We, Switzerland

Free opinions of free people on topics they care about.

In collaboration with the digital business newspaper punkt4 by Café Europe in Winterthur.

Corona und Klima: Handeln ohne „letzte Gewissheit“ 

Manuel Flury-Wahlen
08 Jul 2020

Der Bundesrat hat in der Corona-Krise harte Entscheidungen getroffen, ohne letzte Gewissheit über ihre Wirkung zu haben. Die Klimakrise stellt eine ähnliche Gefahr dar, schreibt Manuel Flury-Wahlen. In der Klimakrise nicht zu handeln, wäre lebensgefährlich.


Anfangs Mai war es soweit. Angelo, unser siebenmonatiger Enkel, ging erstmals in die Kita. Bis dahin hüteten wir Grosseltern ihn einmal pro Woche. Zusammen mit seinen Eltern bildeten wir einen Corona-Cluster, wir wollten unbedingt eine Ansteckung vermeiden. Mit dem Kitaeintritt von Angelo setzten wir das Hüten für einige Wochen aus. Bleiben die Betreuer*innen gesund? Wie steht es mit den Familien der anderen Kinder? Könnte Angelo das Virus in unsere Familie bringen? Werden wir damit auf einmal gefährdet? Dies waren einige unserer vielen Fragen. Die ExpertInnen konnten uns nicht mit Sicherheit darüber Auskunft geben, ob Angelo das Virus übertragen und uns anstecken kann. 

Ansteckung in der Kita?

Seit Anfang Juni und einer damals deutlich entspannten Situation hüten wir unseren Enkel wieder. Klare Antworten auf unsere Fragen haben wir zwar nicht erhalten. Wir haben keine absolute Gewissheit, was für ein Ansteckungsrisiko wir eingehen. In der Zwischenzeit haben wir uns jedoch dank vieler Informationen und Einschätzungen von Fachleuten ein Bild der Situation machen können. Wir haben lediglich von einem einzigen Kita-Ansteckungsfall gehört. Wir bleiben weiterhin aufmerksam auf die Geschehnisse um uns herum, unter Umständen müssen wir unser Bild anpassen und auch unser Hüten und das Zusammensein mit Angelo wieder verändern. 

Wie weit sollen die Behörden gehen?

Als der Bundesrat im vergangenen März den „lock-down“ verordnete, musste er dies tun, ohne exakt zu wissen, wo und bei wem sich das Virus eingenistet hat, wer in welchem Alter gefährdet ist zu erkranken, wer zu welchem Zeitpunkt ansteckend ist und wie viele erkrankte Menschen medizinisch behandelt oder gar auf der Intensivstation gepflegt werden müssen. Es ging ihm im Wesentlichen darum, die „Ansteckungskurve zu glätten“ zum Schutz des Gesundheitssystems und der Pflegenden. Der Bundesrat sah keine andere Möglichkeit, als das Leben bis auf das Überlebensnotwendige einzuschränken. Diese „Vollbremsung“ hat zum erwarteten Resultat geführt, die Ansteckungskurve flachte ab. Gleichzeitig wurden uns auch die wirtschaftlichen und sozialen Kosten dieser „Bleihammermethode“ bewusst. Der Bund alleine hat Finanzen im Bereich von 10 Prozent des jährlichen Volkseinkommens mobilisiert, die wirtschaftlichen Folgen für Angestellte und Unternehmer*innen sind noch nicht genau abzuschätzen. 

Dank unzähliger wissenschaftlicher Studien und Modellrechnungen ist in der Zwischenzeit einiges klarer geworden: Übertragungen geschehen vorwiegend in Innenräumen, oder auch: eine gezielte „Durchseuchung“ der Bevölkerung ist weder volkswirtschaftlich sinnvoll noch ethisch vertretbar. Das „tracing“ der Ansteckungsketten bleibt das A und O der Bekämpfung der Pandemie. Entsprechend dieser Erkenntnisse hat der Bundesrat seine Lockerungsstrategie beschlossen, eine schrittweise „Wiederinbetriebnahme“ des öffentlichen Lebens. Absolute, „letzte“ Gewissheit über die Wirksamkeit dieser Massnahmen besteht aber für die Behörden weiterhin nicht. 

Klarheit, bitte!

Klarheit zu haben darüber, was um uns herum geschieht, zu wissen, was die Ursachen von Geschehnissen sind, ist für uns wichtig. Wir wollen in Gewissheit leben. Wir suchen Erklärungen bei Fachleuten oder uns vertrauten Personen und Organisationen, wobei wir dazu tendieren denjenigen Erklärungen und Fachleuten Glauben zu schenken, die unseren Sichtweisen am meisten entsprechen. Wir erfahren jedoch immer wieder, dass wir auf viele Fragen keine befriedigenden, eindeutigen Antworten erhalten. Wir müssen als Einzelpersonen oder als Gesellschaft Entscheide ohne „Expertise“ sozusagen „in Unsicherheit“ treffen. Soll ich jetzt eine Hygienemaske anziehen, wenn ich am Samstagvormittag auf den Wochenmarkt gehe, ohne zu wissen, wer mich anstecken könnte? Welche (tiefe) Ansteckungsrate für COVID 19 sollen die Behörden anstreben, damit eine zweite Ansteckungswelle noch unter Kontrolle bleiben kann und gleichzeitig das wirtschaftliche und soziale Leben nicht noch einmal stark leidet? 

Was uns die Pandemie lehrt, ist wichtig für die Bewältigung der Klimakrise

Die Pandemie lehrt uns, ohne Gewissheit und ohne volle Klarheit Entscheide zu treffen, sowohl als Einzelpersonen auf dem Wochenmarkt zum Maskentragen oder als Gesellschaft, wenn es um die Wiedereröffnung von Schulen, Restaurants oder gar Clubs geht. Diese Erfahrungen sind wichtig für den Umgang, speziell in Zeiten der Klimakrise. Wir wissen, dass die CO2-Emissionen auf netto Null gesenkt werden müssen. Wir wissen auch, dass dies möglichst rasch – und nicht erst 2050 – geschehen muss. Eine Erwärmung der Atmosphäre von 1,5 Grad, so die Wissenschaft und die Politik, soll „verkraftbar“ sein. Die Gesellschaft lebt im Moment jedoch auf einem deutlich „wärmeren“ Pfad. Wir wissen nicht, welche Wirkung technologische Innovationen bringen. Handeln ist also mehr als dringend.

Was wir in der Pandemie gelernt haben ist jedoch: Abwarten ohne zu Handeln ist überlebensgefährlich! Ohne Entscheide für einen „lock-down“ hätte das Gesundheitssystem nicht überlebt und wären viel mehr Verstorbene zu beklagen. Nur Handeln – ohne Gewissheit - gibt uns Grundlagen um zu verstehen, ob und nach welchem Muster sich das Klima und das Leben dabei verändern und welche weiteren Massnahmen sinnvollerweise getroffen werden müssen! 

Die Erde benötigt einen Mundschutz, und zwar jetzt, ohne „letzte“ Gewissheit!

 

Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Wieso Corona ein schlechter Treiber für die Digitalisierung der Messebranche ist

Matthias Baldinger
07 Jul 2020

Momentan erfährt die Messebranche einen Digitalisierungsschub. Der Treiber dafür ist offensichtlich: Corona. Matthias Baldinger glaubt aber, es ist der falsche Treiber. Eine Messe sollte nicht als Ganzes digitalisiert werden – sondern nur die Teile, die online besser funktionieren als live. 


Um die aktuellen Einschränkungen auszugleichen, entsteht eine Vielzahl von virtuellen Messen und digitalen Erweiterungen. Dies macht in der aktuellen, sehr schwierigen Zeit sicher Sinn. Aber: Macht es auch längerfristig Sinn? Sind die Lösungen, die die aktuellen Herausforderungen adressieren (Veranstaltungsverbot, weniger Besucher aufgrund von Einschränkungen etc.), auch die Lösungen, die Messen bereichern, wenn sie wieder ohne Einschränkungen stattfinden können?

Persönlich bezweifle ich dies. Ich bin überzeugt, dass digitale Erweiterungen der richtige Weg sind – der Grund sollte einfach ein anderer sein. Der Grund sollte das veränderte Kaufverhalten sein, welches unabhängig von Corona im B2B- und B2C-Umfeld seit längerem zu beobachten ist. Und von Messen bisher nur sehr wenig bedient wird.

Messen müssen neues Kaufverhalten bedienen können

In einigen (wenigen) Bereichen wurde der Kaufprozess komplett digitalisiert. In den allermeisten Fällen ist der Prozess aber weder strikt offline noch online – sondern sowohl als auch. Ein Beispiel: Ich bin begeisterter Skifahrer. Meine Ski kaufe ich immer in einem Sportgeschäft und werde dies auch in Zukunft tun, da mir Beratung, die haptische Erfahrung der Ski und sorgenfreier Service wichtig sind. Aber: Mir käme es nicht im Traum in den Sinn, in ein Sportgeschäft zu gehen, ohne bereits zu wissen, welche zwei bis drei Ski-Modelle in Frage kommen. Das recherchiere ich davor detailliert online. Im Geschäft lasse ich mir meine Überlegungen bestätigen und kläre offene Fragen. Nach dem Kauf lasse ich mich weiter online und eher passiv über Neuerungen informieren, z.B. via Newsletter oder soziale Medien.

Genau dieses neue Kaufverhalten müssen Messen bedienen können und müssen ihre Veranstaltungen hierzu um digitale Elemente erweitern. Dabei geht es nicht darum, das was live gut funktioniert, virtuell abzubilden, sondern die spezifischen Vorteile von Online und Live zu kombinieren.

Asynchronität vs. Gleichzeitigkeit

Ein grosser Vorteil von Online ist, dass die Vermittlung von Information nicht gleichzeitig mit deren Konsum stattfinden muss. Ich bin beispielsweise froh, dass ich meine Ski-Recherche in einer freien Stunde an einem Sonntagnachmittag machen kann, während jedes Sportgeschäft geschlossen ist. Genau umgekehrt ist einer der grossen Vorteile von Live, dass alle gleichzeitig vor Ort sind. Für viele Besucher ist dies ein wichtiger Faktor, denn es macht es einfach, Geschäftspartner persönlich zu treffen.

Online macht diese Gleichzeitigkeit eigentlich keinen Sinn. Wieso sollten beispielsweise zwei Geschäftspartner einen Monat bis zu einer virtuellen Messe warten, um ihren Video-Call durchzuführen? Es müssen eben nicht alle gleichzeitig online sein. Ich habe daher meine Zweifel, ob wir nach Corona noch virtuelle Messen mit einem Veranstaltungsdatum sehen werden.

Übersicht vs. Detail

Messen behaupten häufig, dass sie einen guten Überblick bieten. Persönlich glaube ich allerdings, dass dies online besser funktioniert. Online kann ich schnell grosse Mengen von Information durchsuchen und mir einen Überblick verschaffen. Wenn es dann allerdings um die wichtigen Details und anspruchsvollen Fragen geht, stösst Online an seine Grenzen. Diese können viel besser in persönlichen Diskussionen auf Messen geklärt werden. 

Es wäre heutzutage eine Verschwendung, diese Diskussionen für das Vermitteln des Überblicks (z.B. über Produktinformationen, welche problemlos online verfügbar sind) zu nutzen. Diesen sollten die Besucher zum Zeitpunkt der Messe bereits haben. Ich glaube daher, dass die Digitalisierungsbestrebungen von Messen dahin führen sollten, online den Ort zu bieten, wo Besucher sich möglichst einfach einen Überblick verschaffen können. Damit sie dann für die Klärung der entscheidenden Details zur Veranstaltung kommen.

Haben virtuelle Shoppingcenter und virtuelle Messen etwas gemeinsam?

Da Online und Live unterschiedliche Vorteile haben, ist es fraglich, ob es funktioniert, Messen virtuell erfolgreich zu veranstalten. Ich könnte mir vorstellen, dass Benedict Evans mit seinem sehr interessanten Artikel zum Thema recht behält: In den 90er Jahren wurde viel in virtuelle Shoppingmalls investiert. Wie sich herausstellte, funktioniert die Art, wie Shoppingcenter Anbieter aggregieren, zwar offline, aber nicht online. Online haben sich andere Ideen durchgesetzt. Vielleicht gilt das gleiche für virtuelle Messen? 

 

Matthias Baldinger ist Gründer und Geschäftsführer von Conteo. Conteo entwickelt Lösungen für Messeveranstalter, welche den Content der Aussteller ins Zentrum stellen. 

Chaos als Katalysator zur Wiedergeburt

Yves Nager
06 Jul 2020

Der Zustand der Welt, wie er in den Medien präsentiert wird, überwältigt viele. Yves Nager sieht darin Hinweise, dass sich etwas Neues entwickelt. Umso wichtiger sei es, dass man sich nicht von der Vergangenheit gängeln oder von der Zukunft ängstigen lässt, sondern im Jetzt zu leben lernt.


Es war erst ein paar Wochen her, als viele Teile der Welt in einem Lockdown waren. Während wir daheim blieben, blickten wir zurück und freuten uns an Erinnerungen von Erfahrungen, die wir gemacht hatten, bevor die Welt zum Stillstand kam.

Wir fragten uns, wie lange dies wohl dauern würde, wir stellten uns vor, was wir tun würden, wenn es vorbei ist, und wir sehnten uns nach einer Erleichterung der Einschränkungen, damit wir unser daheim wieder verlassen und die Natur geniessen, Familienangehörige und Freunde besuchen und wieder mehr Freiheit erfahren können.

Anstatt nun jedoch die Gelegenheit zu haben, diese surrealen Erfahrungen der letzten drei Monate zu integrieren und dankbar zu sein, dass wir in vielen Teilen der Welt das Schlimmste mit der Covid-Situation vorerst überwunden zu haben scheinen, sehen wir in den Medien erneut ungerechtfertigte und unvorstellbarere Gewalt, darauffolgende Wut und tiefe Traurigkeit, die aufgewühlt werden.

Ich glaube, ich bin nicht allein, wenn ich mich manchmal vom Zustand der Welt, so wie sie uns in den Medien gezeigt wird, überwältigt fühle. Alles scheint buchstäblich zu brennen, im innen wie im aussen. Wenn wir jedoch genauer hinschauen, bietet sich auch die Möglichkeit, die Illusion zu durchschauen und einen höheren Plan zu finden, der alles auf dieser Welt orchestriert.

Ich will daran glauben, dass sich die Menschheit gerade jetzt zu etwas Grösserem als zuvor entwickelt und letztendlich das höchste Gut für alle erreichen wird. Die Bilder der Feuers, die wir zuletzt viel in den Medien sahen, erinnern mich an die Legende des Phönixvogels, der aus der Asche des Feuers geboren wurde, der es verzehrte. Der Phönix steht für Transformation, Tod, Auferstehung und Wiedergeburt.

Als kraftvolles spirituelles Totem ist der Phönix das ultimative Symbol für Stärke und Erneuerung. Es ist ein Symbol für die Sonne, die vermeintlich nach jedem Sonnenuntergang ‚stirbt‘, um am nächsten Morgen beim Sonnenaufgang wiedergeboren zu werden. Schliesslich stirbt die Sonne jedoch nie wirklich, sondern sie ist ein unsterblicher Teil der Schöpfung, der ständig aus der Asche des Feuers aufsteigt, das sie verbrannt hat.

In Kombination mit den Frequenzen der Mondfinsternis Anfang Juni und dem 6-6-Portal, das Harmonie, Natur, Elementarität, Gleichgewicht und Heilung symbolisiert, bietet uns diese Zeit eine weitere Gelegenheit, alles loszulassen, was uns nicht mehr dient, und uns von einem weiteren Zyklus der Wiedergeburt in die Erneuerung tragen zu lassen, so wie es die Sonne jeden Tag tut.

Nachdem ich im Frühjahr 2008 zum ersten Mal in Hawaii angekommen war, las ich als erstes Buch „Jetzt – Die Kraft der Gegenwart“. Das von Eckhart Tolle geschriebene Buch wurde mir von Olivier, einem ehemaligen Arbeitskollegen, mit auf den Weg gegeben. Es war vor zwölf Jahren, als mir klar wurde, dass sich unsere Gedanken hauptsächlich auf die Vergangenheit oder die Zukunft konzentrieren, aber selten auf das, was jetzt im gegenwärtigen Moment passiert.

Wenn wir uns auf die Vergangenheit konzentrieren, können wir Bedauern, Traurigkeit, Ressentiments und Unversöhnlichkeit empfinden, und wenn wir uns auf die Zukunft konzentrieren, können Spannungen, Sorgen, Ängste und Stress entstehen. Wir befinden uns dann in einem Kreislauf, in dem wir unsere Energie für Dinge verschwenden, die wir sowieso nicht kontrollieren können.

Die meisten sind sich bewusst, dass der einzige Moment, den wir jemals wirklich beeinflussen können, der gegenwärtige Moment ist. „Jetzt – Die Kraft der Gegenwart“ bezieht sich darauf, dass wir Frieden und Glück in nichts ausserhalb von uns finden können. Stattdessen besteht der einzige Weg, wahren Frieden und Erfüllung zu finden, darin, in jedem Moment präsent zu sein.

Obwohl es ein so einfaches Konzept zu sein scheint, kann es manchmal schwierig sein, es anzuwenden. Zu lernen, wie man sich auf den gegenwärtigen Moment, das Hier und Jetzt, konzentriert, ist wie einen Muskel mit Zeit, Übung und Geduld zu stärken. Praktiken wie Meditation, Atemarbeit oder Yoga Nidra sind nützlich, um im Laufe der Zeit präsenter zu werden.

Wenn ich durch die in den Medien präsentierte Negativität Erschöpfung fühle, so ist es eine weitere Erinnerung für mich, das Mobiltelefon wegzulegen und mich wieder mit dem zu verbinden, was gerade vorhanden ist. In meinem Buch „Hawaiianische Wiedergeburt“ teile ich, dass wir, wenn wir uns mit der Natur verbinden, energetische und spirituelle Unterstützung zum Prozess der Wiedergeburt erhalten.

Wenn du mit den Elementen der Natur – dem Wasser, dem Holz, dem Feuer, der Erde und dem Metall – vollständig präsent sind, kannst du dich von jeglicher Negativität befreien und deine natürliche Verbindung mit der Energie des Wohlbefindens wiederherstellen, die in Wäldern, Ozeanen, Flüssen und Bergen so reichlich vorhanden ist. Ich lade dich ein, dir auch etwas Zeit ohne die überwiegend negativen News in den Medien zu nehmen und dich wieder mit der Natur, mit dir selbst und letztendlich mit der Quelle des Seins verbinden.

Durch bewusstes Atmen wirst du gegenwärtig, die Energien durch dich fliessen zu lassen und sie in die Erde zu erden. Visualisiere danach, wie der Phönix, der Sonnenvogel, alle chaotischen Energien in dieser Welt als Katalysator für grosse Veränderungen, in Kraft und Erneuerung in deinem Leben und in der Welt umwandelt.

