. Ein Fleischgericht belastet die Umwelt im Schnitt dreimal mehr als ein vegetarisches Gericht.
  3. Für die Natur wählen: Die wirksamsten Massnahmen sind politisch. Wir brauchen Politiker, die sich öffentlich für die Natur einsetzen. Dies würde heissen, keine Ölheizungen mehr, Abstossen von Beteiligungen an Kohlekraftwerken, konsequente Förderung von erneuerbaren Energien, schnelles Vorantreiben von energetischen Gebäudesanierungen sowie massive Verteuerung von CO2 emittierenden Transportmitteln wie Flugzeugen, Autos und Lastwagen.

In den letzten 30 Jahren wurde die Hälfte aller jemals aus fossilen Brennstoffen entstandenen Emissionen ausgestossen. Ich werde dieses Jahr 40 und fühle mich mitverantwortlich. Eigentlich wäre es einfach, etwas zu ändern und ich wünsche mir, dass sich diese drei Punkte möglichst viele in meiner Generation zu Herzen nehmen. Nicht für mich, sondern für unsere Enkel. Damit auch sie irgendwann einmal auf diesem Planeten mit gutem Gewissen Grosseltern werden können. Lasst uns auch über die Corona-Krise hinaus solidarisch, flexibel und kreativ sein.

Christian Hirsigist Unternehmer. Seine Projekte erstrecken sich von der Open Innovation Plattform Atizo, über das Kochbuch „Geile Eier“, zu seinem eigenen Bier Blacknose bis hin zur Programmierschule für Flüchtlinge Powercoders.

Dies ist eine gekürzte Version – hier finden Sie den Artikel in voller Länge: http://durchdenken.ch/

Bern als Trendsetter

Christian Häuselmann
22.04.2020

Wird alles nach der Corona-Zeit wieder seinen gewohnt schnellen Gang nehmen? Oder lernen wir aus der Erfahrung, dass Entschleunigung gut tut? Der Entrepreneur Christian Häuselmann ist überzeugt davon, dass wir zwar schnell vergessen, aber nicht alles.


Berner sind langsam. Das ist so. Als ich als Teenager zum ersten Mal in Zürich zusammen mit meinem Handballkollegen in einer Migros einkaufte, tippte die Kassiererin so flink, dass sie zwischendurch warten musste, bis wir beide unsere Waren aus dem Einkaufskorb gekramt hatten. Wie immer steckt in jedem Kli­scheeauch ein Stückchen Wahrheit.

In diesen ersten Monaten 2020 erleben wir historisch unruhige Zeiten. In aller Turbulenz sind wir durch das notwendige Zuhausebleiben zu einer neuen Art Ruhe gezwungen. Wir müssen in allen unseren Arbeiten sonst Selbstverständliches hinterfragen, uns neu organisieren und neu ausrichten. Wir setzen uns bewusster mit unseren Familien, Bekannten, Unbekannten und uns selbst auseinander. Wir bewegen uns draussen nur mit Einschränkungen, können in kein Restaurant, auf keine Party – wir sind fast den ganzen Tag zu Hause am Arbeiten und Leben. Alles ist etwas langsamer, wir können etwas verschnaufen, aufschnaufen. Das freut auch die Natur. In Venedig ist das Wasser in den Kanälen wieder klarer, Satellitenbilder zeigen eindrücklich wenig Industrie-Emissionen oder Flugbewegungen. In Indien ist der Himalaya erstmals seit 30 Jahren wieder aus über 150 Kilometern Distanz erkennbar.

Plötzlich haben wir Zeit zum Sein und Denken. Langsamkeit bekommt ungefragt einen besonderen Wert. Das ist ein Geschenk – und gleichzeitig ein schwierig auszuhaltender Widerspruch zur aktuellen Situation mit so vielen privaten, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dramen und Tragödien.

Menschen haben einen biologisch eingebauten Überlebensmechanismus: Wir vergessen vieles schnell. Sobald sich das Leben wieder normalisieren und die übliche Fahrt aufnehmen wird, ist also anzunehmen, dass wir diesen wiederentdeckten Wert der Langsamkeit auch wieder vergessen werden.

Diese Krise wird auf unterschiedlichen Ebenen vieles verändern, unsere Welt wird in Zukunft eine andere sein. Meine Hoffnung ist, dass sich einzelne Bereiche langfristig entschleunigen, zum Nutzen von Mensch und Natur. Wer hätte das gedacht – Bern als Trendsetter!

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

COVIDigitalisierung: Wie kann man die aktuelle globale Krise nutzen?

Gregory Arzumanian
21.04.2020

Das Vertrauen in die kaputte Weltwirtschaft ist dahin. Was nun? Technokratischer Totalitarismus oder digitale, soziale Harmonie? Laut Blockchain-Unternehmer Gregory Arzumanian kann zweiteres nur durch Nachhaltigkeit und Transparenz erreicht werden.


Heute hören wir überall das Wort „Krise“. Aber was bedeutet es?

Das altgriechische κρίσις bezeichnete ursprünglich „den Wendepunkt zum Besseren oder Schlechteren bei einer Krankheit“. Diese einfache Definition zeigt, dass eine Krise eine logische Folge einer Krankheit ist. Wer ist also der Patient und wie wird er geheilt? Wie überstehen wir diese Krankheit? Und wie leben wir nach der ersten Therapie?

Der Patient ist unsere globale Wirtschaft. Die Ursache der Krankheit sind falsche Prioritäten im Kern der wirtschaftlichen, geschäftlichen und sozialen Beziehungen. Die Hauptpriorität ist die Effizienz. Aber Effizienz ohne Nachhaltigkeit führt dazu, dass schwache Akteure an die wirtschaftlichen und sozialen Grenzen gedrängt und zu Randfiguren gemacht werden. Globale Konzerne haben im Rennen um Effizienz vergessen, dass unser Planet die Heimat von 7,5 Milliarden Menschen ist, nicht nur von Verbrauchern. Wir sind Eltern und Kinder, nicht Lieferanten und Kunden. Wir sind Brüder und Schwestern, keine Konkurrenten oder Kunden. Nicht mehr. Wir sitzen alle im selben Boot.

Die derzeitige Krise, die durch den Ausbruch von COVID-19 verursacht wurde, hat gezeigt, wie zerbrechlich und verletzlich unsere Welt angesichts der globalen Umweltprobleme ist.

Das Vertrauen muss wiederhergestellt werden, um eine kaputte Weltwirtschaft wieder aufzubauen. Unternehmen können ohne Transparenz kein Vertrauen mehr erwarten.

Dieses Verständnis wird die Einführung digitaler Technologien stark fördern. IoT-Sensoren (Internet der Dinge) werden das Sammeln grosser Datenmengen ermöglichen. Die künstliche Intelligenz wird sie analysieren, Berichte erstellen und Planungsvorschläge machen. Blockchain wird vertrauenswürdige Daten notariell beglaubigen und sie vom Rest trennen.

Wir treten in ein neues digitales Zeitalter ein. Nachhaltigkeit sollte im Mittelpunkt stehen. Und vor allem eine nachhaltige und verantwortungsvolle Denkweise.

Wir stehen vor der Wahl zwischen dem zukünftigen technokratischen Totalitarismus und der digitalen sozialen Harmonie. Die Wahl liegt bei uns.

Wechseln wir auf den digitalen Weg. Bewahren wir unsere Freiheit und unser Glück.

Gregory Arzumanianist Gründer und CEO der auf Blockchain-Anwendungen spezialisierten FCE Group AG mit Sitz in Root LU. Er ist Vater von drei Kindern. Seine Themen sind innovative Technologien, nachhaltige Entwicklung und der Blick über konventionelles Wissen hinweg.

Dieser Beitrag wurde auf Englisch verfasst und auf Deutsch übersetzt.

Die Illusion von Stabilität

Daniela Bomatter
20.04.2020

In Indien gilt in der Corona-Krise eine Ausgangssperre. Davon ist auch die Schweizer Ex-Managerin Daniela Bomatter betroffen. Für sie zeigt die Situation: Die Vorstellung von Stabilität ist nur eine Illusion – wer sich von ihr freimacht, kann neue Freiheit gewinnen.


Ich lebe seit einem halben Jahr in Bangalore. Im Moment in Ausgangssperre. Da ist plötzlich viel Zeit, über die Welt und die Menschen nachzudenken. Ich fühle mich stark verbunden mit einem Gefühl von Unbeständigkeit. Die Welt, unser Leben ist unbeständig, immer. Aber selten sind wir uns dessen so bewusst wie in dieser Zeit von globaler Quarantäne. Ich glaube, dass der Mensch grundsätzlich die Tendenz hat, Stabilität zu suchen. Wir leben in der Illusion, dass es so etwas wie Stabilität gibt, als Endziel, das uns, wenn wir es erreichen, glücklich und erfüllt sein lässt.

Aber ich glaube das ist eine falsche Annahme, Leben ist in Wirklichkeit ständige Veränderung, immer. Leben kann auch immer in der nächsten Sekunde enden oder sich dramatisch wenden. Wenn wir einen Moment inne halten und diese Tatsache tief sinken lassen, dann öffnet sich interessanterweise ein Raum, der sich nicht an einer Stabilität in der Zukunft orientiert, sondern der uns mitten ins Hier und Jetzt stellt und voller noch nicht manifestierter Potentiale ist.

Dies ist der Raum, in dem wir kreativ sein können, aus dem alles Neue fliesst, nicht um etwas zu vollenden, sondern als Ausdruck des ständigen Fliessens und Veränderns der Welt. Aus diesem Raum steigt auch eine Neugier auf, eine Neugierde auf das Neue, Andere, das entstehen will. Es ist ein Ort, in dem alles bereits Gewusste verblasst und Raum macht für neue Erfahrung, neue Erkenntnis und neue Verhalten. Gleichzeitig erlaubt es dieser Raum aber auch, die Realität, in der wir uns befinden, mit viel mehr Bewusstheit wahrzunehmen in all ihrer Komplexität, und er befreit uns von dem Zwang, immer alles in fixe Strukturen zu packen, weil wir damit dann glauben, besser fertig zu werden.

Wenn wir diesen Raum in uns kultivieren, werden wir zu aktiven Agenten der Evolution, wir werden zu bewussten Schöpfern unserer Zukunft, nicht nur unsere persönlichen Zukunft, sondern der Zukunft unserer Welt.