 

Yves Nager ist in Spiez BE aufgewachsen. Nach einer jahrzehntelangen Karriere im Bereich Personalmanagement, Unternehmensberatung, sozialer Arbeit und Sozialversicherungen hat er bei seinem ersten Besuch auf Hawaii 2008, eine wundersame Heilerfahrung erlebt. Heute lebt er als Heiler, Erfolgsautor, Weltentdecker mit seiner Frau Eunjung auf Hawaii. Seine Erfahrungen beschreibt er in seinem neuen Buch „Hawaiianische Wiedergeburt“. 

Dieser Beitrag ist zuerst auf seinem Blog erschienen.

Corona Rettungs- und Hilfspakete – Die Guten, die Bösen und die Hässlichen

Roman Gaus
02 Jul 2020

Weltweit werden 7,3 Billionen Dollar für Covid-19-Notfallrettungs- und Hilfspakete ausgegeben. Unternehmer Roman Gaus fragt sich, inwieweit diese Investitionen im Einklang stehen mit wirksamen Klimaschutzmassnahmen. Er macht zwei nachhaltige Zielbereiche aus. 


Das Schweizer Parlament hat fast 60 Milliarden Franken für Covid-19-Notfallrettungspakete bereitgestellt. Das sind perspektivisch fast 10 Prozent des nationalen BIP. Eine erstaunliche Zahl. Die Schweiz hat fast 20 Jahre gebraucht, um den Schuldenstand auf diesen Betrag zu senken. Nun wurde alles innerhalb weniger Wochen rückgängig gemacht. Der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer sagte, dass „meine Taschen jetzt wirklich leer sind“. Und das ist die Schweiz, eines der reichsten Länder der Welt. Zukünftige Generationen werden die Rechnung für diese fiskalischen Massnahmen bezahlen müssen.

Die Oxford Smith School of Enterprise and the Environment hat jetzt ein bahnbrechendes Arbeitspapier veröffentlicht, das sich mit den Auswirkungen der Covid-19-Fiskalpakete und ihrer Beziehung (Beschleunigung/Verzögerung) zum Klimawandel befasst. Es ist eine hochinteressante Lektüre. Ich möchte kurz einige persönliche Anmerkungen machen.

Das sagt die Studie

Die Studie enthält eine eingehende Analyse der Einschätzung von 230 Politikexperten zu über 700 verschiedenen Arten von Konjunkturpaketen. Im Grossen und Ganzen unterscheidet die Studie zwischen zwei Arten von Massnahmen; erstens Hilfsmassnahmen („Erste Hilfe“), die der Wirtschaft unmittelbare Unterstützung bieten, wie direkte Bereitstellung von Grundbedürfnissen, gezielte Geldtransfers und nicht an Bedingungen geknüpfte Rettungsaktionen, wie für Fluggesellschaften, oder Steuerstundungen. Zweitens gibt es konjunkturfördernde Massnahmen, bei denen es sich um längerfristige Strategien mit einem Multiplikator für die Wirtschaft handelt.

Die guten („grünen“), die schlechten („farblosen“) und die hässlichen („braunen“) Massnahmen

In der Studie wurden die Auswirkungen dieser Politiken auf ihren Einfluss auf den Klimawandel kartiert, und es wird geschätzt, dass nur 4 Prozent der Politiken wirklich „grün“ sind, das heisst das Potenzial haben, die langfristigen Treibhausgasemissionen zu reduzieren. 92 Prozent sind „farblos“ und erhalten im Grunde nur den Status quo.

Erwünschte und nicht so erwünschte langfristige Auswirkungen auf das Klima und die Wirtschaft

Da die meisten Hilfspakete erst jetzt in Kraft treten werden, wäre es interessant, die höchsten positiven Umweltauswirkungen zu ermitteln. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass „in der Zielgruppe die wünschenswertesten Massnahmen zur Wiederherstellung ... Investitionen in das Gesundheitswesen, Katastrophenvorsorge, Ausgaben für saubere Forschung und Entwicklung, nicht für Profit-Rettungsaktionen und Investitionen in die Infrastruktur für saubere Energie waren“. Insgesamt war die Meinung über das Klimaauswirkungspotenzial der Politik in allen Gruppen am wenigsten umstritten, während die Geschwindigkeit der Umsetzung am umstrittensten war. Bedeutung: Es ist relativ einfach, einen positiven Nutzen für das Klima zu erkennen, aber in Ermangelung eines kurzfristigen Nutzens könnten die politischen Entscheidungsträger ihn nicht umsetzen. Etwas zu tun, das einen kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzen hat, könnte die Finanzierung guter, langfristiger Projekte für das Klima sogar gefährden.

Dinge wie Steuererleichterungen für die Industrie für fossile Brennstoffe oder nicht-kontingentierte Rettungspakete für Fluggesellschaften helfen dem Klima offensichtlich nicht. Wenn die Dinge wieder in Gang kommen, wird die Wirtschaft einfach wieder in alte Bahnen zurückkehren und die Emissionen werden wieder steigen. Was wäre also die beste Mischung aus positivem Klima und Covid-19-Rettungsprogrammen? Hier sind meine persönlichen Top 2, die auch kurz- und langfristige Möglichkeiten für die Wirtschaft schaffen und dem Klima helfen würden. 

1) Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen

Ich denke ernsthaft darüber nach, ein neues Auto zu kaufen oder den Leasingvertrag für mein jetziges Auto (vier Jahre alt, 60'000 Kilometer) zu verlängern. Ich bin sehr überzeugt, dass ich entweder voll elektrisch oder zumindest mit Plug-in-Hybridantrieb fahren werde. Der wichtigere Faktor: Meine Frau :-). Ein Kaufanreiz für ein Elektroauto könnte deshalb für uns eine zeitgemässe Massnahme sein, um die richtigen Kaufentscheidungen zu treffen. Angesichts des Einbruchs der Ölpreise sieht der Kauf von normalen Benzinern im Moment wirtschaftlich gesehen viel günstiger aus. Aber raten Sie mal, was meine Garage sagt: Anscheinend sind bis auf Weiteres alle Superb-Plug-ins erst ab 2021 wieder verfügbar. Anscheinend verwendet der Hersteller seinen Kohlenstoffausgleich zuerst in der EU, bevor er Autos in Nicht-EU-Länder liefert.

Ein Anreiz für Elektrofahrzeuge könnte trotzdem dazu beitragen, eine schnellere Akzeptanz von Menschen wie mir zu erreichen, die ernsthaft auf der Suche nach einem Elektroauto sind.

2) Nachrüstung zur Energieeffizienz – Erweiterung der laufenden und neuen Programme

Ich lebe in einer Wohnbaugenossenschaft. Im vergangenen Jahr haben wir eine brandneue geothermische Anlage installiert, die das ganze Jahr über saubere und kostengünstige Heizenergie für die gesamte Nachbarschaft liefert. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass solche Energieeffizienzprogramme „die naheliegendste Option für eine schaufelfertige, lokale grüne Investition sind“. Die Auswirkungen wären langfristig und auch aus klimatischer Sicht signifikant. Was würde unsere Regierungen davon abhalten, die derzeitigen Anreizprogramme in Energieeffizienz jetzt deutlich zu verstärken? Sie helfen der lokalen Wirtschaft, schaffen Arbeitsplätze und ermöglichen einen sinnvollen Übergang in eine nachhaltigere Zukunft.

Was tun wir im Hinblick auf langfristige Klimaschutzmassnahmen für einige der am stärksten betroffenen Sektoren? Das Argument, weiter gutes Geld nach schlechtem für „gestrandete Vermögenswerte“ auszugeben.

Einige der am stärksten von Covid-19 betroffenen Schweizer Sektoren wie der Alpentourismus oder Wintersportanlagen werden gerettet, um verlorene Einnahmen auszugleichen. Aber langfristig ist klar, dass die globale Erwärmung einen bedeutenden Einfluss auf den Alpentourismus haben wird. Werden wir in 20 Jahren in weniger als 3000 m Höhe Ski fahren können? Es wird eine Menge „gestrandeter Vermögenswerte“ von Skiliften und Wintersportinfrastrukturen geben. Wie werden wir dem Sektor helfen, ohne gutes Geld nach schlechtem zu investieren?

Roman Gaus ist Nachhaltigkeits-Unternehmer in unterschiedlichen Sektoren und berät Investoren und Start-ups im Bereich Wachstum und Strategie. Er lebt verheiratet in Zürich und hat zwei Jungs, die sich ebenfalls für ein Elektroauto entschliessen würden. 

Der Text ist zuerst auf LinkedIn erschienen.

In Gärtnerdörfern liegt die Siedlungszukunft

Ralf Otterpohl
01 Jul 2020

Wohlstand für alle ist möglich. Das ist die These des Siedlungswissenschaftlers Ralf Otterpohl. Doch dies sei nur machbar, wenn viele Menschen eine Art neuer Dörfer aufbauten und bereit seien, ihre komplette Lebensweise zu ändern. 


Nach über 15 Jahren Forschung zu ländlicher Entwicklung und Projekten in vielen Teilen der Welt kann ich inzwischen sagen, dass alles für ein Leben in Wohlstand für alle da ist. Es braucht aber sehr viele Menschen, die an besonders lebenswerten Welten aktiv mitwirken. Die Stadt allein hat keine Zukunft! 

Ein zukunftstauglicher Bauernhof besteht aus vielleicht hundert Minifarmen, so setzt sich das sogenannte Neue Dorf zusammen. Selbständige Teilzeit-Gärtner produzieren in eigenen Gärten mit interessanter Nachbarschaft hochwertige Lebensmittel und bauen Humus auf. Sie haben vielfältigen Tätigkeiten, ein gutes Auskommen – sie sind unabhängig und selbstbestimmt. Es gibt wesentliche Zusammenhänge von gesundem Boden, Grundwasserneubildung, Gesundheit, Gehirnfunktion, Glück und lokalem Klima.

Humus, lebendiger Boden, ist unsere Lebensgrundlage. Der Erhalt und Wiederaufbau von lebendigem Boden erfordert Millionen von Menschen. Humusaufbau sorgt für hohe Produktivität, sichert die Wasser- und Lebensmittelversorgung und ein ausgeglichenes Klima. Das Klima hängt weitgehend vom Humus und der Pflanzendecke ab. Die vielfältigen Kleinbetriebe der Neuen Dörfer versorgen mit professionellem Vertrieb auch die Stadt mit Versorgungssicherheit und vermeiden weite Transportwege. Mit bio-intensiven in hoher Pflanzenvielfalt betriebenen Gartenbaubetrieben kann wunderbare Natur und ein Auskommen erreicht werden. Damit es kein Hamsterrad wird, empfehle ich zwei bis drei unterschiedliche Tätigkeiten, Gartenbau in Teilzeit. 

Viele Menschen können neben der eigenen Minifarm einen Anteil an einem Weiterverarbeitungsbetrieb, der Herstellung von Haushaltschemikalien, einer Tischlerei oder an einem Betrieb für Elektrogeräte- und Fahrzeugen haben. Wenn es mindestens 150 BewohnerInnen gibt, ist auch Bedarf für Lehr-, Heilberufe, Vertrieb, Transport und viele weitere Dienstleistungen. Kultur wird aktiv betrieben, die Bühne ist zugänglich. Kinder wachsen in und mit der Natur auf. Für Ältere gibt es bei Bedarf häusliche Pflege von Fachkräften aus der Nachbarschaft, die diese oft schwere Arbeit durch Teilzeit und persönlichen Bezug auch besser mit Freude verrichten können. 


Ralf Otterpohl ist Professor an der Technischen Universität Hamburg und leitet dort das Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz sowie die Arbeitsgruppe „Ländliche Entwicklung“. Durch die Forschung zu Terra Preta Sanitation konnten Wege zur effizienten Humusproduktion aufgezeigt werden. Seit etwa zwanzig Jahren lehrt er für Studierende aus aller Welt Ländliche Entwicklung.

Vortragsreise zum Buch: 
Ralf Otterpohl: Das Neue Dorf – Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren (oekom verlag), Vortragsreise in der Schweiz 7. bis 17. August 2020 Termine in Gartenring.org.

Städte im Klimawandel brauchen Grünflächen

Katharina Conradin
29 Jun 2020

Immer neue Klimaanalysen machen deutlich, was der gesunde Menschenverstand längst weiss: Städte brauchen Bäume, Gewässer und unversiegelte Flächen. Politiker und Behörden sollten endlich handeln, schreibt Katharina Conradin.


Der Klimawandel ist Realität – und ebenso die Tatsache, dass es deshalb in den meisten Städten im Sommer immer heisser wird. Sommerliche Hitzewellen mit Temperaturen von fast 40 Grad Celsius sind zur Regelmässigkeit geworden. 

Die meisten Städte sind mittlerweile in Bezug auf die Anpassung an den Klimawandel aktiv geworden. Eine Strategie, die dabei heraussticht, ist die Erstellung einer Klimaanalyse. Mittels hochaufgelöster Messungen werden aktuelle „Hotspots“ abgebildet, Kaltluftströme visualisiert und berechnet, wo es in Zukunft noch wärmer werden wird. 
Behörden benutzen diese Klimaanalysen als Handlungslegitimation, denn sie stellen – für alle sichtbar – dar, was wir längst wissen: Es ist heiss in den Städten. Die Hitze staut sich in den dicht bebauten, versiegelten Flächen im Zentrum. Der Luftaustausch ist beschränkt, wo dichte Bauten ihn abriegeln. Gewässer kühlen tagsüber und wirken in der Nacht temperaturregulierend. 

Je länger man also über diese Analysen nachdenkt, desto offenkundiger wird: Die zusätzlichen Erkenntnisse durch diese aufwändigen „Rechenspiele“ sind marginal. Wer selbst einmal an einem heissen Sommertag über den neu gestalteten Sechseläutenplatz läuft, braucht kein Messgerät, um festzustellen, dass es dort unerträglich heiss ist. Wer schon einmal einen Abendspaziergang entlang des Seebeckens gemacht hat, weiss um die erfrischende Wirkung des Windes, der vom See her weht. 

Auch die Massnahmen liegen auf der Hand: Kühl(er) ist es, wo beschattet wird, wo es grün ist wird, wo für genügend Luftaustausch gesorgt wird und wo versiegelte Oberflächen aufgebrochen werden.

Die Zeit drängt. So sehr, dass wir sie nicht mit noch weiteren Analysen und Recherchen vergeuden sollten. Und so sind diese Klimaanalysen eine Krux – und vielleicht doch ein Lösungsbeitrag: Sie sind die Krux, weil wir, um endlich aktiv zu werden, schon längst keine zusätzlichen Daten mehr brauchen. Und sie sind vielleicht doch Teil der Lösung, weil sie, den Parlamenten, StadtplanerInnen und Behörden in nicht zu übertreffender Deutlichkeit aufzeigen: Handelt! Jetzt!

Katharina Conradin ist promovierte Geographin, Beraterin bei der seecon gmbh und seit 2014 Präsidentin der internationalen Alpenschutzkommission CIPRA.

Als lebendiger Verein lässt sich die Krise meistern

Rolf Arni
26 Jun 2020

In Berns ältestem Musikclub, der Mahogany Hall, ist es seit März still – und das wird es noch einige Wochen bleiben. Dabei gibt es laut dessen Finanzverantwortlichem Rolf Arni einen Vorteil: Durch die Organisation als Verein kann die Mahogany Hall auf grosse Solidarität bauen.


In der Mahogany Hall – Berns ältestem Musikclub beim Bärenpark – wurden die Corona-Auswirkungen bereits Ende Februar spürbar, als ein Veranstalter von Tanzabenden kein Risiko eingehen wollte und alle kommenden Anlässe absagte. An der Fasnacht führten wir noch gut besuchte Konzerte durch, bei welchen wir die Personalien der Gäste erhoben und nach kürzlichen Aufenthalten in heiklen Ländern fragten. So musste eine Besucherin zurückgewiesen werden, die sich noch Tags zuvor in Italien aufhielt – ihre Tochter sogar in Mailand, allerdings negativ getestet. Nach weiteren Konzerten mit deutlich reduzierten Gästezahlen schlossen wir dann wie alle anderen Clubs am 13. März das Lokal – zwei Stunden vor Eintreffen der Band zum Soundcheck zu ihrer CD-Taufe.

Im April und Mai waren wir damit beschäftigt, für unsere auslaufenden Vorräte Abnehmer zu finden und uns auf eine Wiedereröffnung im Juni vorzubereiten. Zudem traf sich ein Teil der cirka hundert HelferInnen via Zoom zu einem Brainstorming, aus welchem allgemeine, neue Ideen für den Betrieb resultierten. Für Juni sagten dann viele der vorgesehenen Acts ab – sie befürchteten das Ausbleiben ihrer Fans wegen der angedrohten Quarantäne, sollte sich ein Corona-Fall nach dem Konzert unter den Gästen ergeben. So bleibt das Lokal mindestens bis Ende Juli, voraussichtlich sogar bis Ende August geschlossen.

Wie haben wir das verkraftet? Die Mahogany Hall hat als Verein das Glück, auf viele freiwillige HelferInnen zählen zu können und hat in der Liegenschaftsverwaltung Bern eine verständnisvolle Vermieterin. Zudem erhielten wir einen Zustupf des Kantons, so dass wir zuversichtlich nach vorne schauen können. In der Sommerpause hoffen wir noch auf einige Mieter, die das Lokal dieses Jahr zu günstigeren Konditionen für Privat- und Firmenfeiern mieten werden.

Die kommende Zeit werden wir nutzen, um die Mahogany bezüglich Infrastruktur und Schutzmassnahmen auf Vordermann zu bringen, hoffen dabei, dass der Hunger auf Live-Konzerte bei den Gästen auf September hin spürbar wird und sie gewillt sind, KünstlerInnen und VeranstalterInnen mit ihren Besuchen zu unterstützen.


Alle Infos und Konzerte findet man auf www.mahogany.ch.
 

Rolf Arniist unter anderem Co-Gründer des Impact Hubs in Bern und Finanzverantwortlicher der Mahogany Hall. Sein Interesse gilt der Automatisierung, Remote Work, Business Creation sowie Fotografie und Musik.

Warum Konformisten und Disruptoren sich brauchen

Fabian Feutlinske
25 Jun 2020

Wir können von der Natur lernen, der Menge zu folgen und den eigenen Weg zu gehen. Dabei geht es laut dem Neurowissenschaftler und Unternehmer Fabian Feutlinske um ein cleveres Geben und Nehmen in einem sozialen Gefüge. Die Stichlinge machen es vor.


Eine Studie mit Stichlingen in Nature Communications hat gezeigt, wie der Kompromiss zwischen dem Ausbrechen aus dem Schwarm und dem Nutzen von Konformität funktionieren kann. 