Daniela Bomatterlebt als Aussteigerin in Indien, nachdem sie 40 Jahre eine erfolgreiche Wirtschaftskarriere verfolgte, zuletzt als Geschäftsführerin von EnergieSchweiz. Sie organisiert spirituelle/philosophische Online- und Offline-Events und lanciert gerade „Manifest Nirvana, das erste virtuelle Ashram/Kloster“.

Digitale Defizite verschärfen die Krise

Renato Gunc
20.04.2020

Der Schweiz fehlt eine funktionierende digitale Grundinfrastruktur – das legt die Corona-Krise offen. Laut dem Unternehmer und Präsidenten von eGov Schweiz, Renato Gunc, muss dieses Thema ganz oben auf die Prioritätenliste, wenn die Wogen sich geglättet haben.


Der Corona-Notstand zeigt mit brutaler Deutlichkeit gewisse Engpässe auf, bei der Versorgung mit Schutzbekleidung und Desinfektionsmitteln, aber auch in der Kommunikation und der Erfassung von Daten. Tatsächlich hat es die Schweiz bisher versäumt, eine funktionierende digitale Grundinfrastruktur inklusive Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Das rächt sich jetzt in mehrfacher Hinsicht:

1.

Weder Parlament noch Behörden noch viele Firmen sind in der Lage, flächendeckend digital zu operieren. Wenn Arztpraxen ihre Corona-Fälle per Fax an das Bundesamt für Gesundheit BAG liefern müssen, hinken wir wirklich schwer nach. Ebenso, wenn die Zahlen der Erkrankten und Verstorbenen der Kantone nicht mit denen des Bundes übereinstimmen, weil es keinen standardisierten, automatischen Informationsfluss zwischen Kantonen und dem Bund gibt. Noch ein anderes Beispiel: In der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich müssen Gesuche um Kurzarbeit manuell abgetippt werden, was zu massiven Verzögerungen führt. (Anm. d. Red. Inzwischen steht ein elektronisches Formular zur Verfügung.)

2.

Es ist nicht möglich, dass Behörden Kontakte mit Bürgern über eine gesicherte Maildresse aufnehmen. Jeder hat eine Wohnadresse, aber bei den E-Mails herrscht Wildwuchs. Eine standardisierte, gesicherte Mailadresse würde einen neuen, effizienten Kommunikationskanal eröffnen. Sie könnte auf der AHV-Nummer basieren (z.B. AHV-Nummer@ahv.ch), was einfach und billig einzurichten wäre. Eine Behörde, zum Beispiel die Zentrale Ausgleichsstelle ZAS, würde die Mail-Adressen ausstellen und verwalten. Bliebe noch die Verifizierung von Person und Adresse. Aber das wäre kein unüberwindbares Hindernis; schliesslich gibt es Methoden zur Verifizierung, wie sie etwa Banken oder Online-Händler anwenden.

3.

Da noch immer keine standardisierte, allgemein akzeptierte elektronische Identitätskarte (E-ID) existiert, bleibt es schwierig bis ausgeschlossen, gewisse Verträge digital abzuschliessen.

Wenn einmal die Normalität zurückkehrt, müssen wir uns intensiv und dringlich um Digitalisierung kümmern, gerade auch als Vorbereitung auf eine nächste mögliche Krise. Eine flächendeckende digitale Infrastruktur würde Informationsflüsse bündeln und beschleunigen. Dank KI-Technologie könnten Informationsauswertungen präzisiert und plausibilisiert werden und Behörden und Firmen als wertvolle Entscheidungshilfen dienen. Eine digitale Infrastruktur würde auch Vertragsabschlüsse erleichtern. Digitale Sitzungen würden effizienter und kürzer ausfallen als physische Zusammenkünfte und trügen erst noch zum Umweltschutz bei, weil man nicht für jedes Treffen nach Bern fahren oder nach New York jetten müsste.

Renato Guncist diplomierter Telematiker und besitzt einen Abschluss in Europa- und Wirtschaftsrecht der Universität Bern. Gunc präsidiert eGov Schweiz- Verein für Innovationen im E-Government. Er verantwortet bei der PEAX AG den Geschäftsbereich Vertrieb und Business-Development. Zuvor war er CEO bei SIX Paynet AG und im Post-Konzern engagiert. Er befasste sich mit E-Health, E-Government und dem Aufbau einer schweizweiten digitalen Identität (SwissID).

Die Rücknahme – eine Kamingeschichte aus dem Tessin

Adrian Naef
20.04.2020

Der Autor Adrian Naef beobachtet im Tessin zu Corona-Zeiten ein Verschiebung der Macht. Ihm scheint, als sei der Kaiser da, auf der Durchreise von Italien: Dieser zeige den Königen, wer das Recht zum Richten habe – mit ungewisser Aufenthaltsdauer.


Camanoglio, März 2020. Ein Thema war es länger schon, aber seit einer Woche greift es in unseren Alltag ein: Das Virus ist angekommen, im hintersten Tal, ausnahmslos bei jedem, bei jedem bei uns im Haus auf dem Berg, im kleinen Lebensmittelladen, im Nachbardorf, der Tankstelle, der Post. Auch die Kinder – sogar die jüngsten zwei – wundern sich, wie eigenartig wir uns jetzt bewegen und über etwas sprechen, das neuerdings offenbar alles bestimmt.

Sogar bei den Wildtieren in den Wäldern rundum ist es angekommen. Sie kommen ins Dorf, von allen Seiten her, als forderten sie zurück, was wir ihnen genommen haben. Seitdem die Flugzeuge ausbleiben, die Autos nicht mehr blenden, die Motoren schweigen, kommen sie heran, traben über den Dorfplatz, trinken am Brunnen. Die Marder platzieren Häufchen vor den Türschwellen, als wollten sie schon mal ankündigen, dass sie demnächst einzuziehen gedenken. Der Fuchs trabt über die Treppe herab hinter dem Haus, bleibt stehen, schaut kurz in unsere Küche herein und trabt weiter.

Gestern hat ein Wolf – oder war es ein Bär? –, der über die nahe Grenze kam, ungehindert wie das Virus aus Italien eine verirrte Ziege gerissen. Früher wäre er DIE Schlagzeile gewesen, jetzt heisst sie CORONA. Unsere Kinder fanden den kopflosen Torso, vielmehr nur noch ein Gerippe unter Fell im Wald unterhalb unseres Hauses. Die Füchse hatten es noch ganz ausgeweidet und die Knochen rundum verstreut, wie sie neuerdings nachts unseren Kompost zerteilen und verstreuen. Täglich sind sie näher gekommen, zu Lande zu Wasser und durch die Luft: Die Frösche sind schon da im Gras, durch den verfrühten Frühling aufgeweckt, die Raubvögel kurven nahe übers Dach und spähen nach unseren Tauben im Schlag, Hirsche, Gämsen und Rehe stehen auf dem Parkplatz vor dem Skilift, als wollten sie ein Billett kaufen.

Der Mythos könnte lauten: Am Anfang war das Virus, kam aus dem All, züchtete Pflanze und Tier ihm zur Nahrung, züchtete Menschen und liess sie glauben, Götter zu sein, damit sie herrschten, sich vermehrten und den Planeten mit ihren Projekten überzogen. Aber die Menschen vergassen in ihrer Hybris, dass sie bloss Wirte waren, Pächter, die dem Besitzer zu gehorchen haben, sollte er dereinst anklopfen, um zu prüfen, was inzwischen geworden war. Und es ist viel geworden inzwischen. Zu viel?

Nun ist er da. Nun ist ES da. Geschlechtslos, ein Code bloss, in etwas Eiweiss gehüllt, ein Wille aus dem All, hergeflogen in einem Stein, damit alles beginne und wohl auch mal ende, wer weiss es, es ist im Code eingeschrieben, den kein Whistleblower entschlüsseln kann und jemals wird, ist auch er doch Teil des Codes und nicht der grosse Wille dahinter, den einige Gott nennen und andere sogar duzen, als wäre er bloss der Nachbar nebenan mit seinem Hipster-Bart.

Oder es ist, als sei der Kaiser da, auf der Durchreise von Italien, und zeige den Königen wieder einmal, wer das Recht zum Richten hat. Genau hier kam er durch, aus Sizilien, im 12. Jahrhundert, über unseren Pass, der grosse Friedrich, mit Kamelen – Tiere, die unsere Tessiner und Urner noch nie gesehen hatten –, nahm da, schenkte dort, sprach das Wort, dass es gelte.

Auch das furchtlose Kamel, das Lama, das hier jetzt die Schafe hütet rundum und jenem Wolf mit Sicherheit einen Fusstritt versetzt hätte, kommt neuerdings zum Dorfbrunnen und schaut sich um, als wolle es demnächst einziehen in eines der Ferienhäuser, die jetzt leer stehen.

Wie auch immer – ES ist angekommen, und niemand weiss, wie lange es ihm beliebt zu bleiben.

Und wie immer, wenn ein Besitzer anklopft – es wäre uns lieber, er würde bald wieder gehen.

Adrian Naef, Jahrgang 1948, ist Autor und lebt in Zürich sowie in den Tessiner Bergen. Nach dem Studium der Ökonomie/Phil.I arbeitete er in der Jugend- und Erwachsenenbildung, als Spital-Pädagoge und Redaktor.

Danke, Corona!

Rebecca Panian
17.04.2020

Die Regisseurin Rebecca Panian sieht die Corona-Krise als Chance – für die Natur, aber auch für die Menschen. Die Umstände geben laut Panian Anstoss zu Veränderungen und die perfekte Gelegenheit, um neu über das Grundeinkommen zu diskutieren. 