Individuen haben unterschiedliche Motivationen und Ziele. Sie müssen mit denjenigen aller anderen Individuen in Einklang gebracht werden, um die Vorteile zu schaffen, die ein Schwarm bietet: Schutz, Effektivität, das Teilen von Information. Konformität, also das Befolgen von Regeln, sichert das Überleben. Die Disruption, also das Brechen dieser Regeln, erlaubt es dem Einzelnen, den Erfolg für sich in Anspruch zu nehmen. Das gilt für Stichlinge ebenso wie den Homo oeconomicus. 

Fische, oder eben Personen, die bisherige Konformität durchbrechen, eröffnen neue Horizonte auf Nahrungsquellen, neue Märkte oder Trends. Ein Schwarm, der ständig in eine Richtung schwimmt, egal wie schnell und effizient, verpasst neue Nahrungsquellen oder endet im Maul eines Räubers. Auf der anderen Seite ist ein Stichling, ebenso wie auch ein Experte, der die Regeln biegt und bricht, um zu experimentieren, viel anfälliger dafür, auf die gleiche Weise in den Tiefen des wirtschaftlichen Sees zu verschwinden. 

Interessanterweise war der Fisch, der eine Nahrungsquelle in den Experimenten zuerst entdeckte, nicht unbedingt derjenige, der sie auch zu fressen bekam. Die Gruppe erreichte die Nahrungsquelle früher. In Organisationen oder anderen sozialen Gruppen brauchen wir also die Innovatoren, um neue Wege zu gehen. Aber wir werden sie unterstützen müssen, um nicht aus Mangel an Ressourcen oder Wertschätzung zu verhungern.

Kooperation und Eingliederung in ein System ist alles. Und innerhalb dieses Systems erfolgt ein ständiger Tanz zwischen Disruption und Konformität. Wir arbeiten daran, einen solchen Expertenschwarm aufzubauen. Wenn Sie mehr erfahren möchten, lesen Sie doch den ganzen Artikel auf https://medium.com/@cobiom/the-balance-of-conformity-and-disruption-48661dc8b141.


Dr. Fabian Feutlinske ist ein Serial Entrepreneur, Systemiker, Neurobiologe und Berater. Er beschäftigt sich mit dem Thema was Menschen zusammenarbeiten lässt, um höhere Ziele zu erreichen. Dafür baut er mit seinem Start-up COBIOM eine Plattform, auf der ein Expertenschwarm Nachhaltigkeitsprobleme in Unternehmen und im sozialen Bereich löst - und dabei von Kooperation statt Konkurrenz profitiert.


Dieser Text ist zuerst und in ungekürzter Form auf LinkedIn erschienen.

Wie viel gibt 10’000 mal zwei Meter Abstand?

Denis Jeitziner
24 Jun 2020

Über 50 Momentaufnahmen in knapp drei Monaten: Die Macher von 2m-abstand.ch haben in kürzester Zeit Porträts von ganz verschiedenen Persönlichkeiten publiziert. Laut Mitinitiator Denis Jeitziner ist das Ziel, ein Zeitdokument zu erstellen – letztlich auch in Buchform.


Innert einer Woche war alles bereit. Die Website 2m-abstand.ch, eine Liste mit weit über hundert möglichen Protagonisten, die fünf Social-Media-Kanäle, die bespielt wurden und natürlich die Macher mit spitzer Feder und dem Auge für das gewisse Etwas.

Seither haben sich bekannte, aber auch weniger bekannte Persönlichkeiten zu 2m-abstand.ch bekannt. Beispielsweise NHL-Star Roman Josiaus seiner zweiten Heimat Nashville. Die Berner Spitex-Betreuerin Amina Tahar-chaouch oder Radiomoderator Adi Küpfe. Aber auch Globetrotter-CEO André Lüthi, die Apothekerin Eva Maria Franz, die Skirennfahrerin Michelle Gisin und SRF-USA-Korrespondent Peter Düggeli– live aus Washington DC. Dokumentiert wurde ein bunter Strauss von Geschichten aus aller Welt. Schicksale, eindrückliche Erlebnisse, Erfahrungen, Frust, Chancen und Freuden.

Und die Geschichte ist noch nicht fertig geschrieben, die Corona-Krise noch nicht ausgestanden: Bereits über 10’000 Leute haben die Website 2m-abstand.ch bisher angeklickt, Tausende haben die Posts auf den fünf verschiedenen Social Media-Plattformen registriert, sie geliked und geteilt.

2m-abstand.ch ist ein nicht kommerzielles Projekt mit dem Ziel, ein wertvolles Zeitdokument zu erstellen, das diese historischen Momente festhält – am Ende ist geplant, alle Geschichten in Form eines Buchs zu publizieren. Hinter 2m-abstand.ch stehen Fotograf Remo Neuhaus, Texter Denis Jeitziner, Grafiker Samuel Dunkel, Videograph Christian Aebi sowie Social Media Experte Luca David.


Denis Jeitzinerist seit fast 30 jahren als Journalist sowie Texter und Konzepter im Einsatz. Als Autor hat er zehn Bücher geschrieben – unter anderem zahlreiche Porträtbücher, einen Krimi oder ein Buch über das Wallis – wo auch seine Wurzeln liegen. Denis Jeitziner ist Inhaber von Amber Kommunikation AG und lebt und arbeitet in Bern.

„Mañana“ – ein Plädoyer für das Aufschieben!

Christoph Hunziker
23 Jun 2020

In der Corona-Zeit haben wir erledigt, was lange liegen geblieben war. Doch Innovationsexperte Christoph Hunziker von der Mobiliar kann dem Aufschieben viel Positives abgewinnen. Grosse, radikale Ideen könnten hieraus entstehen.


Der Lockdown wurde von vielen genutzt, um lang Aufgeschobenes zu erledigen. Den Keller endlich wieder mal räumen. Die digitale Fotosammlung ordnen. Das Buch, welches schon so lange ungelesen auf dem Nachttisch lag, endlich lesen. Das Aufschieben dieser Aktivitäten darf man wohl getrost als weit verbreitetes Mainstream-Aufschieben bezeichnen. Dem gegenüber steht das negativ konnotierte Aufschieben alltäglicher Dinge, sei es beruflich oder privat.

Der Aufschieber: In unseren Breitengraden gemeinhin von der Gesellschaft geächtet als faul, unzuverlässig und ohne den nötigen Antrieb. In anderen Weltregionen, namentlich in Lateinamerika, ist das Aufschieben schon fast Teil der Kultur und Identität. „Mañana“, also morgen, ist der Tag, an dem die meisten Dinge erledigt werden.

Unsere traditionell negative Sicht auf das Aufschieben vernachlässigt einen wichtigen Punkt: Während das notorische Aufschieben vieler Dinge aus Mangel an Fokus, Antrieb oder auch Kenntnissen erfolgt und zu einer reduzierten Produktivität führen mag, gibt es auch Aufgaben, die durch Aufschieben veredelt werden. Diverse Studien belegen nämlich, dass Aufschieben ein echter Kreativitätsbooster sein kann!

Das macht Sinn: Einerseits gewinnt man in der Zeit des Aufschiebens neue Inspirationen und Erkenntnisse. Anderseits lässt man beim Aufschieben von Dingen gerne auch mal die Gedanken abschweifen und dieses Tagträumen ist erwiesenermassen eine weitere Quelle von oft grosser Kreativität. Während das Hirn beim bewussten, fokussierten Denken auf bekannte Denkmuster und bestehendes Wissen zurückgreift, entstehen beim diffusen Denken für das Hirn unbekannte Denkmuster durch neue Verbindungen von Nervenzellen, die über neue Pfade verlaufen. Das Resultat daraus können grosse, radikale Ideen sein.

Gerade Wissensarbeiter sind oft mit konzeptionellen Tätigkeiten beschäftigt. Nehmen wir zum Beispiel das Schreiben eines Textes oder das Erstellen einer Präsentation, was oft eine längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Dabei neigt man instinktiv dazu, einen Arbeitsabschnitt möglichst mit einem Teilergebnis zu beenden. Versuchen Sie mal, entgegen diesem Instinkt, bewusst einen Text mitten in einem Satz oder eine Visualisierung halb fertig stehen zu lassen. Bei unfertigen Dingen arbeitet das Hirn unbewusst daran weiter und die Idee wird herumgewälzt, auf der Suche nach neuen, kreativen Ansätzen.

Gerade für Leute, die Dinge gerne sofort anpacken, kann es ein „eye-opener“ und eine kreative Offenbarung sein, eine Aufgabe einfach mal unfer
 

Dieser Beitrag ist u.a. inspiriert durch folgende Artikel in der NYT und auf Canva.
 

Christoph Hunziker ist Leiter Innovation bei der Mobiliar. Er beschäftigt sich seit fast 20 Jahren leidenschaftlich mit Innovationsmanagement und kreativen Prozessen. Trotz verhinderter Journalistenkarriere hat er die Freude am Schreiben beibehalten.

Unternehmen werden daran gemessen, ob sie Verantwortung übernehmen

Sylvie Merlo
22 Jun 2020

Mehr als ein Geschäftsmodell: Konzepte, mit deren Hilfe Unternehmen Verantwortung übernehmen. Doch dafür müssten diese über das Kerngeschäft der Profitorientierung hinaus gehen, sagt Kommunikationsspezialistin und -beraterin Sylvie Merlo.


Nicht nur Individuen, sondern auch Kooperationen und Kollektive können als verantwortungsfähige Akteure zur Rechenschaft gezogen werden. Denn in der Regel basieren deren Handlungen auf geteilten Zielen und koordinierten Abläufen. Ausserdem geht einer Gruppenverantwortung immer eine individuelle Verantwortung der einzelnen Gruppenmitglieder voraus. Sobald aber die individuelle Verantwortung auf die Gruppe übergeht, wird die Gruppe als Ganzes verantwortlich und nicht mehr das Individuum. Aus diesen Gründen können Unternehmen als Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft sehr wohl im Sinne eines Individuums, beziehungsweise einer Kooperation, für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden (vgl. Neuhäuser).

Unter Unternehmensverantwortung oder Corporate Social Responsibility verstehe ich die Verantwortung, die ein Unternehmen gegenüber allen relevanten Stakeholdern, das heisst innerhalb und ausserhalb des Unternehmens, wahrnimmt. Und dies in sozialer, ökonomischer, ökologischer und politischer Hinsicht. Dabei geht es in erster Linie um freiwillige sowie sozial und ökologisch sinnvolle Unternehmensaktivitäten, die über das Kerngeschäft der ökonomischen Profitorientierung hinausgehen und einen Mehrwert für die Gesellschaft bilden.

Unklarheit besteht jedoch hinsichtlich der normativen Massstäblichkeit von CSR-Projekten. Wann ist ein CSR-Projekt ein reiner Business Case oder welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein solches Projekt auch sozialer und ökologischer Unternehmensverantwortung zugerechnet werden kann, ohne Gefahr zu laufen als sogenanntes Green- oder White-Washing  enttarnt zu werden?

Wie glaubwürdig und konsequent ist das CSR-Engagement? Ist es strategisch verankert und Teil der Firmenkultur? Leistet das Unternehmen damit einen echten Beitrag für die Gesellschaft und Umwelt? Kann es damit gegenüber ihren Stakeholdern Vertrauenskapital bilden und Erfolg haben?

Mit diesen Fragen versuche ich jeweils in Erfahrung zu bringen, ob die CSR-Strategie einer Firma glaubwürdig ist und im Sinne der Modelle „Creating Shared Value“ und „From Profit to Purpose“ verantwortungsvoll handelt. Zeichnet sich eine Organisation zudem durch eine vorbildliche moralische Haltung im Sinne der Tugendethik oder „Corporate Virtue“ aus (vgl. Porter und Kramer), dann steigt mein Vertrauen. Ausserdem ist es wahrscheinlicher, dass ich dieses Unternehmen weiterempfehle oder von ihm etwas beziehe.

Es lohnt sich also für Unternehmen, Verantwortung gegenüber ihren Stakeholdern zu übernehmen und mittels Kompetenz und Ethik die immateriellen Vermögenswerte zu steigern.


Sylvie Merlo berät und begleitet als Kommunikationsspezialistin und Sparringspartnerin Unternehmen und Organisationen, die sich mit innovativen Lösungen für eine enkeltaugliche Welt engagieren. Als Mitbegründerin von Swiss Business + Disability Networkengagiert sie sich für eine gerechtere Arbeitswelt mit mehr Diversität und Teilhabe – auch für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

 

Quellen:

Neuhäuser, Christian. 2016.Unternehmensverantwortung. Handbuch Verantwortung. Springer Reference.

Porter, M.E., und M.R. Kramer. 2011.Creating Shared Value. Harvard Business Review89(1/2): 62-77. Zit. n. Shanahan, Ford und Peter Seele. 2017.Creating Shared Value. Looking at Shared Value Through an Aristotelian Lens. Creating Shared Value – Concepts, Experience, Criticism:S. 141.

Ablasshandel rettet das Klima nicht

Hans-Peter Schmidt
18 Jun 2020

Es gibt eine günstige, global realisierbare Methode, CO2 aus der Luft zu binden und dauerhaft in Materialien und im Boden zu speichern, schreibt Hans-Peter Schmidt. Doch statt die Pyrolyse von nachhaltig erzeugter Biomassen zu fördern, subventionieren die Staaten fossile Treibstoffe und klimaschädliche Landwirtschaft. 


1517 hat Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlicht und damit der päpstlichen Kirche ein sagenhaftes Geschäft verdorben. 2020 produziert der durchschnittliche Europäer 10 Tonnen eines Gases, welches das Klima auf Erden über zehntausende Jahre verändern wird. Um der Industrie, der Landwirtschaft und dem Konsum nicht die Laune durch Schuldgefühle zu verderben, gibt es wieder einen Ablasshandel. Um weiter grossspurig Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen, spendiert man hungerleidenden Afrikanern billige Blechkocher, die deren Emissionen beim Kochen am offenen Feuer um fast die Hälfte reduzieren. Oder sie bezahlen mit jedem Klick auf eine Suchmaschine das Pflanzen des 80. Teils eines Baumes. Natürlich, solcher guter Wille und Geld helfen, aber wir können das Klima nicht mit Tropfen auf heisse Steine retten. 

Ohne die Anlage von veritablen Kohlenstoffsenken, die dauerhaft Kohlenstoff speichern, der aktiv aus der Atmosphäre entzogen worden ist, lässt sich das Klima und damit die Menschheit nicht retten. 

Eine der wichtigsten Technologien auf diesem Weg in die klimaneutrale Zukunft ist die Pyrolyse von Biomassen, die in Ergänzung zur Nahrungsmittelproduktion mit hoher Biodiversität CO2 aus der Atmosphäre entzieht. Doch obwohl die Regierungen keine Skrupel kennen, den Klimawandel mit direkten und indirekten Subventionen für fossile Brennstoffe, intensive Tierhaltung und konventionelle Landwirtschaft zu fördern, finden sie mit fadenscheinigen Argumenten, dass die einzige schnell umsetzbare Technologie, die zudem frei von schädlichen Nebenwirkungen ist, dem Volk, dem Boden und dem Klima keinen Nutzen bringen könne. 

Wir können uns nicht freikaufen von unserem Lebensstil und unserem Erbe. Es gibt keinen Zinseszins auf die Schuld, die wir unbewusst auf uns geladen haben. Aber wir können den Mut fassen, vorurteilsfrei das Neue zu durchdenken, das das Genie des Menschen uns zur Rettung in die Hand und auf die Zunge legt.    

Hans-Peter Schmidt ist Gründer und CEO des Ithaka-Instituts in Arbaz VS. Er ist einer der Pioniere der Nutzung von Pflanzenkohle für die Eindämmung des Klimawandels.

Warum die nachhaltige Fischerei ein nationales Zentrum braucht

Adrian Aeschlimann
17 Jun 2020

Fischen boomt – gerade in Corona-Zeiten. Dabei ist vieles, was unter Wasser abläuft, einem grösseren Publikum nicht bekannt. Ein Schweizer Fischzentrum soll das ändern, sagt Adrian Aeschlimann, Geschäftsführer des Schweizerischen Kompetenzzentrums Fischerei SKF.


Nachdem der Bundesrat Mitte März das Leben in der Schweiz heruntergefahren hatte, entdeckten viele Fischerinnen und Fischer ihr Hobby wieder, fanden aber ihren Ausweis nicht mehr. Somit mussten sie beim Netzwerk Anglerausbildung einen Ersatz bestellen, und bei uns liefen die Drähte heiss. Zudem werden die nun wieder angelaufenen Kurse zur Erlangung eines „Sachkundenachweises Fischerei“ von Neufischern schier überrannt.

Wer möchte es ihnen verdenken? Fischen ist ein faszinierendes Hobby. Das Naturerlebnis ist garantiert, und es gibt kaum Besseres, um den Kopf zu lüften. Und in Zeiten der Abwehr ansteckender Viren lässt sich nirgendwo besser Abstand halten. Wer dann schliesslich auch einen schönen Fisch an der Angel hat und ihn nach den geltenden Tierschutzregeln behändigen kann, wird voller Zufriedenheit nach Hause kehren.

So viel zur Sonnenseite. In der Realität kehren die Fischerinnen und Fischer oft unverrichteter Dinge dem Gewässer den Rücken. Vor allem die sauerstoff- und kälteliebenden Arten wie Bachforelle oder Äsche leiden unter den steigenden Temperaturen in Folge des Klimawandels. Wasserkraftwerke versperren den Fischen den Weg, Pestizide und Mikroverunreinigungen belasten das Wasser, und mit dem Insektenschwund verringert sich auch das Nahrungsangebot.

Die rund 30'000 in den Vereinen und Verbänden organisierten Fischerinnen und Fischer bemühen sich seit Jahrzehnten um eine nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände. Sie pflegen mit viel Freiwilligenarbeit den Lebensraum der Fische, arbeiten eng mit den Behörden zusammen und setzen sich politisch für Verbesserungen ein. Als „Dividende“ für diese Pflege des Kapitals entnehmen sie den Gewässern nach strengen, staatlich vorgegebenen Regeln eine gewisse Anzahl Fische.

Fischen boomt und doch ist vieles, was unter Wasser abläuft, einem grösseren Publikum nicht bekannt. Auch die Leistungen der Fischerinnen und Fischer werden oft verkannt. Für uns ist darum klar: Gewässer und Fische benötigen mehr Schutz und die Fischerei mehr Sichtbarkeit. Zu diesem Zweck planen die organisierten Fischerinnen und Fischer am Moossee bei Bern ein nationales Zentrum für natürliche Gewässer, Fische und respektvolle Fischerei, kurz „Schweizer Fischzentrum“. Thematisiert wird das Fischen als Kulturtechnik, seine Geschichte und seine Zukunftsaussichten. Ein spezielles Augenmerk wird auf eine tierschutzgerechte und respektvolle Fischerei gelegt. In wechselnden Ausstellungen, Rundgängen, Lehrpfaden, Kursen und Schulungen lernen die Besucherinnen und Besucher die Schweizer Fischarten und ihre Lebensräume kennen und werden für die anstehenden Herausforderungen sensibilisiert. Auch Kochkurse sollen angeboten werden.