Bitte nehmen Sie mir den Titel nicht übel – Sie, die Sie vielleicht gerade zuhause krank im Bett liegen oder jemanden pflegen oder um jemanden bangen. Auch möchte ich niemandem auf die Füsse treten, der gerade um das Überleben seines Geschäfts oder Restaurants zittern muss. Ich kann aber schlicht nicht anders, als dem Virus aus tiefstem Herzen zu danken für die Entschleunigung, die es mit sich brachte, denn sie war so bitter nötig. Nicht nur für die Menschheit, sondern vor allem auch für die Natur. Ich höre die Erde fast schon jubeln: „Endlich sind die Menschen weg.“

Mir ist bewusst, dass ich mich in einer komfortablen Situation befinde: Ich habe keine Kinder, die ich „homeschoolen“ muss. Und an Homeoffice habe ich mich längst gewöhnt, seit ich mein Leben umgekrempelt habe: weg von viel verdienen, Vollzeit arbeiten und fürs Alter sparen, hin zu von wenig Geld leben, dafür viel Zeit haben für Menschen und Projekte, die mir wichtig sind und – im Hier und Jetzt leben und auf meine Gesundheit achten, anstatt alles aufs Alter zu schieben.

Momentan lebe ich von Fördergeldern für die Entwicklung eines Dokumentarfilms (über das bedingungslose Grundeinkommen und wie wir in Zukunft leben wollen). Und das ist der zweite Grund, warum ich Corona dankbar bin: dass die Diskussion rund um das Grundeinkommen wieder Fahrt aufnimmt, denn jetzt spüren die Menschen, warum es sinnvoll wäre. Sie hätten eine finanzielle Absicherung und müssten sich, neben der Angst vor einer Ansteckung, nicht auch noch mit Existenzängsten rumschlagen. Natürlich reicht mein Geld nicht ewig, aber die nächsten sechs Monate kann ich sicher meine Miete zahlen und essen.

Diese Existenzsicherung lässt mich ruhig schlafen und arbeiten und gibt mir Raum, mich sachlich zum Virus zu informieren und dementsprechend nicht in Panik zu verfallen. Und das finde ich zentral, denn „Menschen in Panik“, das kommt selten gut. Dann gilt nur noch Flucht, Angriff oder sich tot zu stellen.

Ausserdem möchte ich Dir, Corona, dafür danken, dass Du so viele Menschen zu unglaublicher Kreativität und Solidarität inspirierst und damit beweist, dass die meisten Menschen es schwerlich aushalten, nichts zu tun! Welche Innovation und Energien würden erst freigelassen, wenn die Menschen ein Grundeinkommen hätten? Auch zeigst Du ganz klar, welches die wirklich wichtigen Berufe sind, die unsere Gesellschaft am Laufen halten. Danke dafür.

De facto sollten wir alle dankbar sein, dass wir mit diesem Virus die Chance erhalten, umzudenken. Es hätte auch eine Umweltkatastrophe von unvorstellbarem Ausmass sein können, denn die Klimakrise ist beileibe nicht vom Tisch. Nur so am Rande.

Wir sollten diese Chance zur Veränderung nutzen, denn wir sind zu so viel mehr fähig. Das Grundeinkommen könnte ein Schritt in eine neue Zukunft sein. Und es ist finanzierbar, wenn wir akzeptieren, dass die technologischen Errungenschaften, Erfindungen und Bodenschätze unser aller Erbe sind und wir dementsprechend eine Dividende zugute haben – ein Grundeinkommen. Wir können die Realität verändern, wenn wir wollen. Das spüren und sehen wir in Zeiten von Corona besser denn je.

Rebecca Panian ist Schweizer Regisseurin und Autorin, die zuvor unter anderem als TV-Redaktorin arbeitete. Ihr erster Kinodokumentarfilm „ZU ENDE LEBEN“ kam im April 2015 in die Schweizer Kinos. 2018 startete sie das Projekt „Dorf testet Zukunft“. Weitere Informationen: http://rebeccapanian.ch

Plastik erlebt eine Corona-Renaissance

Patrick Semadeni
17.04.2020

Die Angst vor Ansteckung mit dem Virus beschert Plastik eine unerwartete Renaissance – im Gesundheitswesen und sogar im Supermarkt. Die Krise werde die Einstellung zu Kunststoff ändern, schreibt Patrick Semadeni, CEO der Semadeni Plastics Group, in einem Meinungsbeitrag.  


Und plötzlich ist sie bei uns gewesen, die Pandemie. Das öffentliche Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Viele Menschen sind besorgt um ihre Gesundheit. Gewerbe und Industrie leiden, Jobs sind in Gefahr. Staaten verschulden sich mit enormen Beträgen, um Hilfspakete für Arbeitnehmende und Wirtschaft bereit zu stellen.

Wir müssen den Kampf gegen das Virus effektiv führen, um Leben zu retten und wieder zu einer Normalität zu finden. Hier kommt den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen eine Schlüsselrolle zu. Sie leisten Enormes, und sie müssen geschützt werden.

Sie schützen sich mit Gesichtsmasken, Mundschutz, Overalls, Schutzbrillen, Hauben und Handschuhen. Alles Artikel aus Kunststoff. Aus anderen Werkstoffen lassen sich diese Artikel nicht annähernd in der erforderlichen Menge und Qualität herstellen.

Namhafte Virologen rufen dazu auf, intensiv zu testen. Eine sehr effektive Methode zur Eindämmung des Virus, die in Südkorea sehr gut funktioniert hat. Aus welchem Material lassen sich derart rasch sichere, bruchfeste und günstige Testkits herstellen? Nur aus Kunststoff. Das Gleiche gilt übrigens auch für Flaschen und Behälter für Desinfektionsmittel sowie für ganz viele weitere Produkte, die zur Prävention und zur Pflege der Corona-Patienten nötig sind, wie Spritzen, Urinflaschen oder Trinkflaschen.

Plastik schützt aber nicht nur im Gesundheitswesen. Es hilft auch uns, im Alltag beim Einkaufen das Ansteckungsrisiko zu vermindern. Wir haben gelernt, dass das Virus bis zu einigen Tagen auf Oberflächen überlebt. Mit einer Verpackung verhindern wir, dass sich das Coronavirus auf dem Lebensmittel festsetzt. Die Schutzfunktion der Verpackung erlebt eine Renaissance. Lieber ein paar Gramm Abfall als das Risiko einer Ansteckung mit allen verheerenden Folgen.

So zeigt der verschmähte Werkstoff Plastik in dieser Pandemie seine Qualitäten und seine Wichtigkeit. Es geht nicht ohne. Wir werden wohl nach der Corona-Krise vieles anders anschauen. Dazu wird auch die Einstellung zu Kunststoff gehören.

Was bleiben wird, ist die unbedingte Notwendigkeit, den Eintrag von Abfällen in die Umwelt zu verhindern. Die Kreislaufwirtschaft wird auch nach der Krise der einzig richtige Weg bleiben.

Patrick Semadeni ist seit 2002 Geschäftsführer der Semadeni Plastics Group in Ostermundigen BE.

Solidarität – nicht nur heute

Manuel Flury
16.04.2020

Ein Schweizer Solidaritätsfonds sollte laut Manuel Flury helfen, die Corona-Folgen in ärmeren Ländern abzumildern. Als ehemaliger Mitarbeiter der DEZA-Direktion ist er überzeugt, dies wäre nur gerecht bei der Solidarität, die die Schweiz gerade erfahre.


In unserer von raschem Gewinn, Geiz und Rückzug auf das Eigene, Private und Nationale geprägten Zeit erleben wir, wie viele Menschen bereit sind, selbstlos anderen zu helfen. Das Coronavirus gefährdet unser Leben unmittelbar. Wir sind bereit, uns zum Schutz unseres Lebens stark einzuschränken und Geldmittel zu mobilisieren. Wir erahnen die Konsequenzen, wenn wir dies nicht tun.

Die Schweiz ist solidarisch. Sie kann es sich leisten. Die öffentliche Hand gibt Gelder in Milliardenhöhe frei, um Kleinstgewerbetreibende vor dem Konkurs zu bewahren. Die Schweiz erlebt aber auch Solidarität, indirekt. Tausende von Grenzgängerinnen aus Italien und Frankreich pflegen „unsere“ Kranken und wir wissen, wie viele Gesundheitsfachleute aus anderen EU-Ländern unsere Gesundheitsversorgung sichern.

Viele Menschen und Regierungen verfügen jedoch nicht über dieselben Möglichkeiten, sich zu schützen. Wie wäre es, wenn die Schweiz im Umfang der Solidarität, die sie empfängt, Länder und Menschen unterstützt, die sich diesen Schutz nicht leisten können?

Dies würde Folgendes bedeuten. Die Schweiz äufnet einen Solidaritätsfond aus öffentlichen und privaten Mittel in der Höhe des Wertes, der den Leistungen der ausländischen Gesundheitsfachleute entspricht, die uns in der Schweiz pflegen und unter Umständen dort, wo sie ausgebildet wurden, fehlen.

Mit diesem Fonds kann die Schweiz Menschen unterstützen, die vom Coronavirus oder auch anderen gesundheitlichen Risiken betroffen sind: Die Schweiz könnte Afghanistan darin unterstützen, die aus dem Iran zurückkehrenden Menschen zu betreuen und das Land vor zusätzlichen Virusinfektionen zu schützen. Mit dem Geld könnte die Schweiz mehrere Tausend auf Lesbos dem Virus schutzlos ausgelieferte Flüchtlinge aufnehmen, sie ausbilden und Rückkehrhilfe bieten. Und in der Schweiz kann der Fonds oft schlecht verdienenden alleinerziehenden Frauen mit hausexterner Kinderpflege helfen.

Bleiben wir solidarisch, über die momentane Krisenzeit hinaus!

Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Zeit für neue Ideen!

Corinne Grässle
15.04.2020

Die Wirtschaft muss nach der Corona-Krise resilienter und flexibler werden, schreibt Corinne Grässle von Engagement Migros. Für eine zukunftsfähige Art zu wirtschaften gibt es bereits gute Ansätze, darunter die Kreislaufwirtschaft. Dabei ist Schweizer Pioniergeist gefordert.


Die letzten Wochen haben unsere Welt durchgeschüttelt, wie schon lange nichts mehr. Heute ist klar, wie wir die Prioritäten setzen müssen: Die Gesundheit der Bevölkerung wahren und gleichzeitig Existenzen in dieser für Wirtschaft und Gesellschaft beispiellos herausfordernden Situation sichern. Auch wenn Ihr Fokus momentan verständlicherweise auf diesen Themen liegt, erlauben Sie mir trotzdem, schon jetzt einen Blick auf morgen zu werfen.