Primär soll das Zentrum ermöglicht und getragen werden von den Fischerinnen und Fischern in der Schweiz. Aber: Je breiter die Unterstützung desto besser. Helfen auch Sie mit, dem Zentrum zum Durchbruch zu verhelfen und den Gewässern, den Fischen und dem schönsten Hobby der Welt eine Zukunft zu sichern. Finanzielle und sonstige Unterstützung von allen Seiten ist hochwillkommen.


Weitere Informationen:
https://www.skf-cscp.ch/das-fischzentrum/ oder bei Adrian Aeschlimann, 031 330 28 07 / a.aeschlimann@skf-cscp.ch


Adrian Aeschlimann ist seit 2018 Geschäftsführer des Schweizerischen Kompetenzzentrums Fischerei SKF, welches unter anderem die Geschäftsstelle des Netzwerks Anglerausbildung betreibt. Zudem leitet er das Projekt zum Aufbau des „Schweizer Fischzentrums“. Vorher arbeitete er als Journalist und während 15 Jahren in unterschiedlichen Positionen beim Bundesamt für Umwelt BAFU, zuletzt als Projektleiter „Dialog Grüne Wirtschaft“. Zuweilen ist er auch mit einer Fischerrute an einem Gewässer anzutreffen.

Das liebe Geld

Christian Häuselmann
12 Jun 2020

Geld wurde vor tausenden Jahren als Tauschmittel erfunden. Jetzt verliert das liebe Geld seinen Sinn und Wert, auch als Erfolgsmassstab. Und zwar ziemlich rassig. Unternehmer Christian Häuselmann fragt sich, welche neuen Währungen diese Funktionen künftig übernehmen könnten.


Politik und Notenbanken, bisher aus gutem Grund strikte getrennt, spannen zusammen. Massiv orchestrierte Gelddruck-Programme sollen drohende Wirtschaftskrisen abwenden. Wir brauchen Geld, also drucken wir Geld. Rein ökonomisch ist dies natürlich etwas komplizierter, aber das ist der Mechanismus. Wer Gold braucht, druckt sich Gold. Wer ein Pferd braucht, druckt sich aus dem Nichts ein Pferd. Das heisst: Geld wird wertlos. Auch die unternehmerische Leistung, mit echter Arbeit und Innovationskraft echtes Geld zu verdienen, wird abgewertet.

In einem ersten Schub wurden auf Mitte April 2020 weltweit über 8'000 Milliarden an Geld gedruckt. Das sind immerhin 8 Millionen Millionen. Seither überschiessen sich die Gelddruck-Programme richtiggehend, per Ende Mai 2020 ist keine verlässliche Gesamtzahl mehr zu finden. 750 Milliarden hier, 1’350 Milliarden da, 3’000 Milliarden dort – die Anzahl der diskutierten Nullen und der angeschlagene Takt sind bemerkenswert. Zahlen aus China sind in diesen Summen nicht enthalten, wie üblich sind keine transparenten Informationen verfügbar. In der Schweiz wurden innert knapp drei Monaten rund 60 Milliarden neue Staatsschulden gemacht. Die Rückzahlung dauert nach ersten Berechnungen 30 Jahre. Ein feines Geschenk an unsere Enkelkinder, mit Liebe eingepackt und überreicht als Gesamtpaket zusammen mit der ungelösten Rentenfinanzierung, den ungedeckten AKW-Rückbaukosten und den Kosten zur Klimawandel-Schadensbegrenzung.

Nebst dem unbeschränkten Gelddrucken erfreuen wir uns seit der Finanzkrise 2008/09 – ausgelöst durch gierig gewordene Menschen im Banken- und Immobiliensektor – einer weiteren intelligenten Geld-Innovation: der Negativzinsen. Negativzinsen heisst: Wer Geld braucht, bekommt es kostenlos und – aus Dankbarkeit, dass es genommen wird – gibt es noch etwas Kleingeld obendrauf. Das ist so praktisch wie absurd. In der ganzen Geschichte der Menschheit hat es einen solchen Mechanismus noch nie gegeben.

Das unbeschränkte Gelddrucken und die surrealen Negativzinsen zeigen sehr reale Wirkungen. Die Börsen schiessen dank den aktuellsten Geldspritzen auf neue Allzeithochs zu. In Amerika sind zwar 40 Millionen Menschen arbeitslos, jede vierte erwerbstätige Person. Das scheint in den Aktienkursen gut eingepreist zu sein. In Deutschland ist Ende Mai sogar Wolfgang Schäuble eingeknickt, einer der glaubwürdigsten Wirtschafts- und Finanzpolitiker in Europa. Er unterstützt jetzt die Bundskanzlerin Angela Merkel im historischen Entscheid, dass sich Deutschland – also die deutschen Bürgerinnen und Bürger – direkt an der EU Schuldenwirtschaft beteiligt. Offen bleibt, ob Schäuble die Vorteile der sogenannten Neuen Ökonomischen Realität mit der unbeschränkten Verschuldung auf den Ebenen Staat, Unternehmen und Privatpersonen erkannt hat, oder ob dies eher als Verzweiflungsakt einzuordnen ist.

Privatpersonen fragen sich, was dies für ihre eigenen Anlagestrategien und die persönliche Vorsorge heisst. Für Unternehmende ist die Botschaft klar: Wer finanzielle Höchst-Risiken eingeht und sich so aufbläht, dass er sich bei den systemrelevanten Organisationen einreihen kann, wird bei einem drohenden Bankrott fast mit Sicherheit vom Staat und damit den Steuerzahlenden gerettet. Weil sonst das ganze Kartenhaus zusammenbricht. Darauf können jetzt die Verwaltungsräte, die Manager und die ganze Finanzindustrie ihre Wetten ausrichten.

Wir alle wissen, dass der Spruch unserer Eltern und Grosseltern nach wie vor stimmt: Gib nur den Franken aus, den Du ehrlich verdient hast. Nicht sehr sexy, aber wahr.

Hier vier Fragen, zum Anstossen einer kreativen Diskussion:

  1. Was soll die neue Währung sein, mit der wir Erfolg messen?
  2. Welche Geldform wird in Zukunft entstehen, die wieder ausschliesslich dem ursprünglichen Zweck als Tausch- und Zahlungsmittel dient?
  3. Wie bewerten wir Sinn, Vertrauen, Integrität und Zufriedenheit?
  4. Und wie trainieren wir die junge Generation, damit sie in Zukunft die harten Entscheide treffen kann, die wir heute einfach nicht zu treffen imstande sind?

Wir bleiben dran.


Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

Kommt das dicke Ende erst noch?

Michael Lünstroth
11 Jun 2020

Viele Kulturschaffende ächzen unter der Corona-Krise. Dass es danach besser wird, ist längst nicht ausgemacht. Denn: Neue Sparprogramme könnten auch die Kultur treffen. Laut Michael Lünstroth, Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch, wäre das gefährlich für die Szene.


Wenn es dumm läuft, behält Thomas Ostermeier am Ende recht. Bereits im April hatte der Theaterregisseur und künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne dunkle Wolken an den Himmel vieler Kulturschaffender und Kultureinrichtungen gezeichnet. „So wie man jetzt offenbar in den Krankenhäusern in Italien entscheiden muss, welche Kranken die lebensnotwendige Behandlung erhalten, fragt man sich vielleicht nach der Krise, welche Firmen und Institutionen man braucht und auf welche man verzichten kann", sagte Ostermeier damals der Süddeutschen Zeitung. Ergänzt mit dem angsterfüllten Satz: „Ich weiss nicht, ob die Politik dann alle Kultureinrichtungen retten will.“ Bumm. Das sass.

Tatsächlich reden ja auch in der Schweiz längst einige Politiker darüber, dass nach der Krise alle Ausgaben auf den Prüfstand müssten. Motto: Man müsse sich genau überlegen, was man sich dann noch leisten kann. In der Kultur kennen sie solche Sätze. Und die meisten von ihnen wissen, dass solche Aussagen auch sie irgendwann treffen können. So war es nach der Finanzkrise 2008/2009. So könnte es jetzt wieder kommen. Auch im Thurgau?

Die Abhängigkeit vom Lotteriefonds
 

Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf die Kulturfinanzierung im Kanton. Das Kulturleben im Thurgau wird inzwischen nur noch zur Hälfte mit Mitteln aus dem Staatshaushalt unterhalten. Vor allem die Budgets der kantonalen Museen und jenes der Kantonsbibliothek werden darüber finanziert. Der ganze grosse Rest kulturellen Schaffens wird über den Lotteriefonds ermöglicht. In Zahlen sieht das so aus: Aus dem Kantonshaushalt kommen rund 10,5 Millionen Franken pro Jahr, aus dem Lotteriefonds fast 10,8 Millionen Franken pro Jahr.

Eigentlich ist dieses Verhältnis eher ein Problem. Weil es deutlich macht, wie sehr sich der Staat von seiner Aufgabe der Kulturförderung und Kulturpflege zurückgezogen hat und bei der Finanzierung auf Drittmittel setzt, von denen niemand weiss, wie lange es sie geben wird.

Mit anderen Worten: Das Wohl der Thurgauer Kulturschaffenden ist ziemlich fest an die Spielleidenschaft der Thurgauerinnen und Thurgauer gebunden. Denn: Wie viel Geld ein Kanton aus dem Topf der Swisslos erhält, hängt neben der Bevölkerungszahl auch am Spielumsatz im jeweiligen Kanton. Dass Kulturschaffende so zumindest teilweise von der Spielsucht anderer profitieren, ist eine Perversion dieses Systems. Einerseits.

Andererseits: In der Krise zeigt sich nun, dass diese Art der Kulturfinanzierung viele Kulturschaffende vor allzu grossen Einschnitten bewahren könnte. An den Lotteriefonds-Mitteln ist in den vergangenen Jahren eigentlich nie gerüttelt worden. Im Gegenteil: Der Topf wächst Jahr für Jahr an: Weil immer mehr Geld reinkommt, als ausgegeben wird.

Das Ergebnis: 2019 hatte der Thurgauer Lotteriefonds – laut Geschäftsbericht des Kantons – einen Umfang von 44 Millionen Franken. Auch vor diesem Hintergrund hatte Ueli Fisch von der Grünliberalen Partei vor der Kantonsratswahl im März gefordert, die Kulturförderung auszubauen: „Es steht genügend Geld im Lotteriefonds zur Verfügung. Viele Kulturschaffende wären froh, wenn ihre Arbeit noch etwas mehr unterstützt werden würde. Das Geld im Lotteriefonds zu horten, macht absolut keinen Sinn“, so Fisch damals.

Jubel wäre trotzdem noch verfrüht. Denn: Sollte es trotz allem zu Sparrunden im Haushalt kommen, könnten die kantonalen Museen davon betroffen sein. So war es jedenfalls in den Sparrunden nach der Finanzkrise, die Mittel aus dem Lotteriefonds wurden damals nicht gekürzt. Es ist allerdings fraglich, wo die Museen noch kürzen sollten. Sie sind ohnehin nicht besonders üppig ausgestattet. Weitere Kürzungen würden wohl dauerhaften Schaden an der Museumslandschaft anrichten.

Ein gutes Zeichen: Der Finanzdirektor gibt sich gelassen
 

Wenn dies nicht als Warnung an allzu eifrige Spar-KommissarInnen reicht, kann man sie übrigens auch jederzeit an Aussagen des inzwischen Ex-Finanzchefs des Kantons, Jakob Stark, erinnern. Anlässlich des Besuchs von Bundesrätin Simonetta Sommaruga am 20. Mai auf dem Arenenberg sagte er, dass die Folgen der Corona-Krise den Kanton nicht lange belasten werden. Eine einjährige Rezession, schon. Aber nicht mehr. Der Thurgauer Staatshaushalt werde dies dank der „zurzeit exzellenten Verfassung“ verkraften können.


Michael Lünstroth(42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den passenden Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen

Corona verhilft neuen Arbeitsmodellen zum Durchbruch

Rolf Arni
10 Jun 2020

Remote-Work ist auch dank Corona in der Schweiz endlich angekommen, sagt Rolf Arni. Gleichzeitig seien viele es leid, nur per Videokonferenz zu kommunizieren. Der Mitgründer des nun wieder geöffneten Impact Hub Bern sieht das Coworking-Modell nachhaltig im Aufschwung.


Vor ziemlich genau vier Jahren gründeten ein paar umtriebige MacherInnen den Impact Hub in Bern. Es ist ein verbindender Ort, ein Schmelzpunkt, an dem Selbständige, Firmen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, GymnasiastInnen und UnternehmerInnen zusammentreffen. Mit rund 300 Mitgliedern, täglichen Raumbuchungen und monatlich etwa 30 Events mit insgesamt über 500 Teilnehmenden stellt sich dem Impact Hub Bern die Frage, was nach der Corona-Epidemie davon übrig bleiben wird.

Ja, die Möglichkeiten für die rege genutzten Raumbuchungen und Events vor Ort fielen rasch weg. Zum Glück haben wir eine sehr treue Mitgliederbasis – wobei doch spürbar weniger Neueintritte verzeichnet wurden. Dennoch: Unsere Mitglieder halfen uns mit ihrer Loyalität schon mal über die Runden, wofür wir ihnen sehr dankbar sind.

Kurzarbeit wollten wir nicht einreichen, gab es – Corona hin oder her – viel zu tun. Zusammen mit den anderen Impact Hubs in der Schweiz lancierten wir neue Programme, wie etwa den schweizweiten VersusVirus Hackathon mit rund 4’600 Teilnehmern. In Bern haben wir uns schnell für die Verschiebung des Event-Angebots auf online entschieden, jedoch nach ein paar Wochen bald festgestellt, dass die Leute etwas Zoom-gesättigt waren. Den ganzen Tag im neuen Home Office zig Videokonferenzen abhalten und dann abends noch an einen Video-Event? Schwierig.

Die Homeoffice-Phase verhalf uns – und anderen – vermehrt zu Automatisierung und weitreichender Planung. Remote Work ist endlich in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer angelangt. Als Vorstandsmitglied des Vereins Digitale Nomaden Schweiz sehe ich in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse für neue Arbeitsmodelle und Corona gab diesem Bedürfnis mehr Wind.

Unsere Räumlichkeiten waren während der Corona-Zeit für die Members jederzeit offen –unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften. Genutzt wurde das Angebot von denjenigen, denen das Zuhause auf den Kopf zu fallen begann oder von Firmenangestellten, die eine Split-Regelung oder keinen Platz in ihrem Büro hatten. Stets vor Ort waren auch ein paar unserer treuesten Mitglieder, die trotz strenger Auflagen und reduziertem Hub-Service normal weiterarbeiten wollten und mussten.

Obwohl plötzlich ein grosser Teil unseres Geschäfts weggebrochen war, eröffneten sich gleichzeitig neue Möglichkeiten. Anpassungsfähigkeit und Reaktion auf unsichere Zustände ist schliesslich unser Kernbusiness. Wir leben in einer VUCA-Welt. (Anm.d.Red.: VUCA steht für Volatilität / Volatility, Unsicherheit / Uncertainty, Komplexität / Complexity und Vieldeutigkeit / Ambiguity.)

Jetzt sind wir wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Unser ganzer Space wurde mit den entsprechenden Vorsichtsmassnahmen ausgerüstet und ist somit mehr als ready. Sitzungszimmer sind begehrter denn je, zusätzliche Arbeitsplätze für ihre Mitarbeiter wünscht sich manche Firma. Und nicht zuletzt tut es einfach gut, mal wieder echte Menschen zu sehen, anstatt nur per Video. Das ist es schliesslich, was den Hub ebenso ausmacht.


Rolf Arniist unter anderem Co-Gründer des Impact Hubs in Bern. Sein Interesse gilt der Automatisierung, Remote Work, Business Creation sowie Fotografie und Musik.

Digitale Ausstattung macht noch keinen guten Unterricht

Julia Heier
08 Jun 2020

Schweizer Schulen sind digital besser ausgestattet als viele andere in Nachbarstaaten. Doch das sei nicht allein ausschlaggebend für guten Fernunterricht, sagt Lehrerin Julia Heier, die sich in Corona-Zeiten wie ein Videochat-Zombie fühlt. Lernen funktioniere über nonverbale Kommunikation und Beziehungen.


Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern lassen sich nicht so einfach auf den 13 Zoll grossen Bildschirm eines Laptops übertragen. Auch die eigenen Kinder lösen sich nicht stillschweigend in Luft auf, damit im Wohnzimmer täglich 270 Minuten sinnstiftender, individualisierender Live-Unterricht auf Oberstufenniveau aus dem Ärmel geschüttelt werden können. Wie gelingt also guter Unterricht in der digitalen Corona-Zeit?

„Ein Unterricht, in dem nur die Schüler profitieren und der Lehrer krank wird, ist schlechter Unterricht“, wusste schon Hilbert Meyer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Oldenburg, an dem bis heute kein Referendar im deutschsprachigen Raum im Rahmen seiner Lehrerausbildung vorbeikommt.

Die meisten von uns Lehrern lieben ihren Beruf, sind analog wie digital bestens ausgebildete „Methodenfuzzis“, sind Coaches, Evaluateure, Erlebnispädagogen, Pflasterkleber, Regisseure, Kuchenbäcker, Visionäre, Lernpsychologen und vieles mehr. Wir machen unsere Arbeit aus Leidenschaft für die heranwachsende Generation, aus Freude am Gedankenaustausch mit Jugendlichen und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch seit zwei Monaten sind wir vor allem eins: Videochat-Zombies.

In der Theorie haben wir uns das flexible Homeoffice samt häuslicher Beschulung der eigenen Kinder vor ein paar Monaten noch ganz anders vorgestellt – nämlich als harmonische Wolke aus selbsterklärenden Lernmaterialien zum Anfassen, instagramtauglichen Grundschulkindern, die ihre gut sortierten Federmäppchen auf gebügelten Picknickdecken ausbreiten, und Schülern, die sich nun ihre Zeit frei einteilen können und daher an Qualität kaum zu übertreffende Lernprodukte kreieren, die uns endlich zeigen, dass der noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Unterricht im Klassenzimmer ausgedient hat. Doch binnen zwei Lockdown-Monaten hat uns die Realität nicht nur eingeholt, sondern überholt.

Während meine Schweizer Kollegen und ich Mitte März noch mit leicht spöttischem Blick auf Schulen in den Nachbarländern geschaut haben, an denen die nahtlose Umstellung des Präsenz- auf den Online-Unterricht wegen fehlender Abonnements von Online-Tools sowie mangelnder Hardware-Ausstattung nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten abgelaufen ist, so ergreift mich heute oftmals gegenüber unseren analogen Kolleginnen und Kollegen, die ihren Stoff mit zeitlich asynchronen Lernaufträgen durchbringen können, der Neid.

Seit zwei Monaten werfe ich frühmorgens das erste gebügelte Hemd über die Zoom-Couture-Leggings von gestern, während ich dabei zuhöre, wie die eigenen Kinder noch im Bett ermitteln, ob heute immer noch „Coronaferien“ sind, wie sie die Zeit seit Freitag, dem 13. liebevoll nennen. Zehn Minuten nervöse Rückenyogaübungen auf Youtube, dann kommt auch schon die erste von im Tagesverlauf vier E-Mails mit Aufgaben für die eigenen Kinder seitlich in den Bildschirm eingeflogen. Das hiess in meinem Fall: mechanisch Silben klatschen, Oster- und Muttertagsverse auf Sprachmemos leiern oder die von Pinterest inspirierten Drillaufgabenstellungen als Mutter selbst zu erledigen. Kurz darauf galt es, die längste im Netz verfügbare Räuber-Hotzenplotz-Playlist (ganze sechs Stunden und 46 Minuten!) im Kinderzimmer erklingen lassen, noch kurz vor Anschalten der Microsoft-Teams-Kamera den Lippenstift auftragen und los geht's.

Mit einem fröhlichen „Guten Morgen zusammen, wie geht es euch?“, begrüsse ich meine Schüler fast wie sonst im Klassenzimmer – so ziemlich das letzte Unterrichtsüberbleibsel aus der guten alten Zeit. Schon nach fünf Minuten Rauschen und knackenden Leitungen höre ich die eigene Stimme nur mehr mechanisch, fast fremd, hallen: „Kabale und Liebe, vierter Akt, siebte Szene“. Stille. Warten und abschätzen, ob nun wohl alle 24 Chat-Teilnehmer in ihren Kinderzimmern auf derselben Seite des gelben Reclam-Heftchens angekommen sind. Ich frage freundlich nach, erhalte keine Antwort, sehe aber einen „Daumen hoch“ im Gruppen-Chat im Hintergrund blinken. Reicht. Luise Millerin tritt schüchtern hinein.

Hufeklappern, Pferdetraben – „Moment, ich bin gleich wieder da!“ ins Mikrofon rufen, es augenblicklich auf stumm schalten und damit beginnen, die 17 Schleich-Pferde einzusammeln, die inzwischen schon in einer doppelten Volte um meine Pantoffeln patrouillieren. In Eile stopfe ich sie den laut wiehernden Kindern in ihre Schlafanzugärmel und fordere sie mit diktatorischen Blicken dazu auf, schleunigst aus „Mamis Unterricht“ zu galoppieren. Dabei versuche ich, die 24 kreisrunden Buchstabenkombinationen auf dem Bildschirm, die mutmasslich apathisch oder neugierig in die einzigen vier aufgeräumten Quadratmeter meiner Wohnung blicken, möglichst wenig an meinem persönlichen Versagen teilhaben zu lassen, zwei Sechsjährige nicht in Schach halten zu können.

Nächste Lektion, neues Glück. Die Kinder schreien während der Screencast-Aufnahme aus dem Nebenzimmer nach Fischstäbchen. Die Klasse, die mich bislang nur als klimaschützende Veganerin kennt, scheint jedoch bei der am Vortag bis Mitternacht geplanten Flipped-Classroom-Methode ohnehin bereits abgeschaltet zu haben, ist aber bei genauerem Nachfragen, ob man morgen den Unterricht doch lieber durch Leseaufträge ersetzen soll, wieder ganz Ohr. Ein Arbeitsauftrag scheint spontan unauffindbar zu sein. Hastig tippe ich „Moment, ich hab’s gleich“ und klicke mich durch One-Note, Ilias, One-Drive, Teams und andere Tiefen meiner unerschöpflichen Datenablage. Vergebens. Also rufe ich schnell und autoritär einen Namen in das schwarze Loch und hoffe, dass der genannte Schüler sich auch wirklich in dieser Klasse befindet. Abermals Stille. Wir alle warten, bis sich Tim aus der Liegeposition in seinem Bett wieder in die Senkrechte bewegt hat und endlich im Rausch der Hintergrundgeräusche den ersten Vers aus der Iphigenie vorstammelt. Mit einem dankbaren Nicken reagiere ich nur mehr nonverbal und lächle in den neongrün leuchtenden Punkt über dem Bildschirm hinein. Doch wie klingen Goethes Jamben im Jahr 2020, wenn sie durch den dröhnenden Teams-Kanal gejagt werden? Für solche Fragen ist keine Zeit. Ebenso wenig wie für die 167 eingereichten kreativen Lernjobs von letzter Woche, die noch immer nicht korrigiert sind.

Woran es liegt, dass der nahtlose Übergang vom Präsenz- zum Online-Fernunterricht mit Jugendlichen im Adoleszenzalter trotz der Verfügbarkeit der technischen Mittel beizeiten so wenig gewinnbringend scheint, dazu kursieren gerade in zahlreichen Chat-Kanälen die wildesten Theorien. Während sich die einen sicher sind, dass schlichtweg zu wenig Zeit zur Verfügung stand, um uns gemeinsam auf die Neue Didaktik vorzubereiten, finden andere, dass uns der digitale Live-Unterricht im Gegensatz zu unserer sonstigen lehrerzentrierten Methodik und Pädagogik um Jahrzehnte zurück in den totalitären Frontalunterricht geworfen hat. Und genauso wie das Strahlen in den jugendlich neugierigen Gesichtern aus Datenschutzgründen in diesen Monaten unsichtbar bleibt, ist auch konstruktive Rückmeldung bisher dünn gesät.

Jedenfalls scheint den meisten von uns Online-Lehrern klar, dass der technisch-neidische Blick deutscher Lehrender beispielsweise nach Norwegen oder in die Schweiz ohne kritische Betrachtung nicht weit genug gedacht ist. Dass die technische Verfügbarkeit eines eigenen multifunktionalen Kommunikationstools sowie eines stets verfügbaren Systemadministrators, nach dem sich gerade viele Eltern sowie nicht zwangsvirtualisierte Lehrende sehnen, nicht ausschlaggebend für nachhaltiges Lernen sind.

Es ist der Mangel an nonverbalen Zeichen, am Lernen mit allen Sinnen, von Angesicht zu Angesicht und das Fehlen von „echten“ Gesprächen in Gruppen, im Plenum, auf Papier, die den ortsunabhängigen Unterricht so wenig lohnend erscheinen lassen. Und einmal mehr wird deutlich, dass Lernen über Beziehung stattfindet – die eben nicht ohne weiteres über Webcams geführt und mit den eigenen Kindern zu Hause geteilt werden kann. Wir haben die technischen Mittel, nach denen ihr euch sehnt – und es funktioniert trotzdem nicht.


Julia Heier arbeitet seit zehn Jahren als Gymnasiallehrerin und Redaktorin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit an der Kantonsschule Trogen AR – derzeit unterrichtet sie die Fächer Deutsch, Deutsch als Fremdsprache und Pädagogik/Psychologie. Ausserdem gestaltet sie die Schulentwicklung in verschiedenen Arbeitsgruppen mit. In der Vergangenheit hat sie an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen in den Bereichen Literatur-/Medienwissenschaft und in der Deutsch-Didaktik doziert; bis heute ist sie an der Universität Konstanz als freie Dozentin in der Hochschuldidaktik im Bereich Schlüsselqualifikationen tätig.

Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Zukunftsrat gibt der Schweiz Perspektive

Robert Unteregger
04 Jun 2020

Die Krise hat gezeigt, dass auch in der Schweiz eher reagiert als agiert wird. Damit verspielen wir uns viele Chancen, sagt Robert Unteregger von der Stiftung Zukunftsrat. Sein Ansatz: Ein intelligent besetzter Zukunftsrat mit Anbindung an die Politik kann staatliches Handeln nachhaltiger gestalten.


Als Gesellschaft produzieren wir seit Jahrzehnten mit unseren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und organisatorischen Wirkkräften Langzeitfolgen – auch solche, die das Leben auf der Erde gefährden. Angesichts des rasanten Veränderungstempos sind die Möglichkeiten, unsere Zukunft und jene der Nachrückenden mit- und umzugestalten, tatsächlich gross. Aber wir lassen sie weitgehend ungenutzt, beschränken uns auf das Re-Agieren. Unsere politische Arbeitsweise stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist schwergewichtig auf Kurzfristigkeit orientiert. Wir können dies ändern, indem wir die politische Arbeitsweise mit einem Zukunftsrat ergänzen.

Ein Zukunftsrat ergänzt Regierung und Parlament gezielt um die Dimension der Langzeit, macht diese überhaupt erst differenziert diskutier- und verhandelbar. Wie würde er arbeiten? Er erarbeitet einen Überblick über die Entwicklungslinien unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Unter Einbezug von Praktikern, Fachleuten, durch das Aufarbeiten der einschlägigen Literatur und gelegentliche Vernehmlassungen benennt er die zentralen Herausforderungen für eine längerfristige Zukunftsgestaltung. Zu diesen entwirft er nach eigener Priorisierung tragfähige Ziellandschaften und mögliche Schritte, die dahin gehen. Diese Arbeit ist methodisch anspruchsvoll und wissensintensiv. Damit die wesentlichen Überlegungen und Vorschläge eines Zukunftsrates allgemein verständlich und zugänglich werden, müssen sie in wissensbasierte, anschauliche Begriffe und Bilder gebracht werden – ein wissensbasierter Populismus im guten, verantwortbaren Sinne.

Um schliesslich auch politisch wirksam agieren zu können, benötigt ein Zukunftsrat mindestens ein Vorschlagsrecht gegenüber Regierung und Parlament, mit Verbindlichkeit auf Antwort innert nützlicher Frist. Zur Verbreitung der Zukunftsratsarbeit in der Bevölkerung kann ein Zukunftsrat konsultative Befragungen zu anspruchsvollen Handlungsfeldern mit einer graduellen Beurteilung (nicht bloss ja oder nein) und mit Varianten durchführen; ebenso öffentliche Hearings. So hat etwa Finnlands Zukunftskommission den Umgang mit der vierten Generation im Rahmen eines Jazz-Festivals thematisiert.

Die fünf bis neun Mitglieder eines Zukunftsrates würden von einem Vorschlagsteam ausgewählt und vom Bundesrat bestätigt. Das Vorschlagsteam kann gebildet werden aus

Das Team muss sich auf einen gemeinsamen Vorschlag einigen. Die Mitglieder des Zukunftsrates werden für eine einmalige Amtsdauer von neun oder zwölf Jahren ernannt und alle drei oder vier Jahre teilerneuert. Arbeitsort des Rates, dem ein wissenschaftlicher Stab zur Verfügung steht, kann der Gurten sein – mit direkter Sichtverbindung zum Bundeshaus, was die Nähe zur Bundespolitik betont, jedoch 300 Meter höher gelegen ist. Das versinnbildlicht die andere Perspektive der Langzeit.

Je rascher solche Zukunftsräte Wirklichkeit werden, desto besser für uns und unsere Enkel!


Robert Unteregger ist Mitgründer und Verantwortlicher der Schweizerischen Stiftung Zukunftsrat. Hiermit setzt er sich seit der Stiftungsgründung 1997 für die Schaffung von Zukunftsräten ein. Unteregger ist studierter Philosoph, wirkt auf der Baustelle Zukunft in Cudrefin und führt an der Pädagogischen Hochschule Bern in kleinem Rahmen künftige Gymnasiallehrpersonen in Bildung für nachhaltige Entwicklung ein. 

Weitere Informationen zur aktuellen Arbeit des Zukunftsrats: Robert Unteregger im Video-Interview.

Demokratie braucht eine wirtschaftlich emanzipierte Mittelklasse

Philipp Aerni
03 Jun 2020

Bloss den Westen zu kopieren, ist langfristig kein Rezept für stabile Demokratien, sagt Philipp Aerni, Direktor des UZH-Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit. Er kritisiert damit China-Bashing und westliches Scheuklappen-Denken. Stattdessen setzt er auf wirtschaftliche Ermächtigung.


Gemäss dem Transformationsindex (BTI) der Bertelsmann Stiftung soll die Qualität von Demokratie und Regierungsführung in Transformationsländern zum sechsten Mal in Folge gesunken sein und sich nun auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung 2003 befinden. Ausserdem soll die COVID-19-Pandemie diesen Negativtrend noch zusätzlich verstärken.

Das macht betroffen und lässt befürchten, dass die Welt in Gewalt, Ungleichheit und Diktatur versinkt.

Bei genauerer Betrachtung dieses Indexes kommen allerdings gewisse Zweifel auf. Grundlage des Erhebungsprozesses ist ein standardisiertes Codebuch, das einen einheitlichen Bezugsrahmen für die Erhebung bildet. Viele politische und sozioökonomische Indikatoren und Kriterien basieren auf Zahlen, die anderswo bereits erhoben wurden, doch die Bewertung hängt in erheblichem Masse auch von ausgewählten Experten ab: mehrheitlich Politikwissenschaftler ohne grosse Feldforschungserfahrung. Ihr meist normatives Urteil fliesst auch in die Evaluation ein. Das Ganze wird dann umgemünzt in ein zahlenbasiertes Ranking, wo sich der Status der Transformation Richtung Demokratie und „sozialverträgliche“ Marktwirtschaft wunderbar ableiten lässt.

Der normative Rahmen scheint dabei klar zu sein: Seid so wie der „Westen“, dann kommt alles gut!

Ausgeklammert von der Evaluation werden nämlich jene Länder, „deren demokratisches System über einen längeren Zeitraum als konsolidiert und deren wirtschaftlicher Entwicklungsstand als weit fortgeschritten angesehen wird“. Westeuropa und die USA sollen somit eine Art Leuchttürme sein, an denen sich der Rest der Welt orientieren kann. Ein Grund für den Ausschluss der westlichen Wohlstandsgesellschaften mag wohl auch sein, dass es sonst zu offensichtlich wird, dass der Index fast eins zu eins mit dem GDP eines Landes korreliert (die Golfstaaten ausgenommen).

Die starke Korrelation zwischen Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie würde klar aufzeigen, dass vor jeder politischen Ermächtigung immer die wirtschaftliche Ermächtigung kommen muss. Denn nur ein Staat, der genügend Steuereinnahmen aus einer prosperierenden inländischen Wirtschaft generiert, ist relativ selbstbestimmt und kann seine essentiellen Funktionen im öffentlichen Interesse effektiv wahrnehmen. Ausserdem liegt es im Eigeninteresse eines solchen Staates, diejenigen politisch mitbestimmen zu lassen, die den Staat durch ihre Wirtschaftsleistung finanzieren.

Ein armer Staat kann sich zwar eine demokratische Verfassung geben und allerlei Bürgerrechte in der Verfassung verankern. Doch wenn es keine wirtschaftlich starke und breite Mittelklasse gibt, die Steuern zahlt und auch wissen will, was mit diesen Steuern passiert, bleibt die Demokratie ein hohles Konstrukt, hinter dem sich allzu oft ein traditionelles Patron-Client-System verbirgt. Der Patron beschenkt seine Untertanen und erwartet im Gegenzug politische Loyalität. Das politische Engagement des Patrons, der in solchen feudalistischen Strukturen vom Status Quo profitiert, gilt jedoch allzu oft nicht der Förderung von wirtschaftlichen Reformen, sondern der Bewahrung der sozioökonomischen Strukturen. Er ist daher kein natürlicher Verbündeter der unternehmerischen Mittelklasse, welche den Wandel anstrebt. Mit anderen Worten: Es bleibt eine Elitedemokratie, die jederzeit wieder in eine Autokratie zurückfallen kann.

Dass die aggregierte BTI Bewertung dem nicht Rechnung trägt, zeigt sich im Ranking: Länder wie Indien (Platz 34), Tunesien (Platz 44) und die Philippinen (Platz 51) schneiden relativ gut ab, während ein Land mit einem autoritären Regime wie China (Platz 91) nur gerade vier Ränge vor Nigeria landet; einem Land, dass sich eher durch anarchische als durch autoritäre Strukturen auszeichnet.

Auch, wenn es noch keine Anzeichen von Demokratie in China gibt, so besteht dennoch ein wirtschaftliches Fundament, das zu einem späteren Zeitpunkt eine stabile Demokratie begünstigen könnte. Dieser Schluss lässt sich auch aus der europäischen Geschichte ziehen, denn wer würde behaupten wollen, dass in Deutschland vor und während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert demokratische Strukturen geherrscht hätten?

In Indien hingegen mag es demokratische Institutionen geben, doch wie relevant sind die tatsächlich im Alltag der Menschen? Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Diskriminierung, Armut, Hunger und Unterernährung sind weit verbreitet, weil unter der demokratischen Fassade nach wie vor das Kastensystem schlummert und die Regierung viel Symbolpolitik betreibt, die sich aber am Ende als ineffektiv erweist, wenn es um die Schaffung einer breiten Mittelklasse geht. Neuerdings zeigt sich auch, wie schnell sich das Land wieder in eine Autokratie verwandeln könnte.

Das Lamento bezüglich dem Trend in Richtung autoritärer Regimes blendet daher viel aus, das sich nicht durch einen solchen Index erfassen lässt.

Ausserdem wird oft der Balken im eigenen Auge ausgeblendet. Deutsche Entwicklungsgelder sollen gemäss Entwicklungsminister Gerd Müller vor allem für meist deutsche Organisationen ausgegeben werden, die sich für die Stärkung von „lokalen Strukturen“ und die Aufwertung von traditionellen Praktiken in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern einsetzen.

Ist eine solche Strategie wirklich zielführend im Bestreben, einen Strukturwandel zu fördern, der die dringend nötigen guten Jobs für die Jugend ermöglicht und langfristig die wirtschaftliche Grundlage schaffen könnte für stabile demokratische Strukturen? Wohl kaum, denn mit solchen Projekten werden oftmals bloss die lokalen Gruppierungen gestärkt, die vom Status Quo profitieren. Die lokalen Treiber des wirtschaftlichen Wandels, nämlich die lokalen Unternehmer, die sich nicht mehr Spendengelder, sondern mehr Investitionen wünschen, bleiben unbeachtet.


Philipp Aerniist Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich. In den vergangenen Jahren hat er sich vor allem mit der Rolle von Wissenschaft, Technologie und Innovation für eine nachhaltige Entwicklung beschäftigt. Vor seiner, Ernennung zum Direktor des CCRS hat Dr. Aerni an der Harvard Universität, der ETH Zürich, der Universität Bern sowie bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gearbeitet.

Pandemie stärkt Trend hin zu Bioplastik

Frederic Mauch
29 May 2020

Die besonderen Eigenschaften von Kunststoff machen das Material in Corona-Zeiten wieder beliebt. Doch Plastikmüllberge müssen dennoch nicht wachsen. BioApply-Gründer Frederic Mauch sieht in der Krise auch wachsendes Interesse an Alternativen.