Morgen werden wir uns mit der Frage des Wiederaufbaus unserer Wirtschaft beschäftigen, wobei „Wiederaufbau“ eigentlich keine gute Wortwahl ist. Denn die alte Normalität liegt in der Vergangenheit. Eine Rückkehr ist kaum möglich, zu viel hat sich verändert. So unangenehm diese Erkenntnis auch ist, bietet sie doch die Chance, Dinge neu zu denken. Lassen Sie uns also nicht vergeblich versuchen, zur alten Normalität zurückzukehren, sondern uns stattdessen auf den Weg hin zu einer neuen Normalität zu machen – einer zukunftsfähigen Art zu wirtschaften, die uns resilienter macht gegenüber Krisen, unabhängiger von knapp werdenden Rohstoffen und flexibler im Umgang mit sich rasch verändernden Ausgangslagen.

Die gute Nachricht? Wir verfügen über beste Voraussetzungen dafür. Erfolgsversprechende Ansätze und Elemente sind eigentlich bereits bekannt – so etwa neue Arten der Zusammenarbeit, effiziente Produktionsweisen, erneuerbare Energiequellen oder auch die Kreislaufwirtschaft. Gerade letztere bietet viele Ansatzpunkte für zukunftsfähige Geschäftsmodelle. Zirkuläre Wertschöpfungsketten machen uns unabhängiger von knapper werdenden Rohstoffen und Importen und fördern dafür lokale Zusammenarbeit – ein unschätzbarer Vorteil, gerade in einer Krisensituation. Auf solche Konzepte müssen wir setzen, sie ausbauen und weiterentwickeln.

Die richtigen Konzepte zu kennen, reicht allerdings noch nicht - man braucht dazu gut ausgebildete Leute und den Mut, den Wandel anzugehen. Auch hier sind wir gut aufgestellt. Ein massgeblicher Erfolgsfaktor dieses Landes ist schliesslich seit jeher unser Pioniergeist. Wenn wir all diese Vorraussetzungen nutzen, bin ich zuversichtlich, dass die Schweizer Wirtschaft mit neuer Innovationskraft aus dieser Krise findet. Packen wir also die Zukunft an!

Corinne Grässle ist Projektleiterin Kreislaufwirtschaft bei Engagement Migros. Der Förderfonds der Migros-Gruppe ist Mitgründer von Circular Economy Switzerland, der Bewegung für eine Kreislaufwirtschaft in der Schweiz.

Corona: Das können Städte, Gemeinden und Pensionskassen tun

Daniel Wiener
15.04.2020

Aus der Corona-Krise kann laut Daniel Wiener mit Weitsicht eine zukunftsorientierte Wirtschaft hervorgehen. Der Mitgründer der Denkfabrik ecos sieht dabei eine Chance für Städte und Gemeinden, die Weichen im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu stellen.


Die Corona-Krise führt uns die Abhängigkeit der Schweiz von globalen Waren- und Finanzmärkten vor Augen. Die internationale Arbeitsteilung führt zu Lieferengpässen bei lebens- und gar bei überlebenswichtigen Gütern. Um den ökonomischen Schaden des erzwungenen Stillstands im öffentlichen Leben zu mildern, stehen jetzt wirtschaftliche Notmassnahmen, insbesondere des Bundes, im Vordergrund. Doch die Wirtschaft wird nach Corona – sobald sie sich wieder erholt – nicht mehr dieselbe sein wie vorher. Weil sich die Gesellschaft zurzeit unentrinnbar auf den Wert lokaler Produktion und Nachfrage zurückbesinnt, wird auch die entsprechende Zahlungsbereitschaft wachsen. In der Folge werden sich auch das Gewerbe und der Handel noch stärker und nachhaltiger auf die lokalen Beschaffungs- und Absatzmärkte ausrichten.

Um bei diesem Wandel unser Wohlstandsniveau zu halten, spielt die Kreislaufwirtschaft eine Schlüsselrolle. Sie erlaubt es uns, mit Rohstoffen, auch solchen, die wir importieren müssen, sorgsam umzugehen. Zum Beispiel können seltene Erden, die wir mit alten elektronischen Geräten heute noch entsorgen, wiedergewonnen und in neuen Produkten weiterverwendet werden. Aber auch ganz einfache Kreisläufe wie jene der organischen Haushalts- und Gewerbeabfälle, die wir heute teilweise noch achtlos zur Wärmegewinnung verbrennen, werden in Zukunft über die Herstellung von Kompost geschlossen.

Neue Geschäftsmodelle sind gefragt, die gleich hinter der Corona-Nothilfe dem Aufbau einer neuen, resilienteren Volkswirtschaft dienen. Das ist der Punkt, an dem sich Städte und Gemeinden heute engagieren sollten. Sie wissen um die Hebel, die ihrem lokalen Gewerbe helfen können, Kreisläufe zu schliessen. Die Städte und Gemeinden sind in der Lage, aufgrund von Analysen ihrer Stoffflüsse die wirkungsvollsten Mittel und Wege zu identifizieren, um auf den Pfad der Kreislaufwirtschaft einzuschwenken, beispielsweise mit einem Masterplan Kreislaufwirtschaft. Dieser sollte aber nicht nur Strukturen analysieren und Strategien definieren, sondern von Anfang an auch konkrete, bestehende und neue Geschäftsmodelle des Gewerbes und der Logistik für die Kreislaufwirtschaft identifizieren und fördern.