Die Zeit vor COVID-19 ist jetzt klar abgegrenzt, da diese Geissel die Welt als Ganzes getroffen hat. Können wir an dieser Stelle von einer Bruchstelle sprechen? In jedem Fall werden bestimmte Themen, bestimmte Trends plötzlich überprüft und in Frage gestellt.

Seit 2006 und der Einführung von BioApply konnte ich den immer stärker werdenden Kampf gegen Kunststoffverpackungen beobachten und mich daran beteiligen, um dann allmählich auf Null-Verpackungen, Geschäftsmodelle ohne Verpackung und nachhaltige Mehrwegverpackungen hinzuarbeiten.

Es stimmt, dass wir alle zweifelsohne bestimmte Eigenschaften der Verpackung vernachlässigt haben. Die COVID-19-Krise ist eine deutliche Erinnerung daran.

Die Übergabe von Medikamenten vom Apotheker zum Kunden, die Auswahl und Handhabung von Obst und Gemüse durch den Kunden, der Weg eines wiederverwendbaren Beutels durch die Hände des Kunden und des Kassenpersonals? Die mehrfachen Handhabungen an Säcken und Hebeln für Schüttgüter? All diese Fragen werden plötzlich zentral, ja sogar lebenswichtig.

Die unmittelbare Reaktion? In den Apotheken wird nicht mehr systematisch nach fünf oder zehn Cent für Beutel gefragt – egal, ob kompostierbar oder aus Plastik. Im aktuellen Umfeld hat die Verringerung der menschlichen Berührungen von Gegenständen Priorität. In den Obst- und Gemüseabteilungen eines bestimmten Supermarktes wird systematisch ein manuelles Gel auf die Kunden aufgetragen und diese anschliessend mit einer Plastik- oder kompostierbaren Tüte an jeder Hand ausgestattet, um jegliche Kontamination der Ware zu vermeiden.

Der Offenverkauf kann diesem Phänomen nicht entgehen.

Die Kunststofflobby hat keine Zeit verloren und setzt alles daran, eine Rückkehr in das goldene Zeitalter der Kunststoffverpackungen zu erreichen. In mehreren Ländern und Regionen sind Anträge auf Aufhebung des Verbots von Plastiktüten im Gange.

COVID-19-Probleme können nicht auf Kosten der Umweltprobleme, mit denen wir weiterhin konfrontiert sind, angegangen werden.

Gleichzeitig ist die COVID-19-Krise nicht ein kurzes Zwischenspiel, wir werden nicht zurück in alte Muster fallen, wenn die Krise bewältigt ist. Änderungen im Verhalten, in der Gesellschaft und bei den Hygienemassnahmen werden wahrscheinlich längerfristig bestehen bleiben.

Die Wahl ist jedoch nicht auf eine Wahl zwischen Null-Verpackung oder Rückkehr zu Plastik beschränkt. Es gibt in der Tat Lösungen, die sowohl die hygienischen als auch Barriere-Eigenschaften von Kunststoffverpackungen gewährleisten und gleichzeitig nachhaltig sind. Kompostierbare Verpackungen und Beutel sind das beste Beispiel.

Der kompostierbare Zweiwegbeutel eignet sich für den Einsatz in der Obst- und Gemüseabteilung, an der Supermarktkasse, aber auch in Apotheken und bei lokalen Warenlieferanten und beim Online-Shopping. Sie ermöglicht es Ihnen, Ihre Einkäufe zu erledigen, Ihre Lieferungen entgegenzunehmen, Ihr Obst auszuwählen und dann in einem zweiten Schritt Ihre organischen Abfälle zu trennen. Es sollte daran erinnert werden, dass organische Abfälle mehr als 30 Prozent des Haushaltsabfalls ausmachen.

Der kompostierbare Sack ist wieder einmal das Bollwerk, das eine Rückkehr zu Plastik verhindern kann.

BioApply beabsichtigt auch, die Palette der in Europa beschafften, biobasierten Produkte, die zur Gewährleistung der Hygienefunktionen und der Umweltbilanz zurückverfolgbar sind, zu erweitern. Ab Mai sind biologisch abbaubare Handschuhe für den Lebensmittelkontakt und den Einzelhandel erhältlich. Zusätzlich zu ihrer Hauptfunktion haben sie den Vorteil, dass sie eine bessere CO2-Bilanz als vergleichbare Plastikprodukte haben und eine vollkommene Transparenz in der gesamten Lieferkette bieten.

Die COVID-Krise schafft auch einen neuen Trend, eine starke Nachfrage nach lokalen, regionalen, zurückverfolgbaren und verifizierten Produkten. Mehr denn je brauchen die Verbraucher Produkte, die nicht global, sondern so lokal wie möglich bezogen werden. Sie wollen alles über diese Produkte und dabei auch über die Verpackung wissen. Wo kommen sie her? Sind ihre Marketing-Argumente aufrichtig? Sind ihre Zertifizierungen gültig? BioApply arbeitet seit zehn Jahren mit der Zurückverfolgbarkeit durch die Produkt-DNA-Plattform und respect-code.org. So sind die meisten Lösungen, die BioApply anbietet, ob für den Einzelhandel oder die Abfallwirtschaft, zurückverfolgbar. Hier ein Beispiel.

Schliesslich haben wir seit COVID-19 in unserer Abteilung für die Produktentwicklung BioApply Services eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Projekten zur Entwicklung kompostierbarer und biobeschaffter Lösungen festgestellt. Dies zeigt sich in den verschiedensten Bereichen. Dies ist sicherlich auch das Ergebnis einer reduzierten operativen Tätigkeit in einigen Branchen, das gibt mehr Zeit für strategische Projekte. Aber vielleicht gibt es auch eine Beschleunigung des Übergangs zu nachhaltigen Modellen und zu einer Gesellschaft, die mehr im Einklang mit ihrer Umwelt steht. Jeder ist sensibel für den frischen Wind, den die Natur seit dieser Krise bekommt.


Frederic Mauchhat vor 14 Jahren das Unternehmen BioApply gegründet und ist seither dessen Geschäftsführer. Das Unternehmen aus Gland VD entwickelt und produziert Lösungen aus pflanzlichem, kompostierbarem Plastik für den Handel und für die Trennung von Abfällen.

Corona und Klima: Ungleiche Schulden

Manuel Flury
28 May 2020

Die Schuldenerbschaft durch die aktuelle Krise bereitet vielen grosse Sorgen, obwohl sie künftige Lebensgrundlagen sichert. Und was ist mit den Klimawandel-Schulden? Manuel Flury, Ex-Mitarbeiter der DEZA-Direktion, fragt sich, warum mit diesen fast sorglos umgegangen wird.


„Wir werden in dieser Session über Milliardenbeträge entscheiden. Das macht mir als junger Nationalrat doch sehr zu schaffen“, sagte der junge, besorgte Mann in einer Sendung des Schweizer Fernsehens zur Sondersession des Parlaments. Auch der Finanzminister macht sich Sorgen über den im Zuge der Corona-Krise angehäuften Schuldenberg. Schulden würden die kommende Generation mit Steuern belasten, so seine Botschaft. Würde sich auch Angelo, unser Enkel von sieben Monaten Sorgen machen? Oder wäre er froh, dass er dank dieser Ausgaben eine gesunde Lebensgrundlage vorfinden wird?

In der Tat, der Bund hat bisher gegen 75 Milliarden Schweizerfranken freigegeben, sowohl Bürgschaften für Überbrückungskredite, inklusive für die Luftfahrtindustrie, als auch direkte Hilfen für Kurzarbeit und Erwerbsersatz, für Sanitätsmaterial und Medikamente, für Kultur, Sport und Tourismus und auch etwas für die Kitas. Dies müsste Angelo besonders freuen, er geht seit wenigen Wochen in die Kita.

Es gibt selbstverständlich eine Kontroverse um die wirtschafts- und finanzpolitische Bedeutung dieser Schulden. Dabei geht es nicht nur um die Milliarden, mit denen die ersten Folgen des Lockdowns gemildert werden sollen. Die Folgekosten auf Seiten der Arbeitslosenversicherung und die Steuerausfälle wegen grosser Verluste bei Unternehmungen und Privaten dürfen nicht vergessen werden. Die Gesamtverschuldung von Gemeinden, Kantonen und Bund belief sich Ende 2019 auf 188 Milliarden, 27 Prozent des Volkseinkommens. Würden neben den direkten Ausgaben auch alle Bürgschaften in Anspruch genommen, stiege die Schuld auf 263 Milliarden oder 38 Prozent an. Damit würde die Schweiz weiterhin eine ausgezeichnet niedrige Schuldenquote im Vergleich mit praktisch allen europäischen Ländern aufweisen.

Es ist eindrücklich, wie sich viele Finanz- und WirtschaftspolitikerInnen um die Schuldenerbschaft Sorgen machen, welche die kommende Generation zu verkraften haben wird. Was würde Angelo dazu sagen? Vergessen diese PolitikerInnen dabei, dass diese Ausgaben Investitionen in den Erhalt der sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur der Schweiz darstellen und damit dem Wohlergehen der Bevölkerung dienen? Die Schulden unserer Grosseltern und Eltern von damals, nach dem Krieg und nach der Erdölkrise, haben unserer Generation ein sorgloses Leben ermöglicht. Wir haben diese Schulden von damals gerne mit unseren Steuern beglichen!

Ganz anders sieht es aus, wenn wir an das Klima denken. Wir, die jetzt lebende Generation, vererben unseren Nachkommen eine weiterhin steigende Belastung an CO2 und anderen klimaschädlichen Gasen wie Methan. Millionen leiden bereits heute unter den negativen Konsequenzen des Klimawandels.

Denken wir ebenfalls an den Nuklearmüll, den wir kommenden Generationen überlassen und den diese „hegen und pflegen“ müssen, ohne davon irgendeinen Nutzen zu haben. Wie viel seiner Steuern wird Angelo dereinst für die Lagerung dieses Mülls aufwenden müssen?

Nachhaltige Entwicklung schliesst die Bedürfnisse der kommenden Generationen auf ein Leben in Würde und Sicherheit ein. Die Corona-Schulden von heute sichern unseren Nachfahren die Lebensgrundlagen von morgen, selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Gelder nachhaltig, also auch klimaschonend, eingesetzt werden. Die Klima- und Umweltschulden sichern die künftigen Lebensgrundlagen nicht, im Gegenteil! Dies müsste dem jungen Parlamentarier Kummer bereiten! Angelo würde sich bei ihm bedanken.


Manuel Fluryist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Berufschulen – die neuen Elite-Schulen?

Karin Landolt
27 May 2020

In Corona-Zeiten zeigt sich der Flickenteppich in der Bildung nicht nur, wenn es um kantonale Unterschiede bei Maturitätsprüfungen geht. Auch beim Fernunterricht taten sich Welten auf, sagt Karin Landolt, Kommunikationsfachfrau und Mutter. Gerade Berufsschulen hätten Stärke bewiesen.


Während des Lockdowns hatten wir alle die Chance, überraschende Erkenntnisse zu gewinnen. Ich will Ihnen eine meiner Beobachtungen verraten, die mich erstaunte, und doch nicht so sehr überraschte.

Als Mutter zweier Töchter hatte ich die einmalige Gelegenheit, zwei schulische Institutionen im Krisenmodus zu vergleichen. Die Jüngere besucht die Kantonsschule, die Ältere absolviert eine Berufslehre mit Berufsmatur an einer Wirtschaftsschule. Beide Schulen mussten quasi über Nacht ihre digitalen Unterrichtsangebote hochfahren und bekamen gleichzeitig die Gelegenheit, Ehrgeiz und Kompetenz in Bezug auf ihren Bildungsauftrag an den Tag zu legen.

Die Wirtschaftsschule schaffte es, nahtlos an den Präsenzunterricht und pünktlich am Montagmorgen um 7.40 Uhr mit der ersten virtuellen Homeoffice-Lektion loszulegen, der Umfang des Schulstoffs stand den bisherigen Anforderungen in nichts nach. Hinzu kam das sofortige Einüben der Selbstorganisation, denn die zwei vollgepackten Schultage plus Hausaufgaben muss meine Tochter ja neben der regulären Arbeitszeit im Lehrbetrieb bewältigen.

Die gymnasiale Schulleitung liess sich Zeit und lieferte nach Tagen des schulischen Nichtstuns endlich erste Anweisungen. Meiner Gymi-Tochter wird seither in homöopathischen Dosen die Allgemeinbildung eingeträufelt, oft macht sie sich schon am Mittwoch Sorgen darüber, was sie bis Freitag noch tun könnte. Und sie ist notabene keine Wunder-Schülerin.

Nun möchte ich keiner Schule einen Vorwurf machen, ich stelle nur fest, dass die Berufsschule ihren Auftrag im unternehmerischen Sinne wahrnimmt. Antriebsfeder sind wohl auch die mitfinanzierenden Lehrbetriebe, denn Zeit ist Geld. Die Kantonsschule ist vom Staat und damit von Steuergeldern getragen, nennt sich Elite-Schmiede und leistet sich die Zeit, die sie braucht. Sie könnte allenfalls mit einer besseren Qualität argumentieren, dies wäre allerdings zu beweisen.

Das Beschriebene ist eine individuelle Beobachtung und soll nicht als Kritik an unserem Bildungssystem herhalten. Als Verfechterin der dualen Bildung liefert sie mir aber weitere Gründe, um mich für die bessere Anerkennung der Berufsbildung stark zu machen. Sie zeigt, was sie – selbst in der Krise – zu leisten fähig ist, und wie gut sie junge Menschen fürs Berufsleben vorbereitet.

Die Ansicht, nur Gymis seien Elite-Schmieden, ist veraltet.


Karin Landolt ist Co-Geschäftsleiterin bei Actares, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften, und Inhaberin von Gesprächskultur. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Winterthur. Sie hat eine Berufslehre als Kauffrau, später die kantonale Maturitätsschule für Erwachsene (KME) in Zürich absolviert. Im Zeitraum von 2014 bis 2018 hat sie als Kommunikationsverantwortliche die drei Internationalen Berufsbildungskongresse des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mitorganisiert.

Chancen für Lebens- und Krankenversicherer nach COVID-19

Peter Ohnemus
25 May 2020

Krisen sind Katalysatoren und Wertschöpfer, sagt der dacadoo-Gründer Peter Ohnemus. Gerade für Lebens- und Krankenversicherer sieht er Chancen, sofern diese Mut beweisen und die Richtung anzeigen mit innovativen, digitalen Produkten, welche Gesundheitsplattformen in ihr Angebot einbauen.


Die aktuelle COVID-19-Pandemie stellt unsere Gesellschaft und uns alle vor viele Herausforderungen. Während praktisch jeder Wirtschaftssektor von der Pandemie hart getroffen wurde, wächst parallel dazu die öffentliche Verschuldung, was ein gefährlicher Mix ist. Laut einer Studie von Willis Towers Watson könnten die Gesundheitskosten für Arbeitgeber in den USA aufgrund von Test- und Behandlungskosten im Zusammenhang mit COVID-19 um 7 Prozent steigen.

In den letzten 30 Jahren habe ich als Serienunternehmer viele Trends miterlebt und einige auch vorausgesehen. Trotz den evidenten Herausforderungen der COVID-19-Pandemie sehe ich klare Chancen für die Lebens- und Krankenversicherungsbranche.

Soziale Dynamiken verändern die Sichtweise von uns allen
 

Grosse Krisen waren schon immer gute Katalysatoren und Wertschöpfer. Ich sehe mehrere soziale Dynamiken, die sich auf die Lebens- und Krankenversicherungsbranche auswirken werden. Zum einen sehen wir eine verstärkte Bereitschaft zum Wissensaustausch, da mehr Menschen bereit sind, ihr Wissen in einem Open-Source-Stil zu teilen. Zum anderen beobachten wir die positiven Vorteile des wirtschaftlichen Stillstandes bezüglich unserer Umwelt. Die Financial Times hat veröffentlicht, dass in Europa derzeit 60 Prozent weniger Umweltverschmutzung zu verzeichnen sei. Diese Entwicklung wird die Konsumenten veranlassen, ihr Reise-, Konsum- und Umweltverhalten zu überdenken.

Die digitale Transformation beschleunigt sich
 

Die Pandemie-bedingten Anpassungen in unserer Arbeitswelt beschleunigen bereits existierende Trends für die Zukunft der Arbeit. Die Streaming-Wirtschaft, das heisst nicht nur Video-Streaming, sondern auch Dienstleistungen rund um Fernunterricht und Telemedizin, wird schneller wachsen als bisher. Accenture stellte in seinem jüngsten Papier fest, dass 76 Prozent der Führungskräfte zustimmen, dass Unternehmen neu darüber nachdenken müssten, wie sie Technologie und Menschen auf eine menschlichere Art und Weise zusammenbringen können. Ich beobachte regelmässig, dass Menschen, die positive Erfahrungen mit ärztlichen Videoberatungen gemacht haben, oder erfolgreich Nahrungs-Lieferdienste genutzt haben, ihr Verhalten automatisch anpassen.

Neue Plattform-Ökosysteme und Produkte des digitalen Lebensstils
 

Aus meiner Erfahrung ist Risikokapital ein sehr aussagekräftiger und guter Indikator für das, was sich in Zukunft im Markt durchsetzen wird. In den letzten Jahren wurden weltweit die grössten Investitionen in Ökosysteme für Gesundheitsplattformen getätigt. Im Jahr 2018 wurden über 86 Milliarden US-Dollar in KI und maschinelles Lernen und 53 Milliarden US-Dollar in die Telemedizin investiert. Dies eröffnet der gesamten Lebens- und Krankenversicherungsbranche einzigartige Chancen. Wie immer in solchen Situationen wird es Gewinner und Verlierer geben, und die Unternehmen, welche die Chance jetzt packen, werden diese Chancen wahrnehmen können. Wenn Sie sich jetzt nicht bewegen, kommen Sie zu spät zum Spiel.

Was sind dann logischerweise die grossen Trends bei digitalen Lifestyle-Produkten?

Es wird mehr Dienstleistungen für zu Hause geben, wie Fitness- oder Wellness-Videokurse. Wir sehen bereits jetzt eine Explosion von IoT- und Cloud-basierten Geräten, und das Konzept „Pay-as-you-live“ wird weltweit zu einem Standardbestandteil der privaten Lebensversicherung werden. Die Regierungen werden Programme zur Förderung der Gesundheit unterstützen müssen, da zum Beispiel die Fettleibigkeit in der Bevölkerung weltweit jedes Jahr stark zunimmt. KI-basierte digitale Gesundheitsplattformen werden für Versicherer zum Mainstream werden. Wir werden erleben, dass Telehealth und sprachbasierte KI-Lifestyle-Navigation zu einem natürlichen Bestandteil unseres Alltags werden. Die Verbraucher werden bereit sein, lebens- und gesundheitsbezogene Daten für einen echten Werteaustausch zu teilen, wie es zum Beispiel bei Plattformen geschieht, wo sie Punkte für einen gesunden Lebensstil erhalten. Nicht zuletzt müssen wir die Stückkosten durch Straight-Through-Processing, Echtzeit-Preisgestaltung und Mikroversicherungsdienste senken.

Digitaler Leadership, Aktionen und Belastbarkeit
 

Bekanntlich gehen Versicherungen nicht gern Risiken ein, welche sie nicht gut kalkulieren können. Die gegenwärtige Zeit erlaubt es aber nicht stillzustehen und es ist wichtig, Entscheidungen zu treffen und starkes Leadership zu zeigen, um voranzukommen. Diese Pandemie trifft die gesamte Gesellschaft, und die Schlüsselwörter für die Lebens- und Krankenversicherung werden lauten: digitales Leadership, klare Taten und Widerstandsfähigkeit, um das Vertrauen zu erhalten.


Peter Ohnemushat 2010 die dacadoo ag gegründet und ist seither deren CEO. Er ist zudem als Investor an mehreren Start-ups aus den Bereichen Hightech, Medizin und ICT beteiligt. Die dacadoo-Plattform motiviert mit spielerischem Ansatz zu einem gesunden Lebensstil und macht Gesundheit individuell messbar. Darauf basieren digitale Lösungen für Unternehmen im Gesundheitsbereich sowie für die betriebliche Gesundheitsförderung.

Die drei Wellen der 2020er-Krise

Christian Häuselmann
22 May 2020

Erkennen wir das historische Momentum dieser Corona-Zeit? Vielleicht noch nicht, sagt Entrepreneur Christian Häuselmann. Doch er rechnet mit einer mentalen dritten Welle, in der wir uns persönlich entscheiden müssen, für welche Werte und Visionen wir einstehen.


Diese Krise in den ersten Monaten des Jahres 2020 ist anders. Irgendetwas stimmt nicht. Als 68-er habe ich den Vorteil, bereits drei grosse Krisen bewusst miterlebt zu haben: die Börsenkrise 1987 mit dem Schwarzen Montag, der Dotcom- und Terrorkrise 2000/2001 und die Finanzkrise 2008/2009. Jede dieser hinter uns liegenden Krisen hatte ihre eigenen Auslöser, ihre eigene Logik in der dramatischen Entwicklung und in der anschliessenden Erholung.

Doch diese Krise ist anders. Alles Recherchieren hilft nichts – wir werden erst in den nächsten Monaten und Jahren diese Situation und die rasend schnellen Entwicklungen besser verstehen und einordnen können.

Nach heutigem Wissen gehe ich davon aus, dass diese Krise in drei Wellen ablaufen wird:

  • der gesundheitlichen Welle – da sind wir bereits voll drin,
  • der wirtschaftlichen Welle – diese startet gerade erst richtig,
  • der mentalen Welle – diese ist noch nicht genügend auf dem Radar. 

Realistischerweise ist anzunehmen, dass sich die erste und zweite Welle wiederholen werden, vielleicht bereits im Herbst 2020. Das würde die dritte Welle umso stürmischer werden lassen.

Mit dieser dritten Welle – der mentalen Welle – meine ich nicht die Psychologie der Hamsterkäufe, des Aktienmarktes, der Hüttenkoller-Symptome durch das erzwungene Zuhausebleiben, oder der tragischen Suizide unter den hart geforderten Pflegepersonen. Und auch nicht die motivierenden und kreativen Beispiele der neuen Solidarität unter Menschen, die sich vorher fremd waren. Wir erleben hautnah das alte Erfolgsrezept der ländlichen Gegenden und Bergregionen mit ihren knorrigen Charakteren: Jetzt ist Zusammenhalten und Gemeinschaft gefragt.

Das alles beschäftigt mich zwar sehr. Aber nein. Ich frage mich, was in zwei bis drei oder gar in zehn Jahren sein wird. Wenn wir mehr Wissen und Transparenz haben werden in Bezug auf die wahren Fakten dieser Krise. Wenn wir erstmals richtig erkennen werden, wer die grossen Gewinner und Verlierer dieser Krise sind. Wenn wir wohl auf die harte Tour lernen werden, was Beat Kappeler in seiner NZZ-Kolumne vom 16. März 2020 zum Thema „Die perverse Welt der Negativzinsen“ präzis auf den Punkt bringt. Die weltweiten Notenbanken schwenken mit ihren Geld-Druck-Programmen und Negativzinsen die Abrissbirne. Sie sind dabei, drei Säulen der Zivilisation zu zertrümmern: Staatsbonität, Regelvertrauen und Geldwert. Diese Kappelersche Abrissbirnen-Formel können wir uns einprägen:

Negativzinsen + Gelddrucken = Zivilisation – (Staatsbonität + Regelvertrauen + Geldwert).

Die seit der Finanzkrise 2008/2009 gefestigte Form des heutigen Kapitalismus ist der perverse Höhepunkt des Maximierens der privaten Gewinne, und des Tragens der damit entstehenden Kosten durch die Allgemeinheit. Historisch interessierte Personen wissen, dass jede zu stark auseinanderdriftende Entwicklung mit meist kriegerischen Revolutionen von unten korrigiert und wieder neu ausbalanciert wird.

Mit der dritten Welle – der mentalen Welle – werden wir uns fragen: Was ist passiert, haben wir die Chancen erkannt, haben wir sie genutzt? Oder haben wir sie verpasst, an uns vorbeiziehen lassen? Haben wir die gelbe Karte an die Menschheit verstanden? Haben wir die bewährten, widerstandsfähigen, dezentralen Strukturen und regionalen Wertschöpfungsketten gestärkt? Haben wir lokale Kreisläufe wieder schliessen können? Haben wir langfristig orientierten Sinn in der täglichen Arbeit und unseren Leben entdeckt?

Es liegt an uns allen, sich solche Fragen zu stellen. Wir können diese wilden Monate nutzen, um uns für einen sehr persönlichen Weg zu entscheiden und entsprechend zu handeln. Für welche Visionen und Werte stehen wir ein, welche Zukunft wollen wir, wo und für wen setzen wir täglich unsere Energie und Kreativität ein. Mit dieser Krise haben wir wohl eine historisch einmalige Chance. Packen wir sie!


Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

Bauplan für eine resiliente Gesellschaft

Barbara Wülser
20 May 2020

Die Corona-Krise hat unser Leben in Einzelteile zerlegt: Beziehungen, Arbeitsmodelle Freizeit- und Konsumverhalten liegen als lose Bausteine vor uns, so die These von Barbara Wülser, Co-Geschäftsführerin der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Jetzt hätten wir die Chance für einen neuen, zukunftstauglichen Bauplan.


Messungen bestätigen unsere Vermutung: Der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoss gehen dank der Massnahmen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 zurück. Es gibt weniger Lärm und weniger seismische Vibrationen, dafür Vogelgezwitscher und bessere Luft. Doch machen wir uns nichts vor: Das ist nicht die ökologische Wende! Wir durchleben gerade einen der wärmsten Monate seit Messbeginn und es steht ein dritter trockener Sommer in Folge vor der Tür. Damit unser post-coronales Leben und Wirtschaften gelingt, müssen wir im Zukunfts-Bauplan ökologische Aspekte ebenso stark gewichten wie ökonomische. Der Baukasten darf erweitert, schädliche Elemente müssen entfernt werden.

Es droht die Gefahr, dass Regierungen im Namen des Wiederaufbaus Milliarden in den Erhalt eines Systems buttern, das viele zu Verlierern und wenige zu Gewinnern macht – Milliarden, die für die Bekämpfung des Klimawandels versprochen wurden und dort fehlen werden. Was wir brauchen, ist eine gerechte Lastenverteilung zum Abfedern der negativen Effekte der Globalisierung, durch die diese Krisen mitverursacht wurden; die Coronakrise wie auch die Klimakrise. Die Schaffung einer globalen Governance für globale Probleme, sowohl im Gesundheits- als auch im Umweltbereich, kann nicht aufgeschoben werden.

Entscheidend ist, wie die zu erwartenden Konjunkturpakete ausgerichtet werden und welche Branchen mit welchen Kriterien gefördert werden. Das Ziel aller Massnahmen muss sein, eine resiliente Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aufzubauen, deren Produktion und Konsum sich an den tatsächlich verfügbaren Ressourcen orientiert.

In vielen Alpenregionen gibt es bereits taugliche Lösungsansätze dafür. Vergleichsweise kurze, regionale Wertschöpfungsketten stärken die lokale Kreislaufwirtschaft und damit die Unabhängigkeit von äusseren Einflüssen. Lokale Gemeinschaften fördern das Miteinander und die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. Freiräume und Mangel an Konsummöglichkeiten befruchten Eigenverantwortung und soziale Innovationen, sei es, indem Geräte repariert statt neu gekauft werden, sei es bei der Kinderbetreuung oder Altenpflege, sei es bei der Bewirtschaftung des letzten verbliebenen Gasthauses im Tal oder beim gemeinsam organisierten Einkauf von Lebensmitteln.

Auch technisch stehen vielerlei Innovationen parat. Sie bräuchten oft nur einen Startimpuls, wie Anschubfinanzierung oder Bedarf durch geänderte Rahmenbedingungen – wie jetzt. Es geht darum, gemeinsam positive Visionen zu entwickeln und deren Umsetzung vehement zu fordern. Dafür braucht es Vernetzung, Zusammenarbeit und Austausch von Wissen und Erfahrungen von lokal bis international. In der Corona-Krise tun sich die Nationalstaaten als Krisenmanager hervor. Diese Krise lässt sich mittels Abschottung, Medikamenten, Impfungen etc. irgendwann bewältigen. Doch der Klimawandel lässt sich nicht rückgängig machen. Der Bauplan für die Post-Corona-Zeit muss die Abwendung der Klimakrise enthalten.

Die Krise hat auch gezeigt, wie schnell wir uns anpassen können. Nutzen wir diese Lernerfahrung! Der Bauplan für die Post-Coronazeit muss die Abwendung der Klimakrise enthalten. Denn der Klimawandel lässt sich nicht rückgängig machen. Arbeiten im Homeoffice zur Eindämmung des Pendlerverkehrs, Konsum regionaler Produkte zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft, Erkunden der Alpenregionen vor der Haustüre reduzieren nicht nur den Ausstoss von Treibhausgasen, sondern bereichern auch unseren persönlichen Erfahrungsschatz.


Barbara Wülserist Co-Geschäftsführerin und Leiterin Kommunikation von CIPRA Internationalin Schaan, Liechtenstein. Als Journalistin setzte sich die Bündnerin bereits davor intensiv mit Umwelt-und Gesellschaftsfragen auseinander. Die Begleitung von Veränderungs- und Entscheidungsprozessen sowohl auf Mitarbeiter- wie auch auf politischer Ebene gehören in ihrer jetzigen Funktion zu ihren Kernaufgaben.

Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert im Newsletter alpMedia der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA.

Digitalität steckt im Kopf, nicht im Chip

Ueli Anken
19 May 2020

Die Tour de Suisse fiel 2020 Corona zum Opfer – stattdessen gab es mit dem ersten digitalen Profi-Radrennen „The Digital Swiss 5“ eine Weltpremiere. Ueli Anken, der Medienchef der Tour de Suisse, beschreibt, wie im zähen Ringen um die Saison Platz für digitale Innovation wurde.


Im April rollte das erste digitale Profi-Radrennen über die Bildschirme. Fünf Tage lang, jeden Tag 57 Fahrer aus 19 Teams, je rund eine Stunde Rennzeit. Im Hinterbau der Rennvelos statt des Rades die smarte Rolle mit ihrer IP-Adresse. Vor dem Fahrer ein Bildschirm, je nach persönlicher Organisation auf dem Balkontisch, einem Notenständer oder der Werkbank in der Garage. Das Schweizer Fernsehen SRF hat „The Digital Swiss 5“ übertragen, mit einem Fahrer live im Studio und 16 weiteren via Webcam zugeschaltet. Sportkanäle auf allen Kontinenten haben die Produktion verbreitet.

Ausgedacht und organisiert hatten das Ganze die Verantwortlichen der Tour de Suisse. Doch der Reihe nach. Am 3. April mussten sie der Welt mitteilen, dass die 84. Landesrundfahrt vom 6. bis 14. Juni nicht stattfinden wird. Der Entscheid fiel am Tag zuvor, nach wochenlangem Ringen und Rechnen. Reale Tränen, nichts mit digitalen Träumen. Deren Stoff war bereits im letzten Sommer zu einem Projekt geworden, bloss einem völlig anderen.

Zusammen mit einem Geek-Team um den Tschechen Petr Samek mit ihrer Plattform Rouvy haben Joko Vogel, Olivier Senn und Mario Klaus damals die kuriose Idee virtueller Tour-Teilstrecken für Hobby-Radler ausgeheckt. Um der Gümmeler-Community schon im Winter den Pässe-Kick in realem Ambiente zu ermöglichen, wurden einige der beliebtesten Schweiss- und Adrenalinquellen mittels Motorradkamera gefilmt: Oberalp, Nufenen, Schallenberg et cetera. Mitte Dezember dann die Medienmitteilung. Statt vor der kahlen Kellerwand fand Trainieren auf der Rolle ab sofort im Aufstieg zur Rheinquelle statt. Die Kuriosität schuf Weihnachten im Veloland.

Dass seit 10. Dezember Wei Guixian als mutmassliche „Patientin Null“ in der Corona-Quarantäne steckte, wusste damals ausserhalb der Stadt Wuhan kein Mensch. Die Sportwelt freute sich auf den Olympiasommer in Tokio und auf die Hockey-WM in der Schweiz. Am 27. Februar hat es den Radsport erwischt: Abbruch der UAE-Tour in Abu Dhabi. In einem Team fuhr das Corona-Virus mit. Am 15. März ging Paris-Nizza „à huis clos“ zu Ende. Seither folgte Absage auf Absage. Optimisten hoffen inzwischen auf eine Tour de France im September, Terminkonflikt mit der Strassen-WM in der Schweiz inklusive. Offen bleibt alles.

Zurück in die Köpfe der Tour-de-Suisse-Macher. Dort wühlten im Zug der erwachenden Krise die Fragen. Was, wenn es auch uns erwischt? Wie das finanzielle Desaster für die eben erst neu geschaffene Tour-Trägerschaft abwenden? Wo die langjährigen Tour-Partner sichtbar machen ohne Tour-Kolonne? In Nöten helfen Taten, und darauf konnte jetzt zurückgegriffen werden. Was die tschechischen Geeks von Rouvy für Hobbyfahrer bereitgestellt haben, wird sich wohl auch für die Profis nutzen lassen. Und mit Velon, der Plattform für Live-Daten und -Bilder aus den Radrennfeldern, pflegt man seit vielen Jahren einen intensiven Austausch.

Ein Team ums andere liess sich auf die Idee eines virtuellen Rennens mit echtem Schweiss und Schmerz auf verlinkten Rollen ein. Mit diesem Paket aus Bildern, Daten, Fahrern und einer innovativen Story für die Coronazeit waren auch die Medienpartner SRF und Blick bald an Bord. Am 26. März, zur Zeit der rundum abgesagten Flandern-Klassiker und mitten im Ringen um ein mögliches Aus für die Tour de Suisse, wurde die Weltpremiere angekündigt.

Der Rest ist nun Geschichte. Hier ein Rückblick. Und, aus der Flut von Komplimenten zu schliessen, wohl auch Teil einer neu zu gestaltenden Zukunft. Weit über Corona hinaus.

Was uns die Genesis von „The Digital Swiss 5“ lehrt? Wenn digitale Mittel im Raum der Möglichkeiten auftauchen, ist es zu spät, darüber nachzudenken. Digitalität beginnt dort, wo Menschen dem Vertrauten miss- und sich Kurioses zutrauen. Sie erfordert eine Kultur des Neu-, Quer- und Vorwärtsdenkens. Sie steckt im Kopf, nicht im Chip.


Ueli Anken, Jahrgang 1961, ist eidg. dipl. PR-Berater und arbeitete als Kommunikationsberater und -leiter in der Privatwirtschaft, in öffentlichen Institutionen, bei einem Hilfswerk und immer wieder im Sportwesen. Hauptberuflich ist er seit 2012 im Schweizer Bildungssystem tätig, heute als stellvertretender Direktor der Fachagentur educa.ch.Seit 2018 ist er zudem Medienchef der Tour de Suisse.

Nach Corona: eine neue Normalität?

Manuel Flury
18 May 2020

Angesichts der schrittweisen Öffnung macht sich Manuel Flury, ehemaliger Mitarbeiter der DEZA-Direktion, Gedanken zur Zeit nach Corona. Er hofft auf Systementwicklungen, die die Existenz von lokalen Betrieben sichern und fördern, indem diese stärker vernetzt werden.


Bereits im Vorfeld der ersten Lockerungen des Coronaregimes mehrten sich in der Öffentlichkeit die Überlegungen zu dem, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird. Viele sprechen von einer „neuen Normalität“; davon, dass sich das Leben nach den Krisenmonaten anders gestalten wird. Werden wir weiterhin mehr Zeit für Kinder, Familie und Nachbarn einsetzen, intensiver über die digitalen Medien kommunizieren, die nahen Wälder durchstreifen und bewusster konsumieren? Einige skizzieren eine weniger globalisierte Welt, eine Rückkehr zur lokalen Produktion mit weniger ökologisch fragwürdigem weltweitem Handel und ohne Flugreisen in ferne Länder. Andere wiederum sehen, im Gegenteil, einen gestärkten internationalen Austausch voraus, ein weiteres Zusammenwachsen der Länder und Gesellschaften, in der Überzeugung, dass nur dies die Lösung der gemeinsamen Probleme ermöglichen würde.

Etwas ist allen diesen Überlegungen gemeinsam: die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen darf nicht primär Gewinne für die börsengetriebene (Finanz-)Wirtschaft abwerfen, sondern muss für alle gesichert sein. Es geht nicht nur um lebenssichernde Medikamente und Hygienemasken. Was nützen globale Wertschöpfungsketten, wenn sie gleichzeitig regionale und lokale Kreisläufe zerstören? Amazon liefert uns fast jedes Buch in wenigen Tagen zu Tiefstpreisen von weit her frei Haus, oder via Kindle-App direkt aufs Handy. Derweil bleiben den lokalen Buchhandlungen kaum genügende Margen auf Büchern, die sie teuer zu beschaffen haben. Wir haben uns an Erdbeeren aus Marokko und Spargeln aus Peru oder Mexiko gewöhnt, die uns die Grossverteiler früh im Jahr servieren. Die Bauern und Bäuerinnen im Seeland haben das Nachsehen. Die lokalen Getreidemärkte in Westafrika werden von subventioniertem Reis und Weizen aus Ostasien, den USA und Europa gelähmt. In Dakar, der Hauptstadt von Senegal, werden alle Baguettes mit EU-Weizen gebacken. Die Tomaten auf dem Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana, stammen nicht mehr aus den umliegenden Gemüsegärten, sondern aus grossen südeuropäischen Betrieben, selbstverständlich ebenfalls subventioniert.