Zugleich sind Pensionskassen gefordert, ihre Investitionen nicht nur stärker auf Unternehmen und Projekte der Kreislaufwirtschaft auszurichten, sondern Start-ups, die in diesem Bereich tätig sind, mit Risikokapital eine Chance zu geben, in der Schweiz zu bleiben. Es wird ein globaler Wettbewerb um diese Arbeitsplätze der Zukunft entbrennen, und nur ein starker Finanzierungsschub kann die Schweiz als Cleantech-Hub positionieren.

Diese öffentlichen Fördermassnahmen und institutionellen Investitionen tragen gemeinsam dazu bei, direkt anschliessend an die Nothilfe, eine zukunftsorientierte Wirtschaft aus der Corona-Asche auferstehen zu lassen. Aufgrund eines Masterplans Kreislaufwirtschaft können in allen anderen übergeordneten Planungen Schlüsse gezogen werden, um öffentliche Mittel – seien es Gelder oder gesetzliche Fördermassnahmen – noch effizienter für eine Neupositionierung des Gewerbes einzusetzen. Mit der gezielten Förderung von Jungunternehmen im Bereich Kreislaufwirtschaft können daraus produktive Arbeitsplätze entstehen.

Das Ziel muss sein, die Lehren aus der Corona-Krise konkret umzusetzen, indem die lokale Wirtschaft dank geschlossenen Kreisläufen zur Resilienz gegen zukünftige Engpässe einen wesentlichen Beitrag leisten kann. Zugleich wird damit der Umwelt- und Ressourcenschutz gestärkt. So können Städte und Gemeinden die Abhängigkeit ihrer Wirtschaft von internationalen Waren- und Finanzmärkten lockern, die Umwelt wirksam entlasten und die Folgen zukünftiger Krisen für ihre Bevölkerung und das Gewerbe mindern helfen.

Daniel Wiener ist Präsident des Beratungsunternehmens ecos in Basel und der Global Infrastructure Basel Foundation. Letztere setzt sich für die Schaffung nachhaltiger Infrastrukturen in Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern ein.

Die Schweiz braucht mehr Debatte

Steffen Klatt
14.04.2020

Die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie haben nicht nur die Wirtschaft ausgebremst. Sie stellen auch das politische System auf den Prüfstand, schreibt Steffen Klatt. Es braucht dazu mehr Debatte, und zwar über den kleinen Kreis der bisherigen politischen Elite hinaus.


Die Schweiz erlebt eine Premiere: Noch nie seit der Gründung der modernen Eidgenossenschaft wurden Grundrechte in Friedenszeiten so sehr eingeschränkt wie jetzt. Ob Versammlungsfreiheit und die mit ihr verbundene Religionsfreiheit oder die Freizügigkeit – sie wurden innerhalb weniger Tage aufgehoben. Auch die direkte Demokratie, auf welche die Schweiz zu recht so stolz ist, wurde suspendiert. Selbst das Parlament wurde ausgebremst: Die Bundesversammlung kann zwar über das gewaltige Hilfspaket von 60 Milliarden Franken debattieren, nicht aber über die faktische Aussetzung der Grundrechte.

Selbst wenn der Bundesrat völlig richtig gehandelt hat und unter den gegebenen Umständen gar nicht anders entscheiden konnte: Es braucht nach dem Ende dieser Corona-Krise eine Manöverkritik. Dabei muss über Fragen gesprochen werden wie:

War es richtig, dass die demokratische Schweiz mit dem „Lockdown“ ein Rezept des autoritären Chinas praktisch unbesehen übernommen hat? Ist es richtig, dass der Bundesrat auf dem Verordnungsweg Grundrechte der Verfassung aufheben kann? Wie kann der Missbrauch dieser Notstandsrechte durch allfällige Möchtegern-Autokraten verhindert werden?

Dabei geht es auch um Art und Weise, wie debattiert wird. Die tatsächliche Debatte in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten verengt, auch aufgrund der zunehmenden Konzentration der Medien. Ob Arena-Debatten im SRF oder Interviews und Meinungsbeiträge in den Zeitungen: Immer sind es nur wenige Köpfe, die reden dürfen oder zitiert werden.

Doch wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat: Die Schweiz steht diese Krise nur dank des Engagements der Vielen durch. Ob in Unternehmen, Hochschulen, Vereinen, Netzwerken oder in lokalen Hilfsangeboten – hunderttausende Menschen haben in diesen Wochen einen Frühling der Ideen, neuer Lösungen und der Solidarität möglich gemacht.

Wer in diesen Wochen mit seinen Ideen, seinen Lösungen, seiner Solidarität dazu beigetragen hat, dass die Schweiz diese Krise durchstehen kann, der soll sich auch an der Debatte darüber beteiligen können, wie das Land nach dieser Krise aussehen soll. Dafür braucht es vermutlich auch neue Gefässe jenseits der SRG und der wenigen verbliebenen Zeitungen.

Steffen Klatt ist Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe, die auch die Plattform punkt4.info betreibt. 2018 ist im Verlag Zytglogge sein Buch „Blind im Wandel. Ein Nationalstaat in der Sackgasse“ erschienen.