Wir wissen, dass eine globale Versorgung mit Grundnahrungsmitteln keine sichere ist. Es sind die über 500 Millionen Klein- und Familienbetriebe weltweit, welche fast drei Viertel der Ernährung sichern, lokal und regional produziert und vermarktet. Wir wissen aber auch, dass es, um diese Versorgung zu sichern, nationale oder gar globale Regeln und – subsidiär – Wertschöpfungsketten braucht, damit die Kleinbauern beispielsweise Zugang zu gutem Saatgut erhalten oder dass nachhaltig produzierte und qualitativ gute Nahrungsmittel im Handel bevorzugt werden können. Ebenso ist uns klar, dass weltumspannende Aufgaben wie die Verringerung des CO2-Ausstosses oder eben die Bewältigung einer Pandemie ein weltweit gemeinsames Vorgehen verlangen.

Subsidiarität ist das Zauberwort und Merkmal einer eingespielten politischen Organisation. Die Subsidiarität macht den Erfolg des Föderalismus in der Schweiz aus. Das was im Kleinen, in der Gemeinde nicht vorgekehrt werden kann, soll auf nächst höherer Ebene des Kantons, des Bundes oder allenfalls benachbarter Regionen der Nachbarstaaten geregelt werden. Subsidiarität bedeutet, dass sich beispielsweise Gemeinden zu Schul- oder Abfallbewirtschaftungsverbänden zusammenschliessen, dass Berufsbildungsinstitutionen interkantonal betrieben werden oder dass der öffentliche Verkehr überregional, über die Landesgrenzen hinaus, organisiert wird.

Es ist zu hoffen, dass in der „neuen Normalität“ die Politik den Staat so um-organisiert, dass die Versorgung aller Menschen mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen im Vordergrund stehen. Die Subsidiarität gibt das Organisationsprinzip vor. Die Schweiz verfügt über die nötige Erfahrung!


Manuel Fluryist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

Naturinspirierte Resilienz – Chancen durch die Covid-Krise

Alain Schilli
14 May 2020

In der Corona-Zeit fordert der Unternehmer Alain Schilli zum Innehalten auf. Die Wirtschaft sowie unser Sozialleben stehen still, dabei scheint unser Wohlstand bedroht. Auf dem Weg zu einer resilienten Wirtschaft hilft laut Schilli die Wertschöpfung aus natürlichen Systemen.


Lieferkette, Wertschöpfungskette, Infektionskette, Kettenreaktion, Kettenriss – Stillstand. Dies ist die Entwicklung der globalen Wirtschaft der letzten Monate im Telegrammstil. Nutzen wir diesen Stillstand zum Innehalten.

Ein Virus, ein Ding zwischen Lebewesen und reiner Materie, wirkt wie ein Herkules. Aus den Kettenreaktionen der Regierungen ist zu schliessen, dass er machtgefüllt ist. Der Virus scheint unseren Fortschritt zu bedrohen und das komplexe, globale Verbindungsgeflecht mit all unseren wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften zu sprengen. Aber die Akteure sind wir, nicht der Virus. Viren sind Teil unseres Lebens, Teil der Lösung für evolutiven Fortschritt. Zugegeben, diese Virusform ist aggressiver als andere und für all die Menschen und Unternehmen, die mit den Notfallplänen wirtschaftlich und sozial taumeln, klingt das Innehalten vermessen.

Um das Chancenpotenzial im Innehalten zu sehen, müssen wir uns gedanklich von Einzelschicksalsschlägen loslösen. Wir müssen diese Krise so bewältigen, dass wir eine gestärkte Gesellschaft und Völkergemeinschaft erhalten und eine resiliente Wirtschaft als Grundlage für den Wohlstand für uns und jedes andere Individuum schaffen. Denn unser Wohlstand beruht auf der Wertschöpfung aus den natürlichen Systemen wie beispielsweise Biodiversität für medizinische Wirkstoffe und genetische Vielfalt, natürlicher Bodenproduktivität für unsere Nahrungsmittel, Wasserqualität oder einem stabilen Klima. Diese natürlichen Systeme sind über Millionen von Jahren entstanden und haben eine Vielfalt von Geschäftsmodellen hervorgebracht. Treiber waren und sind universelle, physikalische Gesetzmässigkeiten (Energie, Thermodynamik), Stoffkreisläufe (Wiederverwendbarkeit, Knappheit) oder Biodiversität (Mutationen, genetische Reserven). Resilienz bildete sich als erprobtes Merkmal aus diesem Realitätscheck heraus. Resilienz kommt vom Lateinischen resilire (zurückspringen, abprallen). Unternehmer und Politiker können sich vom diesen Merkmalen der Resilienz, abgeleitet aus den naturbasierten Geschäftsmodellen, inspirieren lassen.

Die disruptiven Massnahmen der Regierungen wegen Covid-19 sind Ursache fehlender Widerstandskraft unseres Wirtschafts- und konkret des Gesundheitssystems. Eine Business Continuity wird es nicht geben angesichts der global vernetzten Risikolandschaft (siehe WEF und Stockholm Resisilience Center). Kettenrisse gab es bereits vor Covid-19. Darauf haben Wissenschaftler seit Jahren hingewiesen, insbesondere auch im Kontext der Demographie und des Bevölkerungswachstums.

Innehalten heisst: Chance und Raum geben für die gesellschaftliche Auseinandersetzung und das kritische Hinterfragen als Unternehmer, Bürger und Politiker. Global Business Recovery wird viele Länder hoch einstellige BSP-Prozentpunkte kosten. Investitionen in die Zukunft – risikobasiert.

Es erfordert dabei, sich persönlich wie als Regierung unter anderem folgende Fragen zu stellen:

  • Waren die Massnahmen und die damit verbundenen Kosten gegenüber dem Nutzen gerechtfertigt?
  • Wie viel Sicherheit im Leben gibt es und wieviel wollen wir uns das kosten lassen?
  • Wie nutzen wir die gigantischen Finanzstützungsprogramme, um nicht nur Schuldenberge zu häufen, sondern auch Investitionen für eine zukunftsorientierte Transformation herbeizuführen – wie zum Beispiel Investitionen in die Dekarbonisierung, um bereits auflaufenden Kostenfolgen für Wassermangel, Verwüstung und weitere Krankheiten als Folge des Klimawandels zu verhindern und zu mildern?

Eine Welt ohne und immun gegen das Covid-Virus schafft alleine keine Resilienz.


Alain Schilli, MSc MB, wirkt als Unternehmer, Mentor von Start Ups und Unternehmensentwickler im Bereich erneuerbare Energie und Kreislaufwirtschaft. Er hat 2010 die Initiative SHIFT Zurich– Naturbasierte Innovation und Finanzierung –mitgegründet. Er ist Inhaber von Magnefico GmbHund Senior Berater bei Swisspower AG.

Wie viel kostet Ihr Vertrauen?

Gregory Arzumanian
13 May 2020

Vertrauen gehört zu uns seit unserer Geburt. Wir verlieren es jedoch, wenn Vertrauen zur Ware wird, sagt Unternehmer Gregory Arzumanian. Dabei sei es mithilfe der Blockchain-Technologie möglich, Daten selbst zu prüfen und unabhängige Entscheidungen zu treffen.


Vielleicht halten Sie dies für eine rhetorische Frage oder Sie sind so naiv und glauben, dass Ihr Vertrauen nicht käuflich ist. Ich würde gerne daran glauben, aber: Wir leben in einer Welt, in der unser Vertrauen eine Ware ist. Was ist der Preis, wer setzt ihn fest und wie?

Der Preis hängt von der Nachfrage ab. Mit anderen Worten, wie sehr die Käufer Ihres Vertrauens an Ihnen interessiert sind? Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen modischen Duft, Bio-Produkte oder eine Stimme für einen Politiker handelt.

Die Vertrauenskäufer wenden sich an zahlreiche Beratungsagenturen, die auf der Grundlage von Forschungen in Neuromarketing, Verhaltenspsychologie, Sozialanalyse und vielen anderen Faktoren die Kosten ermitteln; und dann zeigen sie mit Hilfe von SEO-Optimierung, sogenannten Influencern und Werbung Websites, Bilder und manchmal auch endgültige Ideen auf – damit Sie glauben, dass dies genau das ist, was Sie gesucht haben.

Aber ich bin sicher, dass dies im Allgemeinen nicht das ist, wonach wir alle gesucht haben. Indem wir Vertrauen zu einer Ware gemacht haben, haben wir das Wichtigste verloren – Vertrauen. Die aktuelle Krise zeigt das deutlich. Und es ist bereits offensichtlich, dass nicht nur Vertrauen, sondern auch all die schönen Appelle und Slogans über Gleichheit, Brüderlichkeit und Mitgefühl, die es in allen möglichen Medien gibt, eine Ware sind, die uns jemand verkaufen will. Warum denke ich das? Weil ich kein Vertrauen in sie habe!

Fragen Sie, was zu tun ist? Die Antwort ist einfach: Es ist höchste Zeit, zu den wahren Werten zurückzukehren.

Ich möchte nicht, dass mein Vertrauen gekauft, sondern vielmehr verdient wird. Genauso wenig möchte ich Freunde, Kunden oder Partner kaufen.

Etwas, das einen Preis hat, kann immer zu einem höheren Preis gekauft werden. Was durch ehrliche Arbeit verdient wird, gehört von Rechts wegen Ihnen. Und das kann nicht weggenommen werden.

Stimmt, das klingt ein bisschen idealistisch. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die modernen digitalen Technologien es uns ermöglichen, ein System mit einem echten Vertrauenswert zu schaffen. Wir haben dazu beigetragen und die FCE-Plattform ins Leben gerufen. Dies ist ein globales Ökosystem, das auf den Prinzipien der digitalen Transparenz auf der Grundlage von Blockchain und IoT aufgebaut ist. Teilnehmer sind alle Firmen, Unternehmen und soziale Einrichtungen, die die Prinzipien der Transparenz, des Vertrauens und der Zusammenarbeit teilen.

Sie sind herzlich eingeladen, sich uns anzuschliessen: https://iot.fcegroup.ch/


Gregory Arzumanianist Gründer und CEO der auf Blockchain-Anwendungen spezialisierten FCE Group AG mit Sitz in Root LU. Er ist Vater von drei Kindern. Seine Themen sind innovative Technologien, nachhaltige Entwicklung und der Blick über konventionelles Wissen hinweg.

 

Dieser Beitrag wurde auf Englisch verfasst und auf Deutsch übersetzt.

Medizin gegen das grosse Geraune

Michael Lünstroth
12 May 2020

Verschwörungstheorien und Falschmeldungen haben in der Krise Hochkonjuktur. Um dem Geraune beizukommen, rät Michael Lünstroth zu Faktenchecks. Als Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch ist er der Meinung, die Gesellschaft könne einiges vom Journalismus lernen.


Neulich erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht von einem guten Freund. Darin verlinkte er ein YouTube-Video und schrieb dazu: „Hier mal ein interessanter Ansatz zu Corona“. Das Video entpuppte sich als gefährliche Mischung aus Halbwissen, scheinbar richtigen Fragen und kruden Theorien einer Weltverschwörung, die am Ende darauf hinauslief, dass Bill Gates hinter der Verbreitung des Virus stecken könnte. Ich war entsetzt. Bislang war niemand in meinem Freundeskreis für derlei toxischen Verschwörungsmist anfällig. Die Corona-Krise scheint auch das zu ändern.

Dabei gibt es relativ einfache Methoden, um berechtigte Fragen zur Corona-Politik von fiesen Verschwörungstheorien zu unterscheiden.

1. Checken Sie die Website!

Grundsätzlich gilt: Je reisserischer eine Quelle ist, desto vorsichtiger sollte man sein. Es gibt ein paar technische Hilfsmittel, mit denen man die Seriosität einer Internetseite besser einschätzen kann. Zu prüfen, ob die Seite ein Impressum hat, ist ein erster Schritt. Das ist Pflicht in fast allen Ländern. Fehlt dies, ist erste Vorsicht geboten. Es gibt auch Seiten wie www.nic.ch/ (Schweiz) oder www.denic.de/ (Deutschland), mit denen man unkompliziert die Betreiber einer Seite herausfinden kann. Damit lässt sich dann weiter über die Hintergründe des Betreibers recherchieren.

2. Benutzen andere diese Quellen?

Um sich vor Fakes zu schützen, sollte man das 2-Quellen-Prinzip verwenden. Das heisst, einer Information erst dann zu vertrauen, wenn sie von mindestens zwei unterschiedlichen Quellen verwendet wird. Das heisst dann noch immer nicht, dass es zwingend wahr sein muss, aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt. Zur Einschätzung der Quelle kann es auch helfen sie mit einer Suchmaschine zu durchleuchten. So bekommt man relativ schnell heraus, in welchen Kontexten diese Quelle bislang benutzt wird.

3. Wahres und Falsches in den Sozialen Medien

Vor allem in den Sozialen Medien spriessen die wildesten Verschwörungstheorien wie Pilze im September. Hier die Übersicht zu behalten, ist fast unmöglich. Es gibt allerdings ein paar Werkzeuge, die helfen können, den Interessen einer Quelle auf die Spur zu kommen.

So hat zum Beispiel die Indiana University einen so genannten Botometer entwickelt: Mit Hilfe dieses Tools kann man analysieren, wie aktiv ein Account ist und wie wahrscheinlich es ist, dass es ein Social Bot ist, der Falschinformationen verbreitet.

Twitter-Accounts kann man auch mit zwei weiteren Werkzeugen prüfen: followerwonk.com und accountanalysis.app. Hier erkennt man relativ schnell, welche Accounts miteinander interagieren. Die Filterbubbles und Ausrichtungen von Accounts lassen sich so besser einschätzen.

Immerhin nehmen die Plattformbetreiber das Thema sehr ernst. „Sie scheinen auch deutlich bereiter zu sein, aktiv einzugreifen, als sie es im Fall politischer Des- oder Falschinformation in Wahlkämpfen typischerweise sind“, sagt der Konstanzer Medienforscher Andreas Jungherr. Trotzdem sollte man sich nicht nur auf Quellen aus den Sozialen Medien verlassen. Das sollte man übrigens auch in normalen Zeiten nie, in Krisenzeiten aber erst recht nicht. Jungherr von Universität Konstanz sagt: „Man ist inzwischen besser bedient, sich auf die Berichterstattung etablierter Medien zu verlassen.“

4. Skepsis first: Zum Umgang mit Fotos und Videos

Bilder und Videos spielen im Umgang mit Fakes rund um die Corona-Pandemie auch eine Rolle. Da ist es hilfreich, ein paar grundlegende Techniken zum Seriositäts-Check von Quellen zu beherrschen. Wesentliche Fragen, die man sich hier immer stellen sollte, sind: Skepsis first: Kann das sein? Sehe ich das Originalfoto? Wer hat das Foto aufgenommen? Wo wurde das Foto aufgenommen? Wann wurde das Foto aufgenommen? Warum wurde das Foto aufgenommen?

Davon ausgehend, kann man weiter recherchieren und die Glaubwürdigkeit von Quellen prüfen. Hilfreich sind dabei vor allem zwei Tools:

Erstens: Die umgekehrte Bildersuche in Suchmaschinen wie Google oder Yandex. Sie beantwortet die Frage, ob das Bild schon früher und in anderen Kontexten verwendet wurde. Zweitens: Für die Browser Chrome und Firefox gibt es ein Zusatzprogramm, ein so genanntes PlugIn, mit dem man seinen Browser aufrüsten kann. Er heisst „RevEye Reverse Image Search“ und schickt ein zu überprüfendes Bild mit einem Klick an mehrere Suchmaschinen. Bei Videos empfiehlt sich das EU-Projekt „We verify“ oder der YouTube Data Viewer von Amnesty International.

5. Nutzen Sie seriöse Quellen!

Eine detaillierte Prüfung von Nachrichten kann aufwändig werden. Je professioneller die Fakes sind, umso schwieriger gelingt die Entlarvung. Wem das zu viel Arbeit ist, bleibt nur ein Rat: Vertraut nur seriösen Quellen. Viele Experten wie Christian Drosten, Virologe der Charité Berlin, haben inzwischen eigene Podcasts und Twitter-Accounts, über die sie informieren. Daneben haben aber auch zahlreiche Medien eigene gute Angebote. Die Republik zum Beispiel erstellt von Montag bis Freitag einen täglichen und sehr informativen Covid19-Newsletter. Auch die Wochenzeitung und andere Schweizer Medien betreiben engagierte Berichterstattung rund um das Coronavirus.

Regelmässige Faktenchecks zur aktuellen Nachrichtenlage liefern auch diese Seiten: Snopes (für Meldungen aus den USA und international), Mimikama aus Österreich für europäische Nachrichten (gerade aktuell zu Fakes rund um das Coronavirus) und das gemeinnützige Journalistenbüro Correctiv.

Übrigens: Das Video, das mir mein Freund weiter geleitet hatte, entstammte aus identitären bis rechtsextremen Kreisen. Aus dieser Richtung gibt es gerade zahlreiche Versuche, unsere Gesellschaft zu destabilisieren und Misstrauen zu säen. Die Rechten versuchen, die sich oft täglich ändernde Nachrichtenlage als Wankelmütigkeit und Unfähigkeit der Politik zu framen und zu verkaufen. Dabei sind diese Meinungsumschwünge oft nur neuen Erkenntnissen der Wissenschaft geschuldet. Das ist Fortschritt, nicht Inkompetenz.

Nochmal: Es ist richtig, Dinge in Frage zu stellen. Auch jetzt. Vielleicht gerade jetzt. Aber wie genau gefährliche Verschwörungstheorien jetzt weiterhelfen, hat noch keiner so richtig beantwortet.

Bitte: Keine Reichweite für Volldeppen!

Überlegen Sie gut, was Sie in den Sozialen Medien teilen und weiterverbreiten. Checken Sie die Quellen! Und wenn Sie das nicht können oder wollen: Teilen Sie nur Inhalte von seriösen Quellen. Wir sind alle verantwortlich für die Gesellschaft, in der wir leben. Und dafür, welche Nachrichten Aufmerksamkeit bekommen und welche nicht.

Deshalb lassen Sie uns doch auf folgende Formel einigen: Keine Reichweite für verschwörungstheoretischen Unfug, keine Reichweite für Volldeppen! Damit sollten wir zumindest nachrichtentechnisch gut durch diese Krise kommen.


Michael Lünstroth (42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den passenden Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen.